Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1909)
- Date
- 1909-08-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228885--65749-3277892- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 6 August 1909. 73. Jahrgang. Nr. 32. Begründet von Rabbiner D» Ludwig Philippson. Veilszs-Lx-eMoll: Berlin, Jerusalemer Str. 46/49. Diese AeitunZ erscheint wöchentlich. . Abonnemen ts - Prei s: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Alle Zusendungen fär Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der ^Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße 4S/V, zu richten. Die Jewish Colonisation Association. Berlin, 3. August, ir haben bereits kürzlich über die Generalversammlung der «Jewish Colonisation Association in Paris berichtet. Heute bringen wir den interessanten Bericht, den der greise Präsident M. N. Leven über die Arbeit der Gesellschaft im vorigen Jahre vorgelesen, in wortgetreuer Uebersetzung hier zum Abdruck. Derselbe lautet: Meine Herren! In meinem tiefen Schmerze bin ich dieses Jahr genötigt, die Generalversammlung mit her Erinnerung an eine Reihe schmerzlicher Verluste, welche uns in, den letzten Monaten getroffen haben, zu eröffnen/ Baron Horace de Günzboürg ist uns nach einer langen Krankheit entrissen worden, einer längen, schweren Krankheit, die ihn jedoch nicht daran zu hindern vermochte, daß er das Petersburger Zentralkomitee ständig leitete.. Sein Leben war vom ersten bis zum letzten Atemzuge dem russischen Judentums gewidmet. Er war, seit dem Tode seines Vaters der gefeierte Führer, der viel Unheil abzuwenden und durch seine unermüdliche, nie erlahmende Tätigkeit viel Gutes zu schaffen wußte. Und niemals traten Mißmut oder Zweifel an der Durchführbarkeit seiner Absichten bei ihm zutage, wie schwer auch die Bedrückungen seiner Glaubensgenossen sein mochten. Und wenn es ihm letzten Endes auch nicht gelungen ist, die Verfolgungen zu verhindern, so hat er ihrer Wut doch viele Opfer streitig gemacht und gerettet. Sein Hinscheiden muß das Judentum mit Trauer erfüllen, einer Trauer, der Rußland sich anschließen muß. Wenige Tage später verloren wir einen Mitarbeiter, der von der ersten Stunde des Bestehens unserer Korporation einer der Unseren war, Herrn Dr. Lachmann. Auch er war ein hingebungsvoller Diener des jüdischen Gedankens. Sie alle wissen, welch ein heiliger Eifer sein Streben für unser Werk erfüllte. Er brachte zur Mitarbeit für uns mit die unschätzbaren Gaben eines starken, schnellerfassenden Geistes, einer klaren Auffassung und eines nie, sehlgehenden Urteils. Auch sein Vaterland ,wird wie wir über den Verlust eines solchen Mannes sich, nicht schnell trösten können. Dieser Liste der Toten muß ich noch den Namen' N. I. Drehfuß anreihen. Er war kaum erst in unseren Aufsichtsrat eingetreten, als er schon eines unserer tätigsten Mitglieder zu werden versprach. Er vereinigte in sich die schönen Gaben des Geistes und des Herzens, des - Verstandes und des Gemütes, deren schöne Früchte uns zufallen sollten. Er ist uns frühzeitig genommen worden und hinterläßt in uns nur das Gefühl der Vergänglichkeit und Enttäuschungen des Lebens. Nur die Arbeit macht es uns, das Wurde uns -hier wieder vor Augen geführt, lebenswert; die- Arbeit, , die . sich für andere und für deren Wohlergehen einsetzt. Unsere Arbeit ist groß, und deshalb erfüllt es uns auch mit so lebhafter Befriedigung, wenn wir sehen, welche Fortschritte wir in diesem Jahre zu verzeichnen hattem Gestatten-Sie mir, meine Herren, Ihnen einen Abriß unserer Tätigkeit während dieser letzten Berichtsperiode zu geben. Die Kolonisation ist nach wie vor unsere Haupttätigkeit. In Argentinien wächst sie mit jedem Jahre regelmäßig weiter. Die Gesamtbevölkerung unserer Kolonien belief sich am 31. Dezember des letzten Jahres auf 2875 Familien, die sich aus 15 771 Seelen züsammensetzten. 500 Familien mit 2500 Köpfen sind es mehr als im Jahre zuvor. Alle diese Juden leben von der Landwirtschaft. Sie haben 1908 84 507 Hektar bebaut. Die befriedigenden Resultate erlauben es ihnen nicht nur, ihren Lebensunterhalt davon zu fristen, sondern sogar an uns die Summe von 399 638.48 südamerikanische Dollar (879 204 Franken) als Amortisationsrate ihrer bei der Niederlassung zur Zahlung der Pachtzinsen für das hingegebene Land oder zur Bestreitung der Bebauungskosten aufgenommenen Anleihe zu zahlen. Es ist nicht ohne Interesse, daß oie Ansiedler überdies noch weitere Abgaben, wie Steuern, Schulunterhaltungsgelder, ohne Schwierigkeit aufbringen. Sie tragen alle Kosten der öffentlichen Gesundheitspflege, Die Gesellschaft beschränkt sich darauf, den Elementarunterricht zu organisieren, zu verwalten und zu unterstützen, und hat in Ausübung dieser Tätigkeit 37 Schulen, an .denen 109 Lehrer 2529 Schüler unterrichten, gegründet. Die anderen Gebiete der öffentlichen Wohlfahrt unterstehen der ausschließlichen Regelung der Ansiedler. Und sie haben sich diesen Aufgaben mit großem Geschick unterzogen. Mit Hilfe eines Genossenschaftssystems bewerkstelligen sie die notwendigen Anschaffungen, ob dieselben nun für den täglichen Unterhalt oder für ihre Betriebe geschehen, und gleicherweise ist auch die Verwertung ihrer Produkte geregelt. Sie machen von ihrer Freiheit einen schönen und glücklichen Gebrauch, obwohl sie vor ihrer Ankunft in Argentinien nicht einmal wußten, was Freiheit ist. Und so ist ihre Existenz ein Gegenständ des Neides für ihre zurückgebliebenen Brüder geworden, ein Gefühl, das sich oft in dem Bestreben desselben Zieles sympathisch äußert, d. h. in der selbständigen Einwanderung. Die Zahl der Einwanderer in Argentinien wächst von Jahr zu Jahr und ist in dem Jahre 1908 auf 5362 angeschwollen. Diese Elemente verteilen sich im ganzen Lande, um Arbeit zu suchen. Und sie finden diese Arbeit. Vielen gelingt.es, in den Kolonien beschäftigt zu werden und sie lassen sich daselbst nieder. Mag die Arbeit noch so hart sein,so wird sie doch mit Freuden ausgenommen, und sie erwarten den Tag, an dem sie den Beweis der Fähigkeiten eines guten Arbeiters erbringen dürfen und, nachdem sie genügend Kenntnisse in der Landwirtschaft erworben haben, mit Ungeduld, um dann selbständige Ansiedler zu werden. Mehr als 400 neue Familien wurden in dieser Weise in unseren Kolonien im letzten Jahre ausgenommen, unsere ackerbauende Bevölkerung zählt heute 4279 Seelen. Dank dieser Art der Ergänzung bleiben und wachsen unsere Siedlängen und tragen so zum Gedeihen des ganzen Landes bei. t Außerhalb unserer Kolonien wohnt noch eine Zahl von Familien auf Gütern, die sie selbst von Fremden gepachtet und nutzbringend bewirtschaftet haben. Da sie nun selbst Grundeigentümer werden wollen, so haben sie uns gebeten, sie auf der Domäne Selvir anzusiedeln, und wir sind diesem Wunsche nachgekommen. Sie bringen sich ihr Vieh mit, ebenso ihre Geräte, vor allem aber ihre wertvolle Erfahrung. Wir brauchen ihnen infolgedessen auch keinerlei Unterstützung zuteil werden zu lassen.