Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1909)
- Date
- 1909-08-06
- Page
- Seite 375 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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'3t5 hat hierbei selbst die Leitung ausgeübt. Der springendste Punkt dieser Umformung der Verwaltung ist darin zu erblicken,, daß den. Ansiedlern, die zu einer „Genossenschaft für die Herstellung und den Vertrieb der in den Kellern von Ri schon le Zion und Sichron Jacob gewonnenen Weine" zusammengeschlossen sind, dieser Vertrieb überlassen worden ist. Und man muß sagen, daß die Ansiedler hierin mehr Erfolg erzielen als die Verwaltung früher, als ihr noch diese Aufgabe oblag. Auch hier hat sich wieder einmal die uralte politische Weisheit bewahrheitet, daß die beste Negierungsform das „selk-governmeut" ist. Mit diesen neuen Zuständen sind die Ansiedler ebenso zufrieden wie wir. Nun, wo sie auf sich selbst bauen müssen, wo alles auf eigene Kappe und Gefahr geht, arbeiten sie im Gefühl der eigenen Verantwortlichkeit freiwillig und fleißig, und fast alle Kolonien beginnen schon Erträge abzuwerfen. Die außerhalb Palästinas in Anatolien bestehenden kleinen Kolonien Karaha und Safilar, die von rumänischen Auswanderern ziemlich schlecht basiert worden waren, wären ohne unsere Unterstützung untergegangen. Sie scheinen wieder aufzuleben, und es gewinnt den Anschein, als ob sie auch lebensfähig scheinen. Größere Hoffnungen erfüllen uns in der Türkei. Wir bereiten in unserer landwirtschaftlichen Schule Arbeiter für ihren Beruf vor, die ihr Vaterland, verlassen mußten, um ihrem Beruf zu leben. Wir denken, daß sie unter dem neuen Regiment in der Türkei, ihrem Vaterlande, bleiben und es aus ihrem Können und ihrem Fleiße Nutzen ziehen lassen dürfen. Hierfür ist eine Vorarbeit von^ Wichtigkeit, mit der wir uns bereits seit zwei Jahren beschäftigen. Vor zwei Jahren haben wir eine Expedition nach Mesopotamien geschickt, deren Berichte die Möglichkeit des Erfolges eines landwirtschaftlichen Unternehmens in diesem Lande erhoffen lassen. Wir haben uns jedenfalls entschlossen, es zu versuchen. Wir fahren in unserem Berichte fort, meine Herren. Fortgesetzt haben wir uns mit den Zuständen in den Ländern, aus denen die Auswanderung erfolgt, beschäftigt, ebenso intensiv wie mit denen, wohin sie erfolgt. Sie alle wissen bereits, in wie hohem Maße die Gesetze Rumäniens ebenso wie die Rußlands Unseren Bestrebungen Hindernisse bereiten. Was soll man in Rumänien anfangen? Die Weisheit der dortigen Gesetzgeber beschränkt sich darauf, die Juden von der Arbeit fernzuhalten. Die Gewerbefreiheit ist ihnen beschränkt, die Freiheit, Landwirtschaft zu treiberh völlig genommen. Sie sind nicht einmal in der Erziehung ihrer Kinder uneingeschränkt. Wo sollen sie entwickelt werden? Die staatlichen Schulen sind ihnen fast völlig verschlossen. Wir tun alles, was in unserer Macht steht, um die Gemeinden bei der Errichtung eigener Schulbauten zu unterstützen, ihnen bei der Erteilung des Elementarunterrichts behilflich zu sein. Im letzten Jahre haben wir 32 Schulen subventioniert (darunter eine Berufsschule für Mädchen), die zusammen 7121 Schüler zählen. Was ist in Rußland zu tun? Wir subventionieren hier 51 Schulen ersten Grades (Elementarschulen), die 1908 mehr als 8000 Schüler zählten. Die 21 Fortbildungs-(Berufs-)schulen für Knaben, die wir unterstützten, hatten 4333 Schüler, die 17 Fortbildungsschulen für Mädchen 972 Schülerinnen. Unsere Förderungen der Landwirtschaft in Rußland selbst sind begrenzt, weil es den Juden verboten ist, außerhalb des Territoriums auf dem Lande zu wohnen, wie in fast dem ganzen Territorium, aus dem sie ausgeschlossen sind. Unsere Tätigkeit ist beschränkt auf die von Alexander und Nikolaus L gegründeten Kolonien. Es ist diesen Kolonien verboten, sich in Beffarabien, in Podolien, im Gouvernement Cherson, in der Nordwestrichtung außerhalb der Grenzen, innerhalb welcher sie gegründet wurden, auszudehnen, obwohl ihre Bevölkerung wächst. Wir tun, was in unseren Kräften steht. Wir haben ein vollständiges System agrikultureller Amelioration geschaffen, das es den Ansiedlern erleichtert, sich 'mit der Düngung und den Modernen Methoden vertraut zu machen, um sie so in den Stand zu setzen, aus ihrem, auf ein Minimum beschränkten Landbesitz alle möglichen Resultate zu erzielen. Wir Helsen den Gärtnern vor den Städten ihre Gartenanlagen und Weinberge erweitern. Fünf Schulen dienen dem andwirtschaftlichen Unterricht der Kinder. Die Einrichtung landwirtschaftlicher, industrieller und kommen zieller Darlehnskassen vervollständigt unsere Tätigkeit in Rußland. Ihr Nutzen wird am besten durch die. Zahl der. von ihnen Gebrauch machenden Personen illustriert; es sind 1 046 518 Personen, die hier Kredit in Anspruch nahmen. Sie fetzen sich zusammen, aus Arbeitern, Ansiedlern und kleinen Händlern. Die Darlehne haben 1908 10 OO0 000 Rubel überschritten. Hiervon sind neun Millionen Rubel znrückgezahlt worden. . In Galizien haben wir die ersten Kaffen eingerichtet, um einer durch Elend schwer gebeugten Bevölkerung auszuhelfen. Die Kassen stiften sehr viel Gutes. Es gibt heute deren 20, die 14 453 Mitglieder zählen. Der Gesamtbetrag ihrer Vorschüsse hat sich 1908 auf 2 536188 Kronen belaufen. Wir sind durch ihren Erfolg veranlaßt worden, sie in derartig großen Proportionen einzurichten, da sie für die gesamte Bevölkerung von größter Wichtigkeit sind. Was, meine Herren, würden doch die Juden in Rumänien und in Rußland für die Wohlfahrt ihrer Länder leisten können, wenn sie von diesen infamen Gesetzen, die siebeengen, befreit würden. Die Regierungen dieser Länder wissen das sehr wohl. Der russische Geschäftsträger besichtigte — es ist noch nicht lange her — unsere Kolonien in Argentinien. Der Wohlstand, der Saaten, das Wohlergehen der Ansiedler setzten ihn in Erstaunen. Er hätte nicht so weit zu gehen brauchen. Die Erfolge der Ansiedler in Rußland genügen, um zu zeigen, was die Juden — ihre Vollfreiheit vorausgesetzt — in jedem Lande leisten jkönnten. Die Freiheit ist durch die Konstitution vom Oktober versprochen worden, die allen Russen Religionsfreiheit zusicherte. Die Erfüllung steht aus! Damit es in Erfüllung ginge, bedarf es nur einer Erinnerung daran, verbunden mit echtem Interesse für Rußland. In der Erwartung, daß dieses Gefühl in der Seele der Regierungen, die nach tvie vor die Juden verfolgen, erwache, vollenden wir geduldig unsere " hohe Aufgabe. Wenn wir hierin unterstützt werden und ebenso draußen Hilfe finden, wenn wir treue Mitarbeiter weiter zu den Unseren zählen, dann setzen wir unser Werk ort mit der bestimmten Hoffnung, daß auch nicht ein Zweig seiner zahlreichen Betätigungen unfruchtbar verdorre. . && Dir Woche. Berlin, 3. August, nter der Ueberschrift „Ein jüdisches Urteil über den liberalen Protestantismus" brachte die „Kreuzzeitung" in der Abend-Ausgabe vom 31. Juli nachstehende bemerkenswerte Zuschrift eines evangelischen Geistlichen, die wir ungekürzt hier folgen lassen: Dem Einsender und, wie er bei dem Mangel jeder persönlichen Beziehung vermuten muß, auch vielen anderen Geistlichen ging dieser Tage die Juli-Nummer (mit dem Untertitel „Apologetische Sondernummer") des „Korrespondenzblattes des Verbandes der Deutschen Juden" als Drucksache zu. Die Nummer enthält zwei Aufsätze: „Die Umkehr zum Judentum" von Rabbiner Dr. L. Baeck (Düsseldorf), und „Die soziale Fürsorge bei den Juden in alter und neuer Zeit" von' Rabbiner Dr. Viktor Nordheimer (Schwetz). Nur mit dem ersteren Artikel beschäftigen wir uns. Er ist mit einer hoch anerkennenswerten Objektivität, in ruhigem, sachlichem Ton, ohne Fanatismus, ohne Angriffe aus das positive Christentum geschrieben. Was uns an diesem Aufsatze interessiert, ist-der — wie man wohl behaupten darf — gelungene Nachweis, daß der liberale Protestantismus sich auf dem Wege der Umkehr zum Judentum befinde. Der Verfasser sieht den Beginn dieser Umkehr in der „humanistischen Reformation" — Erasmus von Rotterdam, Hugo de Groot, Fausto Sozini. „Man wendete sich gegen Erbsünde und Genugtuungstod, gegen Gnaden wähl und Dreieinigkeit, man . predigte die Kraft des sittlichen Tuns. .., man begann besonders auch die Lehre des Judentums zu würdigen." In den gegenwärtigen Wandlungen innerhalb des Protestantismus meint Dr. Baeck jene alten Renaissance-Tendenzen, jene damals