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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-07-30 · Heft 31 (30.7.1909) · page 15

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 31 (30.7.1909)
Date
1909-07-30
Page
– (sequence 15)
Language
German
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73. Jahrgang: Nr. 31. Der Gnmtiidebote. Vetlsgr zur „Allgemeinen Leitung deK ZudentumK". Lorrklpünden?rn und Mgchrichtrn. Deutschland. *** Berlin, 27. Juli. Die traurige Nachricht von dem plötzlich erfolgten Ableben des um die Förderung und Verbreitung der Wissenschaft und Kenntnis des Judentums hochverdienten Redakteurs dieser Zeitung. Dr. Gustav Karpeles, hat überall, wohin sie gelangte, in allen Kreisen unserer Glaubensgenossen des In- und Auslandes eine fast niederschmetternde Wirkung ausgeübt, die schmerzlichsten Gefühle ausgelöst. Das bekunden die vielen Hunderte von Beileidsschreiben, die uns zugegangen sind. In allen diesen Kundgebungen kommen die Verehrung und Liebe zum Ausdruck, die der teure Verklärte bei Lebzeiten genossen, und die ihm nun als Tribut und Anerkennung seiner segensreichen Wirksamkeit in die Ewigkeit folgen. Indem wir allen Freunden und Bekannten, insbesondere den verehrten Mitarbeitern dieses Blattes für die innige Teilnahme und herzliche Treue unseren tiefempfundenen Dank aussprechen, verbinden wir damit zugleich die herzliche Bitte, das bisherige Interesse für die Ideale und Schöpfungen unseres unvergeßlichen Gustav Karpeles durch fleißige Mitarbeit an der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" auch ferner zu betätigen und uns in unserem Bestreben, in seinem Sinne zu wirken, nach Kräften zu unterstützen. Der Name des Verewigten wird auch in Zukunft die Richtschnur dieses Blattes bleiben, wie sein Vermächtnis für uns allezeit ein unantastbares heiliges Erbe sein wird. 8. Berlin, 26. Juli. Der Magistrat hat im Juni d. I. an Vermächtnissen und Geschenken erhalten: 45574 Mark von der verstorbenen Frau Dr. Saalfeld zur Vermehrung des Kapitals der Emilie Philippi-Stiftung, 31575 Mark von Adolf Goldberg zur Errichtung einer Adolf, Martha Goldberg-Stiftung und 20000 Mark von Dr. Paul Lachmann und seinen Geschwistern zur Begründung einer Marie Lachmann-Stiftung, sowie 3000 Mark von Prof. Dr. Felix Liebermann zur Vermehrung des Vermögens der F. und C. Liebermann-Stiftung. 8. Berlin, 25. Juli. Israelitische Religionsgemeinde Groß-Lichterfelde-La nkwitz. Unter diesem Namen hat sich ein Verein der israelitischen Einwohner von Groß-Lichterfelde und Lankwitz zur Veranstaltung von Gottesdienst, Fürsorge für den Religionsunterricht, Wohltätigkeitspflege usw. gebildet. Der monatliche Beitrag ist auf 5O Pfennig, zahlbar vierteljährlich, festgesetzt. Herren, die beizutreten wünschen, wollen sich an Redakteur I. Lazarus. Groß, Lichterfelde-Ost, Jägerstraße 30, wenden. Für die Abhaltung des Gottesdienstes für Groß-Lichterfelde-Lankwitz an den diesjährigen hohen Festtagen sind bereits die erforderlichen Schritte eingeleitet. Ueber die Ausgabe der Einlaßkarten wird demnächst Mitteilung gemacht werden. 8. Berlin, 25. Juli. Magistratsrat Dr. Voigt betonte in einer Versammlung der Gemeindewaisenräte, die vor einiger Zeit abgehalten wurde, daß Kinder zu Pflegeellern ihres Glaubensbekenntnisses zu geben sind und sich hieraus die Ablehnung von Pflegeeltern, die aus der Landeskirche ausgetreten sind, rechtfertige, mögen sie auch sonst zur Kinderpflege und Erziehung geeignet sein. Vom Gericht ist auch darüber Klage geführt worden, daß das religiöse Bekenntnis bei Vorschlägen zu Vormündern unberücksichtigt geblieben sei. F. Berlin, 23. Juli. Einige Berliner Zeitungen verschiedener Parteirichtnngen brachten in dieser Woche die Mitteilung, die von da auch in die ausländische Presse übergegangen ist, daß der neue deutsche Reichskanzler Dr. Theobald v. Bethmann-Hollweg jüdischen Ursprungs sei. Da der Aufstieg der Familie Bethmann aus einem Bankierhause in Frankfurt a. M, stammt (Simon Moritz Bethmann war der weltbekannte Chef der Firma Gebrüder Bethmann), und ferner der Großvater unseres jetzigen Reichskanzlers' Moritz August v. Bethmann erst 1840 bei der Huldigung Friedrich Wilhelms IV. den preußischen Adel erhielt, war die Angabe (obwohl uns diese ganze genealogische „Judenriecherei" in der Seele verhaßt ist) nicht ohne weiteres ganz von der Hand zu weisen, um so weniger, als die Bethmanns in Frankfurt a. M. stets freundliche Beziehungen zu angesehenen Frankfurter Juden pflegten, und der Großvater des jetzigen Reichskanzlers, der in der liberalen Aera von 1858 bis 1862 preußischer Kultusminister war, freimütig von der Minister bank des preußischen Abgeordnetenhauses für seinen „verehrten Lehrer Jakob Bernays" in seiner Eigenschaft als Juden eintrat. In genealogischer Hinsicht steht aber durch zwei Werke (die aber nur in 30 bezw. 60 Exemplaren gedruckt worden sind) „Gedenkbuch der Familie B e th m ann" (1897) und „Simon Moritz v. Bethmann und seine Vorfahren" (1898) unzweifelhaft fest, daß die in einem großen Teile der Presse aufgetauchten Vermutungen irrig sind, obwohl man auch in Frankfurt a. M. lange, bis zum Erscheinen der dortigen von Dr. Heinrich Pallmann in" Frankfurt a. herausgegebenen genealogischen Werke, derselben (übrigens bereits in Nr. 30 der „Zeitung des Judentums" kurz widerlegten) falschen Meinung war. Nach Pallmann ist der Spezialstammvater der Frankfurter Bankierfamilie, Simon Moritz Bethmann, der große Anleihen für Oesterreich finanzierte, 1808 vom Kaiser Franz von Oesterreich geadelt und vom Kaiser Alexander von Rußland zum Generalkonsul und Staatsrat ernannt worden. Er war ein Wohltäter der Armen (auch der jüdischen in Frankfurt a. M.) und ein eifriger Beförderer der Künste und Wissenschaften. Der älteste Sohn Simon Moritz Bethmanns, dessen Frau aus einer angesehenen holländischen Familie Boode stammte, Moritz Alexander Freiherr v. Bethmann, war am 31.Juni1854 in den erblichen badischen Freiherrnstand erhoben worden. Die noch blühende Familie de Bethmann in Bordeaux stammt von einem Bruder des Simon Moritz Bethmann, Johann Jak ob Bethmann ab. Die Bevorzugung der alttestamentarischen Namen in der Ahnenreihe unseres jetzigen Reichskanzlers hat für den Genealogen nichts Auffälliges . . . Der Großvater des jetzigen Kanzlers, der obengenannte preußische Kultusminister Moritz v. Bethmann-Hollweg erwähnte 1862 bei den Verhandlungen des Preußischen Abgeordnetenhauses über die Ernennung von Juden zu Professoren an preußischen Universitäten auch den bedeutenden Historiker Philipp Iaffe, dessen tragisches Schicksal der jetzigen Generation nicht genügend bekannt ist. Jaffö hatte für mehrere Werke aus der älteren Geschichte des Deutschen Reiches hervorragende Anerkennung und einen Preis von der Berliner philosophischen Fakultät erhalten; sein großes, auch vom Kultusminister v. Bethmann-Hollweg in amtlicher Eigenschaft rühmend anerkanntes Werk über die „Regesten der römischen Päpste" ist erst neuerdings neu aufgelegt worden. Da aber Philipp Jaff6 als Jude in der reaktionären Aera von der akademischen Wirksamkeit in Preußen ausgeschlossen war, studierte er in Berlin und Wien Medizin; wurde jedoch 1854 in Berlin endlich als privater Mitarbeiter bei der Ausgabe der „Denkmäler der deutschen Geschichte" angestellt und durch das Eintreten v. Bethmanns auch zum außerordentlichen Professor der' Geschichte ernannt. Jaffä ließ sich dann taufen, da man ihm gesagt hatte, daß er nur auf diese Weise ordentlicher Professor werden könne; aber bald darauf tötete er sich infolge dieses Gewissenskonfliktes am 3. April 1870 zu Wittenberg. Der andere Schützling des Ministers v. Bethmann- Hollweg, Jakob Bernays, der 1853 als Lehrer an das Rabbinerseminar in Breslau berufen worden war, erhielt 1866 einen Ruf als ordentlicher Professor und Oberbibliothekar nach Bonn, als dessen Universitäts-Kurator v. Bethmann vor seiner Ernennung zum Kultusminister gewirkt hat. Erwähnung verdient noch, daß Jakob Bernays, ein Enkel des berühmten

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