Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1909)
- Date
- 1909-08-06
- Page
- Seite 374 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228885--65750-3277893- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
'' ' Sie sind, meine Herren, -von dem Ansiedlungsversuch unterrichtet, { den wir in Brasilien unternommen haben. Er'ist-geglückt. Die - Ansiedler von „Philippuri" erhalten keine Hilfe mehr. Sie leben selbständig von ihrer Hgnde. Werk, wie es die Ansiedler von Ärgen- ' tinferp aud) v|im.' Die Bevblkerün g^ auch Brasiliens nimmt ständig zu. ''Äie/Kolonie zählt/heute 'hei ^7 landtvirtschaftlichett/BetNeben ^Haushaltungen, mit327 Köpfend Mehr alWOO' Hektar?sind von diesen "Leuten im Jahre .1908 'fruchttragend gemacht worden. " Sie besaßen am Schluß des Jahres nicht weniger als 1044 Stück Vieh. Wir besorgen nur — wie in Argentinien -7-den Elementarunterricht. Die in „Philippnri" eröffnete Schule zahlt 69 Schüler, Knaben wie Mädchen. 'T/' Der7AügSkibriÄ,''diS/Kökonisatidn dieses Landes energisch in Angriff . .zu' nehmen, ist gekommen.. Das Klima ist gutder Boden fruchtbar, die Regierung bereitet den Einwanderern den Herzlichsten Rmpfang? Da fast alle Parzellen unseres bisherigen Besitzes besetzt sind, so stehen wir in Unterhandlung wegen des Ankaufes weiterer "größer Landstrecken, auf denen wir nachher wieder viele Ansiedler einsetzen können. '; Nicht. weniger interessant, meine Herren, gestaltete sich im Berichtsjahr, die Entwicklung der jüdischen Kolonisation in den Vereinigten Staaten von Nordamerika und die in Kanada. ' Die in den Vereinigten Staaten ist schon alt. Sie ist der .Gründung unserer Organisation, voraufgegangen.. Wir verdanken sie Auswanderern, die, den Greueln Rumäniens oder Rußlands müde, hierher geflohen oder, geradezu durch unsägliche Verfolgungen aus der -alten..Heimat vertrieben, eine Zuflucht und Leben in einem freien -^Lande gesucht haben. Aus eigenem Antriebe haben sie sich in die ^verschiedensten Gegenden zerstreut, zur Landarbeit, die sie kaum dem Namen nach kannten. Schwer war die Probe, lange Zeit ungewiß per Erfolg. Fehlschläge haben sie nicht entmutigt. Diejenigen, die 7 Landwirte entweder nicht werden wollten oder nicht werden konnten, sind viel zahlreicher gewesen. Sie haben ihre Geistesgaben, ihre Anlagen entsprechend ihren Fähigkeiten ausgenutzt. Sie haben die ' mannigfaltigsten Berufe und Gewerbe ergriffen. Sie haben sich auch auf geistigem Gebiete ihren Platz erobert. . Die staatliche Statistik zählte bei der Volkszählung von 1900 eine jüdische Bevölkerung von 1043800 Seelen. Jedes Jahr hat seit dieser Zeit an jüdischen Einwohnern allein einen Zufluß, der dem des Jahres 1907 mit 109 603 Köpfen entspricht, gebracht, während die Gesamteinwanderung 1 170195 Menschen betrug. Im Jahre 1908, in dem Amerika von einer Krise heimgesucht wurde, belief sie sich auf 62 326 Köpfe bei einer Gesamteinwanderung von nur 393753 Menschen. Die jüdische Kolonisation vollzieht sich in Amerika in ver- , schiedener Weise. Es gibt hier Einzelansiedler und Gruppensiedlungen. ,2000 Familien repräsentieren die Zahl von 12 000 Seelen. Die? Ansiedler erhalten Beihilfe von der amerikanischen Assoziation^ die überhaupt die Aufgabe der Einrichtung der Einwanderer auf sich genommen.hat und mit einem Eifer besorgt, - her nicht genug gelobt werden kann. Außerhalb dieser (offiziell geführter) Ansiedler haben unsere amerikanischen Freunde die Existenz .einer-Anzahl, jüdischer Landwirtschaftsbetriebe in fast allen Staaten .per Union festgestellt.. die aber nicht ziffernmäßig bestimmt werden '-könnten. . Diese werden als „mäiviäuLl Farmers" (selbständige Landcw-irte) .bezeichnet. Wir bemühen uns heute,/dm Einwanderung -jüdischer Ackerbauer in ausgewählte Gegenden, zu leiten, , wo sie von den Vorteilen einer vorgeschritteneren Wirtschaft . und gegenseitiger ^Unterstützung Nutzen haben. . Unsere amerikanischen Freunde haben -sich dieser. Siedlungspolitik. angeschlossen, und wir erhoffen davon - glückliche Resultate.. > Die. Beschäftigung der Einwanderer ist. häufiger in der Industrie -.als-in der Landwirtschaft. Dies, wird aus. die Erziehung zurückzuführen sein, die die Juden in ihrer Heimat genossen haben. In "New Uork haben . sie verschiedene Berussarten erweitert. So haben -tsie der Bekleidungsbranche eine - solche. Ausdehnung gegeben, daß ^dieser " Staat heute bereits für beträchtliche Summen ex- -/portiert,. und zwar solche Waren-, - die . er früher . importieren "-mußte. - Wir- - haben in erheblichem . .Maße an der Ent-? Wicklung des Flecken Woodline Anteil-- genommen und ihm sowohl industriellen wie landwirtschaftlichen Charakter gegeben. Des weiteren find' wir beteiligt an der Unterhaltung 'der Farmerschule in der Nachbarschaft, an.dem Ausbau einer Handwerkerschule in New Aork, aus der Jahr7für Jahr 275 bis 300 junge Leute mit einer Ausbildung hervorgehen, die sie befähigt, in Werkstätten einzutreten. Eine Jn» stitutioy, die alle anderen zü> unterstützen und: zu pervollständigen bestimmt ist, ist die „DoUsr-Lavir". Diese stellt sich als ein populäres, •„ für dm täglichen Verkehr bestimmtes Kreditinstitut .dar," das seine Entstehung der Initiative von Einwanderern verdankt: •?_ / In Kanada, Quebeck, Montreal, Halifax und St. Jean sind Fm letzten Jahre 2364 Juden gelandet. Die jüdische Einwanderung ist hier, wie ich bereits hervorhob. weniger alt als die in den Vereinigten Staaten; sie hat vor vielleicht 20 Jahren angefangen. Die An- - strengungen der Einwanderer, die sie aufwendeten, um sich in Kanada festzusetzen, waren recht erhebliche. Das Klima ist'rauh, Handel und Jndustrie befinden sich noch im Stadium der' Entwicklung./ In Montreal wohnen ungefähr 30 000 Juden, - und auf dieselbe Zähl schätzt man die übrigen, die im Lande zerstreut leben. 'In Montreal üben die Juden die verschiedensten Berufe aus.' 1908 hat unser Komitee in Fabriken kür Kleiderkonfektion -und anderen Branchen 2380 untergebracht. Ihre Arbeitgeber schätzen sie wegen ihres Fleißes, vor allem wegen ihrer Nüchternheit. Hier unterhalten wir auch die „Baron v. Hirsch-Schule", die gegen 600 Schüler faßt, lauter Kinder von Einwanderern, und die dort vor allem. Englisch lernen. Für die Erwachsenen, die auch die Erlernung der englischen Sprache nötig haben und daneben auf dem Gebiete der allgemeinen Bildung Unterweisungen gebrauchen, bestehen Kurse, in denen 1908 774 Hörer gezählt wurden. Hervorgehoben werden muß - der Erfolg, den diejenigen Einwanderer erzielt haben, die sich zum Beruf die Landwirtschaft gewählt haben, und um so höher ist er anzuschlagen, als er nur ihrer Ausdauer und Energie, ihrem eigenen Antriebe und Eifer zu verdanken ist. Die älteste Kolonie ist die „Hirsch" genannte, die viele Schicksale bereits erfahren hat. Die ersten. Ansiedler von Wäppilla.(so heißt tyohl die Gegend in der Landessprache. Anm. d.-Red.) ließen sich zwischen 1886 und 1890 nieder, die meisten ohne im Besitze von Existenzmitteln' zu sein. Sie mußten eine ganz außerordentliche Energie aufwenden, um sich zu halten. Sie waren gezwungen, auf 32 Kilometer Entfernung, im Winter bei 40 Grad Kälte, sich auf dem Rücken das Holz zum Bau ihrer Hütten zu holen. Dann machten sie den Boden urbar. Um zu leben, bis die erste Ernte eingebracht war, arbeiteten sie tagsüber bei den anderen. Diesen Ansiedlern ist es gelungen, in tzu'^ppelle, in Hirsch, in Bender und in Osborn 260 landwirtschaftliche Betriebe in voller Tätigkeit zu schaffen. Sie besitzen jetzt 19 303 Hektar, sie haben urbar gemacht und bebaut eine Fläche von 6972 Hektar. Ihre Landgüter haben einen Wert von 492 900 Dollar. Ihr Gesamt- Vermögen beläuft sich auf 769 845 Dollar. Unsere Geldzuschüsse haben ihnen ihren dornenvollen Weg außerordentlich erleichtert. Der feinere Bodenanbau, die Bodenkultur im engeren Sinne, wird von den Juden gleichermaßen in der Umgebung der Städte ausgeübt. Ihnen steht daselbst nur ein beschränkter Raum zur Verfügung, ein Hektar und manchmal noch weniger, und es bedarf fast genialer Arbeit, um hierauf eine Existenz zu gründen. Derartige Betriebe gibt es allein um Winnipeg herum 300, die die Stadt mit Gemüse. Milch und Butter versorgen. Noch habe ich in meinem Bericht, meine Herren, nichts von einem anderen, ebenso alten Kolonisationszentrum, wie es Amerika darstellt, gesprochen. Ich meine Palästina. Es gibt daselbst 20 Kolonien mit einer Bevölkerung von 6000 Köpfen. Wenn nicht ihre ganze Existenz,, so verdanken sie zumindest fast ihren ganzen Unterhält der großzügigen Freigebigkeit von Herrn Edmund v. Rothschild. Die Gewohnheit, die sie durch das Zählen auf die Hilfe ihres Wohltäters bewiesen, überhob sie oft mehr der persönlichen Anstrengung, als es füreinen Landmann gut ist., Deshalb war es erforderlich, diese Denkart zu ändern undeine Verwaltung abzuschaffen, die dieser Denkart wiederum Nahrung gab. Es war . weiterhin erforderlich^ -die Einteilung der Parzellen zu ändern und jedem Ansiedler ein Stück zuzuerteilen, daß ihm einen auskömmlichen Lebensunterhalt gewährleistete. Es war also eine völlige Reorganisation der Kolonien erforderlich, die heule glücklicherweise beendet ist.' Herr v. Rothschild