Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1909)
- Date
- 1909-07-30
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Hamburger Chacham, Zeit seines Lebens, bis zu seinem 1881 in Bonn erfolgten Tode, am Sonnabend nicht geschrieben hat, was ihm als Oberbibliothekar in Bonn genug Schwierigkeiten bereitete. Noch mehr muß aber die geschichtlich interessante Tatsache hervorgehoben werden, daß selbst ein „liberaler" Kultusminister wie v. Bethrpann-Hollweg es 1862 vor dem Preußischen Abgeordnetenhause, bei allem Eintreten für Gelehrte wie Jaffä und Bernays, es amtlich für unmöglich erklärt hat, Juden zu ordentlichen Universitäts-Professoren zu ernennen; nur Bonn bilde eine Ausnahme, da es paritätische, d. h. evangelischkatholische Stiftung sei. Graudenz, 23. Juli. Am 16. d. M. feierte in aller Stille der pensionierte Kreisphhsikus Herr Geheimer Sanitätsrat Dr. Wolfs, fein 50 jähriges Doktorjubiläum. Nachdem die Regierung den Aerzteverein auf diesen Ehrentag aufmerksam gemacht hatte, überbrachte Herr Dr. med. Lingnau dem Jubilar die Glückwünsche der Aerztekammer und des Aerztevereins in herzlichen Worten. Trotz ängstlicher Geheimhaltung blieb das Jubiläum auch in, Publikum nicht ganz unbekannt, und so liefen viele Telegramme und Glückwünsche von Graudenz und auch von außerhalb ein. Herr Geheimrat Dr. Wolff ist für seine großen Verdienste in Kriegs- und Friedenszeiten mit dem Roten Adlerorden und der Roten Kreuzmedaille ausgezeichnet worden. Aus Anlaß des Jubiläums ist ihm der Kronenorden III. Klasse verliehen worden. o. Schwersenz, 20. Juli 1909. Am 12. d. M. verschied nach langen und schweren Leiden im 58. Lebensjahre Frau P. Katz. Durch diesen Tod ist in unserer Gemeinde wieder eine Lücke geschaffen worden, die kaum noch ausgefüllt werden dürste. Gattin des hier- und in der ganzen Umgegend hochangesehenen Kaufmanns und Stadtverordneten Aron Katz, welcher wie wohl selten einer von seiner Berufstätigkeit in Anspruch genommen, immer noch Zeit findet, sich nicht nur innerhalb der Institutionen unserer Gemeinde zu betätigen und den Pflichten, welche ihm die mannigfachen ihm übertragenen städtischen Ehrenämter auflegen, zu genügen, sondern fick auch vielen gemeinnützigen Aufgaben zu widmen, hat sie vielfach im Leben die Anregung zur Ausführung von Werken der Nächstenliebe gegeben und es als ihre vornehmste Aufgabe betrachtet, schwachen jüdischen Existenzen aufzuhelfen und sie zu erhalten. Selten hat eine Beerdigung eine solche Beteiligung gefunden wie die dieser wackeren Frau. Der Leiche folgten neben den Mitgliedern unserer Gemeinde die Elite der hiesigen Bürgerschaft, zahlreiche Gutsbesitzer der Umgegend, Freunde und Verehrer der Familie von nah und fern. Diese ehrende Kundgebung für die Familie aus Anlaß des über sie gekommenen Trauerfalles ist der beste Beweis dafür, daß die praktische Betätigung des Judentums — Neellität im Berufe. Förderung von humanen Werken, eine bescheidene zurückhaltende Lebensführung — das geeignetste Mitte ist, um dem Antisemitismus und dem leider in unserer Provinz herrschenden Konfessions- und Nationalitätenhaß Tür und Tor zu. schließen. Allgemein aber hegt man hier den Wunsch, daß Herr Katz noch lange unserer Gemeinde, deren Seele und würdiger Vertreter er nach außen hin ist, erhalten bleiben möge. s. Dortmund, 25. Juli. Das „Israelitische Altersheim in Westfalen" erstattet seinen Mitgliedern und Gönnern seinen achten Jahresbericht, der wiederum einen erfreulichen Aufschwung dieser humanitären Schöpfung verzeichnen kann. Von den vierzehn Aufnahmegesuchen mußten bedauerlicherweise vier ohne weiteres abgelehnt werden, weil der Gesundheitszustand der Petenten die Aufnahme nicht zuließ. Der Gesamtbestand der Anstalt besteht jetzt aus 30 Pfleglingen, 19 Frauen, 11 Männer. Die Anstalt kann bequem 35 Insassen aufnehmen. Aus dem Vereinsbezirke stammen 23 Pfleglinge, aus den nicht zum Vereinsbezirk gehörigen Teilen der Rheinprovinz 5 Pfleglinge, aus Hannover 2. Erfreulicherweise sind der Anstalt wieder eine größere Anzahl von Spenden und Stiftungen zugegangen, die Jahrzeit-Stiftungen belaufen sich auf insgesamt 20100 Mark, auch Naturalgaben sind in reichstem Maße dem Altersheim zugewendet worden. Der Etat der Anstalt ergibt in Einnahmen 28501 Mark, in Ausgaben 28456 Mark, so daß ein Ueberschuß von zirka 44 Mark zu verzeichnen ist. Größere Ausgaben sind durch die Ausstattung der bisher noch nicht eingerichteten Zimmer entstanden, auch bei dem Titel Lebensmittel mußte infolge der erhöhten Preise und der vermehrten Zahl von Insassen eine größere Ausgabe erforderlich werden. Hieraus erklärt sich der geringe Ueber- .schuß. ... Immerhin hat die. An statt.insgesamt 3800 Mark zurücklegen können. Der Vermögensbestand belief sich Ende März d. I. auf 192 711-Mark,« er hat sich gegen das Vorjahr um rund 4514 Mark verntehrt. ialt&Tt ~imb ihr segensreiches Wirken verdienen in der Tat die kräftigste Mitarbeit, um die im Schlußwort des Berichtes vom Vorstand alle Mitglieder und Freunde gebeten werden. — Düsseldorf, 25. Jnli. Der Verein zur Förderung des Handwerks unter den Juden hatte im vergangenen Jahre eine Vermögensabnahme von etwa 300 Mark zu verzeichnen. Die Maßnahmen zur Hebung der Finanzen waren von recht bescheidenem Erfolge. Es gelang durch die eifrigen Bemühungen des lokalen Düsseldorfer Ausschusses, die Mitgliederbeiträge um rund 200 Mark zU steigern, dagegen versagten die auswärtigen Organisationen fast ganz, mit Ausnahme von Hörde. Der vorjährige warme Appell an die auswärtigen Ausschußmitglieder und Vertrauensmänner ist ungehört verhallt. Durch äußerste Sparsamkeit auf der ganzen Linie und stärkere Heranziehung der Lehrmeister in bezug auf wöchentliche Lohnvergütungen hat der Verein das Gleichgewicht etwas wiederhergestellt. Was ihm in Zukunft dringend nottut, sind Zuwendungen in Gestalt größerer Geschenke, die bedauerlicherweise seit Jahren nicht mehr in der früheren Weise geflossen sind. Unter der Fürsorge des Vereins standen im vergangenen Jahre 22 Lehrlinge. — Frankfurt a. M., 28. Juli. Der Bericht des Vereins „Weibliche Fürsorge" für die Zeit vom 1. Oktober 1907 bis 30. September 1908 spricht sich zunächst über den Namen des Vereins in treffender Weise aus. Die Gründerinnen des Vereins mußten auf den Namen bestehen, denn er bildete das Kennwort, unter dem sie zu arbeiten beabsichtigten, als israelitischer Frauenverein „zur Förderung gemeinnütziger Bestrebungen für die Gesamtinteressen der jüdischen Frauenwelt". Armenpflege, Volkshhgiene, Volkserziehung, Erwerbsmöglichkeit und verwandte Gebiete, die sonst getrennt bebaut werden, sollten zusammengefaßt werden, aber die Zusammenfassung sollte keine mechanische, sondern eine organische sein, von großen allgemeinen Gesichtspunkten betrachtet, kräftig .angepackt und folgerichtig ausgeführt. Es kamen im Laufe des verflossenen Jahres zirka 100 Fälle zur Verhandlung der allgemeinen Fürsorgekommission, dabei sind diejenigen nicht mitinbegriffen, die noch von früher liefen oder stets unter Aufsicht behalten werden müssen. Die neue Organisation der Säuglingsfürsorge hat nunmehr 1% Jahr funktioniert und sich durchaus bewährt. Die der Ueberwachung unterstellten Säuglinge werden in der Poliklinik alle 14 Tage regelmäßig gewogen und untersucht, nach Bedarf auch öfters; ihre Ernährung wird überwacht und geregelt, Störungen ärztlich behandelt. Ihre Zahl betrug im verflossenen Berichtsjahre 128. Von der Milchküche wurden nur solche Kinder übernommen, deren Mütter nach ärztlichem Attest zum Stillen ganz oder teilweise unfähig waren. Es waren 108 Kinder, davon 48 von der Poliklinik, 55 von Privatärzten empfohlen. 79 davon erhielten nebenbei Muttermilch. Die Erfolge waren durchweg zufriedenstellend, teilweise auffallend günstig. Die Einrichtung der Milchküche hat sich nach Organisation und technischem Betrieb durchaus bewährt. Die Kinderschutzkommission hat in diesem Jahre 34 Pfleglinge, eine bedeutende Zunahme gegen das letzte Jahr, beaufsichtigt. Die Leitung war bemüht, die schwächlichen Kinder auf dem Lande unterzubringen, und hatte die Freude, bei den meisten gute Fortschritte in körperlicher und geistiger Beziehung konstatieren zu können. Erfreulich ist auch der Bericht über den Stellennachweis für Mädchen und Frauen. Es wurden 95 Stellen für Hausmädchen, Köchinnen, Haushälterinnen, Stützen, Gesellschafterinnen, Pflegerin, Kindermädchen, Kinderfräulein, Kindergärtnerin, Lehrmädchen. Erzieherinnen, Verkäuferinnen, Comptoiristinnen, Buchhalterin, Ladnerinnen, Lageristin, Tagesstellen, Weißzeugnäherin, Stenographielehrerin. Modistinnen. Aushilfe, Hausdamen, Monatfrau, Zigarettenarbeiterin. Kinderfrau, für Haus und Geschäft, vermittelt. Was die Tätigkeit der Weiblichen Fürsorge in Galizien betrifft, so ist es sehr erfreulich, daß ihre Bestrebungen dort anerkannt, und was noch