Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1909)
- Date
- 1909-07-30
- Page
- Seite 370 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228884--65741-3277883- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
schon öfters erfreut, möglich sie auch zunächst dem unerloschenen Andenken an die freie,' fröhliche Studienzeit zu verdanken haben. Bewahren auch Sie, geehrtester Herr Doktor, mir fernerhin die freundschaftliche Gesinnung, von der mir eben jetzt ein schöner Beweis'zugegangen ist. Hochschätzend Ihr ergebenster Tübingen, 31. Juli 1859. L. Uhland. Zur näheren Erläuterung dieser beiden Zuschriften sei folgendes bemerkt. Wassermann war schüchtern bei der Veröffentlichung von Geistesprodukten und wandte sich daher, als er sich, nachdem das nonum prematur in annum längst vorüber war und er sich entschloß, seinen Roman aus dem israelitischen Leben der Vergangenheit: „Die Mädchen von Chaibar" herauszugeben, unter Zusendung des Manuskripts einer größeren Episode daraus an seinen einstigen Lehrer mit der Bitte, ihm wie damals ln scu.en Arbeiten während seiner Studienzeit ein strenges Urteil über deren Wert zukommen zu lassen. Daraus erfolgte die obige Antwort Uhlands. Dennoch zögerte der Verfasser lange, und erst später erschien der Roman unter dem Pseudonym „Orientalis" im Metzlerschen Verlage in Stuttgart. Eines der ersten Exemplare, über welches der Autor zu verfügen hatte, sandte er an Uhland, und dieser gab die gleichfalls oben-mitgeteilte liebenswürdige Antwort. pn Gultso Lsrpkles. 3n vollster Geisteskraft ist er dahingegangen! Aus reichem Wirken, rastlos edlem Streben Ging still er, wie er lebte aus dem Leben, Und ließ zurück uns schmerz- und grambefangen. Ein edler Geist, kein Brüsten und kein Prangen! Selbstlos und gütig, ohne Ueberheben. Was hat er nicht uns Köstliches gegeben! An seinen Lippen haben wir gehangen. — Nun sind sie stumm, verstummt sein Witz, sein Geist, Verstummt das Wort, das meisterhaft er führte, Er läßt zurück uns einsam und verwaist. Doch unsre Liebe, die ihm voll gebührte, Sie wird den Lauf der Zeiten überdauern, Und unsre Seele wird ihn stets betrauern. J. F. Lrinnrrunlkrn an Gultao Larpelrs. Von Regina Neisfer. er Tod hält reiche Ernte! Von einem Spaziergange in lachender blühender Sommerpracht heimgekehrt, trifft mich die erschütternde Trauerkunde von dem Heimgange des treuen Freundes bis ins innerste Herz! Gerade acht Tage zuvor um dieselbe Stunde sandte er mir aus Bad Nauheim noch einen Gruß, und meine Erwiderung schloß mit den Worten: „Heimsen Sie nur recht viel Kraft und Frische ein!" Nun hat der Tod ihm allzufrüh, allzuzäh die Feder aus der rastlos fleißigen Hand genommen, verstummt ist der Mund, der so beredte Worte zu künden wußte! Lausende klagen in diesen geschichtlichen Trauertagen: „Wieder einer!" Gustav Karpeles ist in die ewige Heimat eingegangen! Nicht als den begeisterten Juden und Heineforscher, nicht als den Literarhistoriker und Schriftsteller, als Begründer der Literaturvereine, von denen soviel Segen ausgeht, sollen ihn diese Zeilen Preisen; schmerzzuckenden Herzens, tränenüberströmten Ansitzes legt die „alte Freundin", wie er mich so oft persönlich und schriftlich genannt, einen Jmmortellenkranz auf den frischen Hügel des treuen, allezeit gütigen Freundes! Meine Erinnerungen an Gustav Karpeles zählen weit zurück. Es war am 10'. März 1876 als nicht nur jedes Preußenherz, Alldeutschland, die gesamte gebildete Welt diesseits und jenseits des Ozeans die Wiederkehr des 100. Geburtstages der leidgeprüftesten edelsten Fürstin', der Königin Luise von Preußen beging. Ein Jahr zuvor hatte Fräulein Amalie Thilo in Breslau, eine bewährte Lehrerin, ein Lyzeum für Damen, eine Vorläuferin der „Frauenschule" unserer Tage ins Leben gerufen, von der deutschen Frauenwelt jüdischen Glaubens der schlesischen Metropole insbesondere mit hohem Enthusiasmus begrüßt, der sich jedoch nur zu bald als Strohfeuer erwies, denn das Lyzeum erfreute sich nur eines kurzen Erdendaseins. An dieser Bildungsstätte für Frauen und Töchter hielt an jenem patriotischen Gedenktage vor einer kleinen Schar atemlos lauschender Hörerinnen der allen wohlbekannte Gustav Karpeles einen Vortrag über die Königin Luise. Von jenem Tage war mein Interesse für den jungen Schriftsteller gewachsen. Als er nach dem Heimgange des unvergeßlichen Begründers der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" Ludwig Philippson die Leitung dieses vornehmen Organs übernahm, begrüßte ich ihn mit frohen Wünschen und Hoffnungen, ahnungslos, daß ich kurze Zeit daraus der Ehre und Freude teilhaftig werden sollte, in dessen Mitarbeiterstab durch die Güte und das Vertrauen des Verewigten ausgenommen zu werden. Zu Anfang des Jahres 1893 erlaubte ich mir, ihm einige kleine Arbeiten zu senden. Es war einer der frohesten und glücklichsten Tage meines Lebens, als ich wenige Wochen später die erste meiner Arbeiten in dem teuren Blatte gedruckt fand; ich war fast übermütig vor Freude! Und nun entwickelte sich das denkbar schönste Verhältnis zwischen Redakteur und Mitarbeiterin, das bald zu herzlichstem, treuestem Freundschaftsbunde wurde. Niemals hat in dieser langen Reihe von Jahren auch nur die kleinste Dissonanz dieses schöne Verhältnis getrübt. Wie reiche gütige Förderung verdanke ich ihm! Jede angenommene Arbeit wurde mir zu neuem Sporn! Welch frohes Wiedersehen war uns stets vergönnt, wenn er hier in Breslau oft und gern Einkehr hielt! Hing er doch seit seiner Sturm- und Drangperiode mit allen Fasern seines treuen warmen Herzens an der schlesischen Metropole, war er doch ein stets hochwillkommener und gefeierter Gast in unserem „Verein für jüdische Geschichte und Literatur", den begeisterter Jubel empfing, wenn immer er erschien! Welch warme Teilnahme hat er mir allezeit bei meinen Bestrebungen gezeigt! Und wie war besonders Dankbarkeit ein Grundzug seines Wesens. Denn wo immer mir etwas begegnete, das mir interessant für ihn und das seiner Leitung anvertraute Blatt erschien, wo immer sich etwas von Bedeutung in Breslau ereignete, immer war ich sofort zur Stelle, konnte ich mich doch nur damit für seine mir unentwegt bekundete gütige Gesinnung dankbar zeigen. Wie hoch hat er jede, auch die kleinste Freundlichkeit, die ich ihm erwies, mir stets angerechnet!