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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-07-30 · Heft 31 (30.7.1909) · p. Seite 371

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 31 (30.7.1909)
Date
1909-07-30
Page
Seite 371 (sequence 13)
Language
German
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Wiederholt habe ich ihn in Berlin, in seinem traulichen Studierzimmer besucht. Wiehaben wir da oft gescherzt und gelacht, uns miteinander gefreut! Einmal, es war an einem sonnigen Februarsonnabend zu Anfang dieses Jahrhunderts, hielt er mir Korrektur einer Arbeit, die lange gelagert hatte, entgegen: „Dies habe ich zur Ueberraschung vorbereitet!" Bei meinem letzten Besuche, an einem trüben Novembertage 1907 hielt ihn eine Erkältung ans Bett gefesselt. Er empfing mich dennoch; er klagte über seine Gesundheit, nannte sich einen alten, müden Mann! Ich pries seinen Geist, sein Herz, seinen goldenen Humor als ewig und jung und wollte seine trübe Stimmung verscheuchen; aber er erschien mir sichtbar gealtert, das dunkle feurige Auge hatte seinen Glanz verloren, Haar und Bart waren stark ergraut! Mit guten Wünschen, aber tief aufseuzend, verließ ich ihn; daß dies jedoch unsere letzte Begegnung in diesem Leben sein sollte, ahnte ich nicht! Noch war es mir vergönnt, immer eifriger denn je in seinen letzten Lebenstagen mit ihm in brieflichem Verkehr zu sein; der letzte kleine Liebesdienst, den ich ihm erweisen durfte, war, ihm die Adresse des mir persönlich befreundeten Kleist-Forschers Moritz Mandl in Wien mitzuteilen; gerade heute vor acht Tagen um diese Stunde konnte ich in einer Arbeit auf seine letzten trefflichen Kleist-Artikel, seinen Schwanengesang in dem Blatte, das unter seiner trefflichen Leitung zu so hoher Blüte gedieh, zurückweisen. Gustav Karpeles wird nicht vergessen werden! In der tiefen Trauer um seinen Verlust empfinden wir tröstend und erhebend, daß das Andenken an ihn allen, die ihn gekannt und geschätzt, allen, die aus seinem reichen Schaffen in Wort und Schrift Belehrung und Anregung geschöpft, zum Segen gereichen wird! Ein edler, gütiger Mensch, ein treuer Sohn seines Stammes, hat er es wie selten einer verstanden, sich Freunde zu erwerben und zu erhalten, und hat die altberühmte und altbewährte jüdische Nächstenliebe im schönsten Sinne in der Förderung redlich Strebender betätigt! Möge ihm die Erde leicht sein! Breslau, den 23. Juli 1909. Die Kompagnons. Roman von Ernst Heilmann. V. arf ich Ihnen einen Kognak anbieten? Es Plaudert sich gemütlicher" ... Dabei stand er auf, nahm aus einem kleinen, fein geschnitzten Schränkchen, das verschiedene Flaschen und Gläser enthielt, eine Flasche und zwei Gläser ... „Alles bei der Hand, Herr Doktor . . . Danke!" Er hatte auf einen Zug das Glas geleert „famos, echt twe Champagne" . . . Saulmann lächelte verstohlen. Es amüsierte ihn, wie sich der armselige Mann als Kenner aufspielte, während seine rote Nase auf die nähere Bekanntschaft mit ganz andern Getränken hinwies. — „Ja, ist ein feiner Kognak!" „Trinken sonst nur reiche Leute . . „Habens dazu! Warum sollten sie nicht?" „Ja, sehw Sie, das ist ja wahr, Herr Doktor, daß sie's dazu haben, aber auf wessen Kosten?^. . ." Er schob sich behaglich in den Fauteuil zurück, schnalzte mit der Zunge und tat dann ein paar tiefe Züge, wobei er die Augen zukniff. Diesen Moment benutzte der Journalist, um sein Glas zum dritten Male zu füllen, den Mann mußte man warm halten — — — „Sind Sie nicht zu strenge?" Der vertrauliche Ton und die Wirkung des Kognaks ermutigten Müller. „Ha, ha, ha! Zu strenge, Herr Doktor! Was unser eins so alle Tage auf dem Schreibbock erlebt! Glauben Sie mir, einer ist wie der andere . . . Wir schinden uns, wir raxen uns ab und sie haben den Profit davon." „Seien Sie ungeniert, mein Lieber, es ist ja unsere Pflicht, die Klagen und Beschwerden aller anzuhören, und es ist eine der edelsten Aufgaben der Presse ..." „Ach ja . . . die Presse könnte viel tun, wenn sie nur wollte. Aber, entschuldigen Sie, Herr Doktor, die wird uns auch wenig nützen!" Saulmann lachte. „Na. so schlimm ist's wohl doch nicht! Aber darum keine Feindschaft nicht! Gefällig, Herr Müller?" Er goß nochmals ein. „Ein feines Kognäkchen — trinken nur die Kommerzienräte. Was meinen Sie wohl, wenn Grosser einer würde? Darum hat er ja die olle Krempelfabrik von Ehricke u. Co. gekauft, weil er dachte, die Großindustriellen werdend leichter wie die Börsenleute. Schwebte ihm wohl so ein Ideal vor! Fünfhundert Arbeiter und große Humanität und liberale Einrichtungen mit Weihnachtsbescherungen und Landpartien, und er mitten mang! Mitten mang, als edler Fabriksherr eins mit seinen Arbeitern! na, wie^s immer in den Zeitungen steht! Das hätten Sie schon besorgt, Herr Doktor, und nu war's nischt mit die Illusion." . . . „Aber weshalb?" „Weil Ehricke & Co. bei Grosser nicht fortblühten. Weil wir statt 500 Arbeiter kaum 15 haben, und weil wir ohne die Filiale in Rußland längst eingeschlummert wär'n. Grosser hat keine Lust zum Geschäft. Er eignet sich auch nicht dazu und mit^n Kommerzienrat wird nichts" — — Der Kognak erwies sich als unübertrefflich. Müller schwatzte in seiner aus gebildeten Redensarten und unverfälschtem Berliner Dialekt zusammengesetzten Erzählungsweise und gewährte seinem Zuhörer Einblicke in Verhältnisse, die ihn auss höchste interessierten. Man mußte die Situation ausnutzen und den Schwätzer im Zuge erhalten. „Grosser gilt aber für sehr reich und wenn er ernstlich wollte . . ." „Muß doch nicht so leicht sein, wie man glaubt. — Was denken Sie wohl, hat den die Ehrfurcht schon gekostet? Erst haben wir uns einen kleinen Vogel ins Knopfloch beigelegt. Wird mehr kosten wiew Papagei, wat immerfort „Schafskopp" schreit. — Damals hatte ichnoch nicht die Ehre, hochdero Buchhalter zu sein —-Später, als wir schon mit Ehricke ringefallen waren und die Aussichten auf den Kommerzienrat immer schwächer wurden, sollten wir Konsul werden, . . . und das ist es, was mich heute zu Ihnen führt!" Es schien, als wenn die plötzliche Erinnerung an seinen Auftrag ihn ernüchtert hätte. Er verfiel in einen geschäftsmäßigen Ton und sagte: „Herr Grosser läßt Sie nämlich bitten, ob Sie nicht ganz diskret und unauffällig ermitteln könnten, was aus einem gewissen Baron Vollandt geworden ist, der vor einiger Zeit von hier verschwunden ist, in dem Augenblicke, als er wegen Titel- und Ordensschwindel verhaftet werden sollte?" Saulmann wurde stutzig . . . Herr Grosser will keinerlei bestimmte Recherchen und bittet Sie deshalb privatim, ganz unter der Hand ... es stand zur Zeit so viel davon in den Zeitungen ..." „Gewiß, ich erinnere mich, und Sie meinen, daß Grosser..." " -t * * - . -

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