Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1909)
- Date
- 1909-07-30
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228884--65746-3277888- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
3 mehr ist, daß sie nach" und nach verstanden werden. Wiederholt sind Anfragen gekommen, ob sie nicht Krankenpflegerinnen dorthin entsenden könne. Von Erziehungsanstalten ist zu berichten, daß Tarnopol seit dem Mai d. I. ein Mädchenwaisenhaus besitzt. Dasselbe ist unter großen persönlichen und.pekuniären Opfern von Frau Julie Fleischmann gestiftet und wird von ihr selbst geleitet. Das Haus beherbergt — vo^r. der Gemeinde sehr gering subventioniert — vorerst zehn Kinder, die nach dem Muster des Israelitischen Frauenvereins Frankfurt planmäßig und liebevoll erzogen werden. Der Kindergarten in Stanislau ist eine Einrichtung geworden, auf die man dort nichtmehr verzichten möchte. Ihm folgten durch die großherzigen Zuwendungen von Frau Louise Goldschmidt, die die erste Einrichtung deckte, ein Kindergarten in Tarnow und ein zweiter in Kolomea. Zur Bekämpfung des Mädchenhandels sind in Lemberg Auskunftsstellen für reisende und stellesuchende Mädchen gegründet worden. Der Vorstand der Weiblichen Fürsorge besteht aus folgenden Damen: Bertha Pappenheim, I. Vorsitzende; Henriette Fürth, II. Vorsitzende; Cilly Epstein, I. Schriftführerin; Bertha Holzmann, II. Schriftführerin; Sidonie Dann, Schatzmeisterin: Fanny Blau; Clem. Cramer; Schwester Oberin Minna Hirsch; Johanna Lennö; Hennh Levi-Elkän; Cecile Maier; Therese Reifenberg; Ella Seligmann; Johanna Stern; Emma Strauß-Ellinger. ----- Mainz, 23. Juli. Am 14. Juli empfingen Seine Königliche Hoheit der Großherzog von Hessen-Darmstadt den Oberlehrer Dr. Mo ritz Lorge an der Höheren Mädchenschule und dem Großherzoglichen Lehrerinnenfeminar zu Mainz in Audienz. Herr Dr. Lorge war bis Februar 1909 Hörer an der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums" in Berlin und wurde, nachdem er das Rabbinerexamen daselbst abgelegt hatte, vom Ministeriunl des Innern als Oberlehrer für Religion, Deutsch und Geschichte definitiv angestellt. ■V Bruchsal, 23. Juli. Der Land es verein zur Erziehung israelitischer Waisen im Großherzogtum Baden versendet folgenden Bericht über seine segensreiche Tätigkeit im abgelaufenen Geschäftsjahre: Aus dem vorliegenden einundzwanzigsten Jahresbericht ist die erfreuliche Tatsache zu ersehen, daß wir in ungestörtem, emsigen Wirken unsere Aufgabe voll und ganz erfüllen konnten. Allen Anträgen um Ausnahme von Waisenkindern in unsere Fürsorge haben" wir entsprochen, alle berechtigten Wünsche um Gewährung von Erziehungsbeiträgen für Kinder, die bei ihren Müttern oder Verwandten blieben, haben, wir in weitgehendster Weise erfüllt. — Außerdem haben wir auch noch für Kinder, deren Eltern sich in sehr bedrängter Lage befanden, Unterstützungsbeiträge bewilligt. Wir sind der Ansicht, vollständig im Sinne unserer Mitglieder zu handeln, wenn .wir bestrebt sind, jedes israelitische Kind unseres Landes, dessen körperliche und geistige Entwicklung durch seine Notlage gefährdet wird, entsprechend zu unterstützen. Im Berichtsjahre sind 17 Kinder aus unserer Fürsorge entlassen und 19 neu ausgenommen worden» es verbleiben somit am Ende des Jahres in unserer Pflege noch 92 Kinder. Von den in unserer Fürsorge verbliebenen 92 Kindern sind 10 in Pflege bei geeigneten Fainilien untergebracht, 2 Knaben sind im Landesstift in Karlsruhe, die übrigen sind unter Gewährung von Erziehungsbeiträgen bei ihren Eltern, Müttern bezw. Verwandten verblieben. Herr Nathan Katz, der seit dem Jahre 1892 zuerst als Rechner, zuletzt als Schriftführer unserm Vorstand angehörte, hat sein Amt niedergelegt, und statten wir ihm bei seinem Ausscheiden aus dem Vorstand unseren besten Dank ab für alle seine Bemühungen um unseren Verein. Mit tiefer Wehmut gedenken wir des Ablebens unserer Ausschußmitglieder, der Herren: Eli Neter in Gernsbach. I. Nordmann in Lörrach, Stadtrat E. Reiß in Heidelberg, welche mit warmem Eifer und Liebe für unseren Verein gewirkt haben. Herzlichst dankend verzeichnen wir die Schenkungen bezw. Stiftungen, welche uns zum Andenken an die nachverzeichneten Verstorbenen zuteil wurden: Herrn Sigmund Wertheimer von Rastatt, Fräulein Hanna Neumann von Heidelberg, Herrn Eli Neter von Gernsbach, Herrn Max Burger von Eichstetten. Es gereicht uns zur Genugtuung, daß unsere ausgebreitete Tätigkeit durch Zuwendung von Vermächtnissen freundliche Anerkennung fand, und bitten herzlichst, auch fernerhin durch Stiftungen (eine Kaddisch-Stiftung soll mindestens 200 Mark betragen) zur Förderung unserer Bestrebungen beizutragen. Das Andenken an teure Verstorbene wird durch solche Stiftungen in schönster, pietätvoller Weise erhalten. Da die Mitgliederbeiträge .und Schenkungen im Berichtsjahre in geringerer Summe, als im Vorjahre eingegangen sind, bitten wir unsere Mitglieder, dafür besorgt sein zu wollen, daß unserem Vereine heute noch fernstehende Glaubensgenossen, besonders die neuverheirateten demselben als Mitglieder beitreten und unser Werk der Nächstenliebe nach Kräften unterstützen. Allen unseren Mitgliedern und allen, die uns sonst Gaben zukommen ließen, sprechen wir hiermit unseren herzlichsten Dank aus und bitten um die Erhaltung des unseren Bestrebungen bisher bewiesenen Wohlwollens. Oesterreich-Ungarn. Leb. Wien, 23. Juli. Es ist nicht das erstemal, daß an einem konkreten Beispiel bewiesen wird, wie die ruchlose antisemitische Propaganda in das Heer eingedrungen ist und wie vergiftend die Wirkungen dieser Propaganda sind. Noch nicht lange ist es her. da erklärte im Deutschen Reichstage der Kriegsminister v. Einem, daß es in der deutschen Armee keinen Antisemitismus gebe; tags darauf wies der österreichische Kriegsminister im Parlamente die Behauptungen einer Interpellation, es herrsche in der Armee offenkundiger Antisemitismus „entschieden" zurück. Die Nebeneinanderstellung beider Reden wirkte erheiternd; mit kleinen Abweichungen waren es hier wie dort dieselben Verlegenheits-Redewendungen. Die unmittelbar darauffolgenden Ereignisse gaben den Skeptikern Recht. Denn diesen larmoyanten Minisierreden folgten die Verhandlungen gegen die Rekrutenschinder in Deutschland, gegen die Unteroffiziere und Leutnants - auf dem Fuße, deren militärische Gesinnung in der Betätigung des Antisemitismus ihren Ausdruck findet. Und kaum hatte der österreichische Kriegsminister zu Ende gesprochen, da konnte man den innerhalb einer kurzen Zeit zum zweitenmale sich ereignenden Fall eines Rekruten-Selbstmords erzählen. Nathan Resch hieß der junge Mann, der sich vor seinen antisemitischen Peinigern ins Jenseits flüchtete. Er ist das Kind armer Eltern, die irgendwo in Galizien ein kümmerliches Dasein fristen. Der Sohn war ihre Stütze, die Hoffnung ihrer alten Tage. Man nahm ihn für drei Jahre zum Militär. Ein schwerer Schlag für ihn, für die Eltern; sie empfinden ihn doppelt so schwer, denn sie sind strenggläubige Juden. Für die Vorgesetzten, vom jüngsten Leutnant abwärts, ist er der „Kompagniejud". Sind die edlen Herren in guter Laune, dann gibt's bloß „harmlose" Späße. Die Späße sind aber nicht immer harmlos und die Vorgesetzten nicht immer guter Laune. Der jüdische Rekrut Nathan Resch mußte erfahren, was es heißt, als Jude „Gut und Blut fürs Vaterland" hinzugeben. Alle Quälereien und Rohheiten der uniformierten Bestialität mußte er erdulden, bis vielleicht irgendein unbekannt gebliebenes Vorkommnis ihm den letzten Rest von Selbstbeherrschung raubte, und er es vorzog, von eigener Hand zu sterben, anstatt systematisch zu Tode gepeinigt zu werden. „Eine strenge Untersuchung wurde eingeleitet; die Schuldigen werden ihrer Bestrafung zugeführt werden". So heißt es ja immer in den offiziösen Beschwichtigungsversuchen. Die Schuldigen? Bestenfalls erhält ein Unteroffizier zwei Wochen Arrest. Mehr ist das Leben eines jüdischen Rekruten eben nicht wert. Wollte man die Schuldigen ernstlich bestrafen, dann säßen die höchsten Offiziere aus der Anklagebank. Denn nicht der Einzelfall ist das Schreckliche solcher Ereignisse, sondern die traurige Erkenntnis, daß es sich hier um ein System handelt, dem so viele Kinder jüdischer Eltern zum Opfer fielen und leider, leider noch fallen werden. Wissen wir denn, wie vieles hinter den dicken Mauern der Kaserne bleibt, wovon auch nicht ein Wort in die Oeffentlichkeit dringt? Bis wir für einen Unglücklichen eintreten, hat er ja zumeist den verzweifelten Schritt bereits getan! Wie im Falle des armen Nathan Resch, der sich jenem des ungarischjüdischen Rekruten Herschkowitz, würdig anreiht, der eines Sonntagnachmittags vom diensthabenden Unteroffizier — in der bekannten Langeweile eines Sonntagnachmittags — erschossen wurde! „Unvorsichtigkeit" — sagte der Minister im Parlament; einmütig erhoben sich damals alle Parteien des Reichsrats und protestierten gegen diese nonchalante Erklärung. Der Erfolg? Der Unteroffizier erhielt vier Monate Gefängnis! Darüber sind vier Monate vergangen, und wir