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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-07-30 · Heft 31 (30.7.1909) · p. Seite 368

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 31 (30.7.1909)
Date
1909-07-30
Page
Seite 368 (sequence 10)
Language
German
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Tolltoi über die Untilemitkn. achdem die Jubelhhmnen verklungen find, die-Tolstoi anläßlich seines 80jährigen Jubiläums in der ganzen Kulturwelt ertönten und die dem glänzenden Schriftsteller, dem Dichter, dem Weisen, dem Menschenfreund galten, wollen wir uns heute nur mit dem Tolstoi beschäftigen, der in wuchtigen Worten sein Urteil über die Antisemiten abgegeben hat. Er hat fie mit dem Psychologischen Blick des Dichters erkannt und mit der Entrüstung des Ethikers verurteilt. Tolstoi selbst hat nie ein antisemitisches Gefühl gekannt, und er behauptet auch, daß das russische Volk nicht antisemitisch gesinnt sei. Er hält den Antisemitismus nicht für eine politische Ueberzeugung, nicht für eine Anschauung, sondern für eine Krankheit, hält ihn für eine Leidenschaft, eine Leidenschaft, die eine gewisse Verwandtschaft habe mit'— sexueller Perversität. Ihr Schimpfen aus die Juden vergleicht er mit dem wüsten Schimpfen trunksüchtiger, schamlos gewordener, sich der ekelhaftesten Ausdrücke bedienender Marktweiber. Unaufhörlich, sagt er, häufen die wahnwitzigen Antisemiten abgedroschene Schmähungen gegen die Juden, was ihnen ein sonderbares Gefühl niedriger Befriedigung und verderbten Vergnügens bereitet. Selbst sonst vernünftige antisemitische Schriftsteller, die über alle anderen Fragen nüchtern und logisch schreiben, wiederholen, sowie sie auf Juden kommen, sich fortwährend, oft in derselben Zeile. Auch darin besteht eine gewisse Aehnlichkeit zwischen Antisemiten und betrunkenen, entarteten Marktweibern. „Ich wünsche," schreibt Tolstoi einmal, „die Tatsache festzustellen, daß der Antisemitismus ein krankhaftes, beschämendes, wollüstiges Gefühl ist, das besonders dann in die Erscheinung tritt, wenn eine schmutzige Welle der Verderbtheit über die Seelen und Herzen der Leute flutet. So war es in Aegypten und Rom zurzeit ihrer sexuellen Ausschweifungen, zurzeit des Mönchtums und des Papsttums mit ihren sodomitischen Sünden. Ganz dasselbe ist jetzt der Fall in dieser faulen Atmosphäre, in jenen dekadenten und übelduftenden oberen Kreisen, von denen der erstickende Odem der Hölle ausgeht, und in denen die Entartung der Leidenschaften dieselben häßlichen und abstoßenden Formen annimmt, wie unter den alten Völkern. Nur so kann es erklärt werden, daß der Antisemitismus sich gerade in jenen Kreisen sein Nest gebaut hat. Der stinkende Eiter, der von jenen Kreisen ausgeht, vergiftet den gesunden Boden unseres nationalen Lebens, wie die Abfälle der Fabriken das benachbarte Gelände vergiftet. Die Massen sind frei von Antisemitismus, wie sie frei von verschiedenen Perversitäten sind — sie werden nur von oben herab infiziert, wo die Menschen faulendem Mist gleichen. Von allen schändlichen Gefühlen ist das antisemitische das abstoßendste und höllischste. In ihm findet man alles — Haß und Wahnsinn, Verrat und alles, was es an düstersten und niedrigsten Seiten in der menschlichen Seele gibt. Man sage nicht, daß die Juden dies oder jenes seien, daß ihre Lebensweise, ihre Religion, ihr Betragen den Antisemitismus erzeugen. Nein, der Antisemitismus kümmert sich gar nicht um Fehler, er ist lediglich das niedrige Verlangen, boshaft zu sein." Tolstoi erzählt dann vom römischen Kaiser Hadrian, daß er einst einen Juden hinrichten ließ, weil er es gewagt habe, ihn zu grüßen, als wäre er ein Bekannter von ihm. Als ein anderes Mal ein Jude, gewitzigt durch diesen Vorgang, ihn nicht grüßte, ließ er ihn gleichfalls hinrichten, weil er es gewagt habe, ihn nicht zu grüßen. Als die Freunde des Kaisers ihm ' vorsichtig ihr Erstaunen über seine widersprechende Handlungsweise andeuteten, sagte der Kaiser, ich verachte sie und bediene mich jeder Gelegenheit, sie zu vernichten. Genau so verhalten sich alle Antisemiten. Diese Leute, die von ihrem düsteren Haß zum Wahnsinn gebracht sind, zerren uns in einen Abgrund von Schrecken, und sollte dieser Wahnsinn weiter um sich greifen, und sich der Massen bemächtigen, welches Unheil wird er dann über das ganze Land bringen. Weder Revolten noch feindliche Regimenter ruinieren Völker und Länder, sondern der Zerfall der inneren Kräfte und die Verunreinigung der Volksseele, das Umsichgreifen von Willkür, Bosheit und Ausschweifung, sie sind's, die Völker, Länder und Regierungen ruinieren und' ausrotten ... Dieses kolossale Land, das jetzt unzerstörbar, ewig zu sein scheint, wird verfallen und zerfallen wie ein morscher Baum, wenn dem Gewürm des Hasses gestattet wird, Mark und Rinde des Baumes zu zerfressen. Dieses kolossale Reich wird das nicht aushalten können, wird nach einem großen Krach in Vergessenheit geraten, wie. so manche Nation aus demselben Grunde, wegen desselben Verbrechens untergegangen ist. Rom, Aegypten, Babylon sanken und sind zugrunde gegangen, weil sie die anderen Völker haßten, die bei ihnen wohnten, denn der Haß kann ebensowenig wie das Eis als Zement dienen, und wehe dem Lande, welches einem Eispalaste gleicht, wo gefangene und besiegte Völker, durch Grausamkeit zu Eis gefroren, als Säulen dienen, die Mauern und Decke stützen sollen. Macht unser Land nicht gleich einem solchen Eispalaste, und verhärtet nicht die unter uns wohnenden Völker durch eure Grausamkeit. Erwärmet die erfrorenen Herzen und reicht hin eure Hand den Verfolgten und Unterdrückten!" Tolstoi hat auch sonst, wenn er sich über die Behandlung der Juden in Rußland ausließ, aus das alte Rom hingewiesen. „Menschen wie Tiere in einem Käfig einsperren, sie mit schändlichen Ausnahmegesetzen absondern, sie durch gemeine und nach Bestechungen gierige Aufseher überwachen lassen, sie von jeder vernünftigen und legitimen Beschäftigung und namentlich vom. Landbau wegdrängen und alles dies zu tun einzig zu dem empörenden Zweck, den Pöbel auf die Juden loszulassen, so oft dies für Petersburg dienlich erscheint, das ist genau dasselbe, was unter den römischen Cäsaren geschah, da die Bestien in den Zirkussen auf Verbrecher und Christen losgelassen worden sind. Genau so wie die Cäsaren und ihre schmeichlerischen Höflinge den Pöbel mit blutigen Schauspielen unterhielten und so die Augen der Massen von den Verbrechen der Regierungen ablenkten, genau ebenso hat die nicht minder listige, aber noch mächtigere Bureaukratie einen ungeheuren Zirkus errichtet, den sie den Rayon der jüdischen Ansiedlungen nennt, und in diesem Zirkus hält sie die Gefangenen für dieselben blutigen Schauspiele und zu demselben niedrigen Zwecke, um nämlich die Augen des Volkes von den Verbrechen der Regierung abzulenken, so oft das Land sich zu erwachen' anschickt, oder wenn die Lüge allen die Augen zu öffnen droht. — Um die Aufmerksamkeit des Volkes abzulenken, lädt sie das Land zu neuen Gladiatorenkämpfen und schickt fie Herolde von Stadt zu Stadt, um den verarmten Pöbel aüfzufordern, die Läden und Wohnungen der Juden zu plündern usw." Man begreift, daß der. Mann, der mit solcher Prophetenwucht den Antisemitismus verdammt, dessen Vertretern ein Dorn im Auge sein muß. Sie haben denn auch die Feier seines Geburtsjubiläums nach Kräften zu hintertreiben gesucht.

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