Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1909)
- Date
- 1909-08-06
- Page
- Seite 377 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 377 - dieselbe und setzte in emer längeren Rede auseinander, welche Gründe Veranlassung gewesen wären, Mesopotamien als das geeignetste Ansiedlungsterrain vorzuschlagen. Herr Meyer A. Spielmän, der Vorsitzende der britischen „Jto "-Vereinigung brachte hierauf folgende Resolution zur Abstimmung: „Die Versammlung der Juden Londons und der Delegierten der jüdischen Kolonisätionsvereinigungen aus allen Teilen Europas erklärt, daß die sich immermehr zuspitzende Judensrage, besonders in Rußland und Rumänien, und die stetig zunehmende Auswanderung aus diesen und anderen Ländern, es dringend erfordern, auf gesetzmäßige Weise der: Juden, die ihren bisherigen Wohnort verlassen müssen und wollen, eine Zufluchtsstätte zu sichern. Die Versammlung fordert alle jüdischen Vereinigungen auf, an der Gewinnung Mesopotamiens, als einem diesem Zwecke entsprechenden Gebiete, mitzuwirken." Die Resolution wurde fast einstimmig angenommen. Aus Helsingfors wird der „N.J.K." von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: Der finnische Senat hat ein Gesetzesprojekt ausgearbeitet, wonach den in Finnland geborenen oder seit mindestens zehn Jahren wohnhaften Juden die bürgerliche Gleichberechtigung gewährt werden soll. Dieses Gesetzesprojekt ist aber von der russischen Regierung als zu liberal befunden worden, und der hiesige Generalgouverneur hat sich an den finnischen Senat mit der Forderung gewendet, Garantien dafür zu schaffen, daß sich nicht zu viel Juden in Finnland niederlassen! Der Generalgouverneur protestierte auch gegen die Bestimmung, daß 'sich jeder russische Jude drei Monate in Finnland auchalten darf. Er verlangt die Beschränkung des Termins auf höchstens einen Monat, da die Juden in drei Monaten hier irgendwelche geschäftlichen Betriebe eröffnen könnten, wodurch ihre spätere Ausweisung erschwert würde. Wie vorsorglich und weitschauend ein russischer Regierungsvertreter in bezug auf Judenentrechtung doch sein kann. Das erwähnte Gesetzesprojekt gibt ferner jedem finnischen Gouverneur das Recht, fremden Juden den Aufenthalt in seinem Bezirk mit Zustimmung der Ortsverwaltung für ein Jahr zu gestatten. Auch das erscheint dem Generalgouverneur zu „liberal" oder zu „gefährlich", und er wünscht auch hier eine Verkürzung der Frist auf sechs Monate. Was wird nun der finnische Senat auf alle diese echtrussischen Forderungen erwidern? Schon das elementarste Gefühl der Selbstachtung gegenüber den russischen Eingriffen müßte ihn bestimmen, sie mit Nachdruck abzulehnen. Aber es handelt sich ja hier „bloß um Juden"! * Derselben Korrespondenz wird aus Wilna berichtet: Vor kurzen: hielt sich hier Baron David Günzburg auf und machte die Vorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde mit den von ihm in Petersburg begründeten jüdischen Kursen bekannt. Auf diesen Kursen werden Talmud, jüdische Geschichte, Arabisch, Religions- Philosophie usw. unterrichtet. Nach der Meinung des Baron Günzburg müssen diese Kurse sich nicht zu einem Lehrerseminar, sondern zu einer Akademie der jüdischen Wissenschaft herausbilden. Aus dieser Akademie sollen dann Rabbiner, Prediger und überhaupt jüdische Gelehrte hervorgehen. Die Erhaltungskosten für eine solche Akademie werden auf 30 000 Rubel jährlich eingeschätzt, die von den jüdischen Zentren aufgebracht werden sollen. Gegenwärtig werden die Kurse von 30 Hörern besucht, von denen jeder eine monatliche Unterstützung von 20 bis 25 Rubel erhält. Die Dauer des Besuchs erstreckt sich auf fünf Jahre. Die Idee der jüdischen Akademie begegnet in der jüdischen Gesellschaft überall der wärmsten Sympathie. Man erwartet davon namentlich eine Lösung der in Rußland seit , langem bekanntlich aktuellen Nabbinerfrage, die darin besteht, daß der wirkliche Kultusrabbiner und der offizielle, sogenannte Kronrabbiner nicht in einer Person vereinigt sind. Durch diesen Dualismus leidet das jüdische Gemeindeleben in Rußland in empfindlichster Weise, und es besteht ein dringendes Bedürfnis nach einer Lehranstalt, in der sich die Zöglinge das notwendige jüdische Wissen wie auch allgemeine profane Bildung aneignen könnten. Erinnerungen an Br. Gultso Larpeles. Von Benas Levh. uf das frische Grab des begeisterten Kämpfers für das Judentum, meines lieben guten Freundes Gustav Karpeles will ich noch einen Kranz von Immortellen legen, und will sein Bild noch einmal frisch erstehen' lassen, wie es sich meinem geistigen Auge darstellt. Wer wie ich seit fast zwei Jahrzehnten in innigem Verkehr mit ihm gewesen ist, wer wie ich allwöchentlich, oft alltäglich mit ihm im Briefwechsel gestanden hat, der konnte einen Blick in seine Seele werfen, und diese Seele war edel und groß, rein und lauter. Sie war erfüllt von Freundschaft und Liebe, hatte Sinn für alles, was gut und schön war, und Kannte kein Falsch und kein Arg. Und welch scharfer, feinsinniger Geist, war diesem guten Mann eigen! Unser lieber Freund Karpeles kannte alles, er wußte alles, und fein wunderbares Gedächtnis half ihm, alle Quellen sofort aufzufinden. Wieviele Redner hat er damit bereitwilligst unterstützt! Ergab jedem sofort die gewünschte Auskunft, er schöpfte aus dem vollen Born der Wissenschaft und ließ alle daran teilnehmen, die sich an ihn wandten. Und Unzählige waren es, die sich ihm mit Bitten und Anliegen und Wünschen nahten, für alle hatte Karpeles ein freundliches und helfendes Wort. Ich glaube, ein „Nein" ist niemals über seine Lippen gekommen. Er war gut, vielleicht oft zu gut, er opferte sich vielfach für andere auf und wies in seiner rührenden Bescheidenheit jeden Dank ab. Es war ihm Herzensbedürfnis zu helfen, wie und wo er konnte, und gar viele haben durch seinen allzu frühen Tod ihren treuesten Beschützer verloren. Alles, was Karpeles getan und geleistet hat, vollbrachte er durch seine innige Liebe zum Judentum, für das er mit seinem ganzen Herzen und mit seiner ganzen Seele eintrat. Er war ein liberaler Jude. Bei all seinem Pietätvollen Festhalten an den Gebräuchen und Sitten unserer Voreltern hatte er die Ueberzeugung, daß die Religion des Judentums nur dann bestehen könne, wenn sie in liberalem Sinne ausgestaltet wird. — Er sehnte die Religion der Propheten herbei und sprach es wörtlich aus: „Wenn alle Religionen sich vereinigt haben werden, dann wird die Religion der Propheten herrschen, die Religion, die sich auf das Bekenntnis des einig einzigen Gottes, des Lenkers der Welt gründet, dessen Reich aus Erden ein Reich der Menschlichkeit, der Freiheit und der Gerechtigkeit ist." Diesen Standpunkt hat Karpeles in allem, was er schrieb und sprach, vertreten. Wer seine Artikel in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" aufmerksam durchgelesen, wird es bestätigen. Wer seine Vorträge im Liberalen Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin gehört hat, der wußte es, daß Karpeles ein begeisterter liberaler Jude gewesen ist. Noch am 5. Juli d. I. hatte er zum Empfange der bekannten Vertreter des Reformjudentums in Amerika, des Rektors Dr. Kaufmann Köhler in Cincinnati und des Predigers Dr. Schulmann aus New Jork einen zündenden Trinkspruch auf das liberale Judentum und ihre Vertreter gehalten. Niemand von uns hätte damals denken können, daß der in der ganzen Frische und Munterkeit seines Wesens unter uns weilende Dr. Karpel e s