Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1909)
- Date
- 1909-08-06
- Page
- Seite 376 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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begonnene „ilmkehr zum Judentum" beobachten zu dürfen. Er behauptet (und wer will ihm widersprechen?), die oft vernommeneLosung: „Fort von Paulus, zurück zu Jesus!" könne mit ebensoviel oder wohl noch mehr Recht und Deutlichkeit auch so gefaßt werden: „Fort vom christlichen .Dogma, zurück zur Lehre des,Judentums!" Höchst bezeichnend ist der Satz: „Der liberale Protestantismus hält an dieser (nämlich der christlichen) Glaubensformel fest; nur daß sie für ihn eine bloße Formel ohne' den ganz entsprechenden Inhalt zu sein scheint." Also auch der Israelit hat von den liberalen Theologen, denen er sich doch innerlich viel verwandter fühlt als.den positiven, den oft von gläubiger Seite ausgesprochenen Eindruck, daß sie — kurz und deutlich ausgedrückt — Falschmünzerei treiben. - Der Verfasser gebraucht diesen Ausdruck nicht, wie er denn überhaupt seine Urteile in eine höchst vorsichtige, milde und durchaus nicht verletzende Form kleidet; aber gerade durch die klare, leidenschaftslose, ich möchte sagen vornehme Darstellungsweife gewinnen die Urteile an überzeugender Kraft. Bei dem Lehrstück von der Gottheit Christi nimmt sich der Verfasser z.B. Rade vor, von dem er mit großer Wertschätzung spricht. Aber was hört er aus den Aeußerungen dieses protestantischen Theologen über die Gottheit Christi heraus? Wir können natürlich nicht die ganze Auseinandersetzung zitieren, aber das Schlußwort lautet im Hinblick auf Rade und Anhänger: „. 7. Will man diese Entwicklung kennzeichnen, sie läßt sich nicht gut anders benennen, als eine Rückkehr zum Judentum, oder wenn es manchem Ohre so besser klingen sollte, zum alten Testament." Starkes Gewicht legt Dr. Baeck ferner auf die Bemühung des modernen Protestantismus, „eine ethische Religion" zu sein. Hier kommt er auf das neueste System der christlichen Lehre von H. H. Wendt zu sprechen und urteilt (in diesem) „ist von jenem christlich-lutherischen Glaubens- und Erlösungsbegriff kaum etwas Wesentliches mehr zu entdecken; und was findet man? Die ganze alte jüdische Versöhnungstagspredigt!" — Zum Schluffe nur noch ein Satz aus dem interessanten Artikel: „Allenthalben zeigt so ein Blick auf die Wandlungen im modernen Protestantismus, daß sie die Tendenz haben, aus dem Gedankenkreise der Kirche hinaus und zu dem Jdeengebiet des Judentums hinzuführen." Das fromme Organ der Junker und Agrarier begleitet diese Auslassung mit folgenden Worten: „Wir wollen uns von dem achtbaren orthodoxen Juden nicht durch die Feinheit der Tonart übertreffen lassen: kein zorniges oder spöttisches Wort gegen die Vertreter des liberalen Protestantismus! Nur die Bitte, zu überlegen, welch ein vernichtendes Urteil über ihre Geistesrichtung in der Auffassung des ehrlichen Israeliten liegt: Ihr seid auf dem Wege der Umkehr zum Judentum." Schrecklich! Als Herr v. Studt noch preußischer Kultusminister war, fand eine Unterredung zwischen einem Zahnarzt S. und dem Vortragenden Rat im Kultusministerium Kirchner statt. Bei dieser Gelegenheit teilte Herr Kirchner dem Zahnarzt S. mit, daß sein Chef sich wundere, an der Spitze der ärztlichen und zahnärztlichen Vereine immer jüdische Herren zu sehen. Das werde oben unangenehm empfunden. Die Folge dieser Unterredung war eine Agitation der christlichen Zahnärzte gegen die jüdischen Vorstandsmitglieder und im weiteren Verlaus die Spaltung der zahnärztlichen Vereine. So berichtet die Abwehrvereinskorrespondenz. Erst jetzt sind diese Vorgänge bekanntgeworden. Aber sie haben deshalb nicht an öffentlichem Interesse verloren. Ist es nicht geradezu haarsträubend, daß ein Minister, für den die Verfassung oberste Norm sein sollte, sich schnöde über die Gleichberechtigung der Konfessionen hinwegsetzt und friedenstörende antisemitische Propaganda von Amts wegen treibt? Traurig auch, daß ein Vortragender Rat sich zum Instrumente dieser Propaganda hergibt! Jedenfalls bedarf die Angelegenheit einer amtlichen Klarstellung, die hoffentlich bald erfolgen wird. _ * Gegen den antisemitisch en RerchstagsäbgeordnetenZimm ermann hat, wie aus Marienberg gemeldet wird, der dortige Evangelische Arbeiterverein in einer Resolution Stellung genommen wegen seiner Haltung bei Beratung der Reichsfinanzreform. Es heißt in der Resolution: „Der Evangelische Arbeiterverein erklärt, daß er das Verhalten des Herrn Reichstagsabgeordneten Zimmermann in der Reichsfinanzreformfrage entschieden mißbilligt, da er seinem Versprechen, die schwachen Schultern zu schützen, nicht nachgekommen ist. Ein Teil seiner Parteigenossen hat gegen die Erbanfallsteuer gestimmt; dadurch hat diese Partei, die Deutsche Reformpartei, der Herr Zimmermann angehört, gezeigt, daß sie das nationale Interesse nicht in der rechten Weise zu vertreten weiß. Der Evangelische Arbeiterverein zu Marienberg ist der Ansicht, daß Herr Zimmermann nicht der geeignete Mann zur Vertretung der Interessen unseres Wahlkreises ist. Es wird deshalb an die nationalen Vereinigungen im 20. sächsischen Reichstagswahlkreise das ergebene Ersuchen gerichtet, bei der nächsten . Reichstagswahl' von der Wiederaufstellung des Herrn Zimmermann absehen zu wollen und die Kandidatur einem geeigneten Herrn aus dem nationalliberalen oder freisinnigen Lager zu übertragen." Auch eine Landtagswahlkandidatür des Herrn Zimmermann kann nach dieser Resolution die nationale Arbeiterschaft Marienbergs nicht unterstützen; sie tritt vielmehr nachdrücklich für die Wahl des Seminardirektors Sehfert in Zschopau ein. * In Bayern scheinen die Antisemiten trotz aller Anstrengungen noch immer sehr schlechte Geschäfte zu machen. Das ist für den, der die bayerischen Verhältnisse kennt, 'begreiflich. Dem Bayern mag es hie und da an Abneigung gegen alles, was nicht bajuvarisch ist, gewiß nicht fehlen, und gewöhnt, allem einen recht derben Ausdruck zu verleihen, kann er auch, ohne sich eigentlich schlimmes zu denken, ein grobes Wort gegen Juden ausstoßen, aber er.ist zu ehrlich und gerade, um die Judenhetze als Sport zu betreiben und aus antisemitischen Kindereien eine Politik zu machen. Namentlich ist er sehr mißtrauisch gegen einen von Preußen importierten Antisemitismus. Mancher Bayer denkt ungefähr so: „Wir haben unsere eigene konfessionelle Engherzigkeit, unsere eigenen Vorurteile, was brauchen wir da noch den preußischen Antisemitismus?" Und so findet dieser importierte Artikel schlechten Absatz. Im Liebermannschen Blättchen jammert ein Antisemit in Nürnberg, daß es — einen bayerischen Steinkrug rühren könnte. Der tränenreiche Teutone schreibt: „Leider war das Interesse, welches unseren Bestrebungen entgegengebracht wurde, ein fast klägliches, so daß wir schon den Mut verloren. Wir stoßen nun zum zweitenmal ins Horn und hoffen bestimmt, daß sich die Bajuvaren aufraffen. Fällt's denn gar so schwer, uns eine Zustimmung für unser Unternehmen zu geben, uns wenigstens zu ermutigen? Warum fehlt in München noch immer die Ortsgruppe?" Ja, in München, wo es doch für alles Vereine gibt, fehlt es noch an einer antisemitischen Ortsgruppe. Die guten Münchener bekümmern sich eben um wichtigere Dinge als um die politische Weisheit der Antisemiten, und die durch die Antisemiten mitverschuldete neue Biersteuer macht ihnen mehr Sorgen als der „ungeheure Judeneinfluß", von dem sie nichts spüren. Wo der alte bajuvarische Geist mit all seinen Licht-- und Schattenseiten herrscht, da ist für die antisemitischen Phrasen mit ihrem geheuchelten Patriotismus kein günstiger Boden. *6* Der am 15. und 16. Juli in London stattgehabten vertraulichen Sitzung des internationalen Rates der Jewish Territorial Organisation folgte am Sonntag den 18. Juli eine große öffentliche Versammlung. Israel Zang will eröffnete