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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-07-30 · Heft 31 (30.7.1909) · p. Seite 367

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 31 (30.7.1909)
Date
1909-07-30
Page
Seite 367 (sequence 9)
Language
German
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367 gleiche Pflichten. Leute, die vielleicht in ihrer Jugend auf irgend einer ^esobibad Talmud gelernt haben, können dadurch nicht schon das Recht für sich in Anspruch nehmen, an unseren vom modernen Geiste erfüllten Schulen, an denen jetzt ein freier und frischer Zug herrscht, zu unterrichten. Vor allem ist von jedem Lehrer pädagogische Fähigkeit zu verlangen, aber auch allgemeine Bildung, damit er nicht darin seinen Schülern nachstehe. Natürlich wird eine umfassende Kenntnis unseres Schrifttums vorausgesetzt. Inwieweit der Unterricht im Hebräischen an unseren Mittelschulen betrieben werden soll, wäre Gegenstand einer eingehenden Untersuchung, mit tunlichster Berücksichtigung örtlicher und anderer einschlägiger Verhältnisse. Keineswegs darf, nach unserer Ueberzeugung, der Religionsunterricht in einen trockenen Sprach- oder Grammatikunterricht ausarten. Das ist ein verhängnisvoller Fehler, welcher vielen Eltern und Schülern den Religionsunterricht verleidet, wenn nicht gar noch üblere Folgen nach sich gezogen hat. Die Lehrbücherfrage ist für uns eine akute und unabweisliche geworden. Dieser Frage wäre das größte Augenmerk zuzuwenden. Vielleicht ließe sie sich durch eine Enquete lösen. Mehrere erfahrene und tüchtige Pädagogen wären zu berufen, um in Gemeinschaft die notwendigen Bücher zu bearbeiten. Besonders für die oberen Klassen sollte nach dieser Richtung hin gesorgt werden. Bücher über die Geschichte, Liturgie, die Ethik des Judentums wären von großer Notwendigkeit. Es ist richtig, im Religionsunterrichte kommt alles auf den Vortrag des Lehrers an, mehr als in jedem anderen Gegenstände. Das warme, lebendige Wort des Lehrers wird das aufnahmssähige und zugängliche Gemüt der Jünglinge erheben und begeistern. Aber Bücher müssen doch der Jugend in die Hand gegeben werden, und an solchen guten Büchern mangelt es uns ganz und gar. Mit der Schulbüchersrage hängt enge die Abfassung von Lehrplänen zusammen. Ein großes Problem! Ich spreche absichtlich von Lehrplänen, denn ein allgemeiner, für alle Schulen gültiger Lehrplan ist ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man die sehr verschiedenartigen Verhältnisse unserer Schulen in den verschiedenen Kronländern, die schwankende Zahl der Schüler, die so weit auseinandergehende Vorbildung des Schülermaterials ins Auge faßt. Auch mit dieser Frage könnte sich eine Enquöte beschäftigen. Der Jugendgottesdienst sollte vom Religionsunterrichte nicht getrennt werden. Wir bedürfen tüchtiger Exhortanten, die es verstehen, den Unterricht gleichsam in der Synagoge fortzusetzen. Wofür man keine Zeit und auch nicht den richtigen Anlaß in der Schule findet, das könnte und müßte der. Gegenstand der Exhorte, der Erbauungsrede bilden. Unsere Jugend hat so wenig Zeit und Gelegenheit, den Gottesdienst zu besuchen, daß die Einrichtung der Jugendgottesdienste zu einer unabweislichen, besonders in großen Städten, und an diese denken wir meist bei unseren Ausführungen, geworden ist. — Wie man sieht, eröffnet sich für einen Referenten in Angelegenheiten unseres Religionsunterrichts ein weites und fruchtbares Feld. Standes- und Unterrichtsfragen in Hülle und Fülle sind da zu lösen. Wir freuen uns, daß das Ministerium dies eingesehen hat. Der neu ernannte Referent wird, deß sind wir überzeugt, allen diesen Fragen seine Aufmerksamkeit zuwenden, zum Segen unserer. Jugend und ihrer Lehrer. Wir aber besitzen jetzt eine Instanz, an die wir uns wenden können, wenn wir gerechte Ansprüche erheben, nicht nur in bezug aus Lösung von Standesfragen, sondern auch betreffs der so wichtigen Unterrichtsfragen, die noch immer ihrer Lösung harren, aber, wie wir hoffen, dieser bald werden zugesührt werden. — Vielleicht werden wir von dev Regierung das erlangen, was die geplante Organisation der 'Gesamtjudenschaft Oesterreichs, nach unserem letzten Berichte, schwer erreichen wird. Ein richtiger, in pädagogischen Bahnen sich bewegender Religionsunterricht, der namentlich auf Herz und Gemüt Rücksicht nimmt, ist sehr notwendig. Schon unsere Alten sagten: „Die Religion wendet sich an die . Herzen". Dieses Axiom, so klar es hier ausgesprochen istwird von vielen nicht richtig erkannt. Mit Belastung des Gedächtnisses, mit dem Kram einer grauen Theorie, mit einer ausdringlichen Gelehrsamkeit richtet man nichts aus. Man bewirkt oft sogar das Gegenteil von dem, was wir alle im Auge behalten sollten: die Jugend unserer Religion zu erhalten, die Religion unserer Jugend zu bewahren. — Eigentümliche Blüten zeitigt unsere Zeit. Der Abfall hat erschreckliche Dimensionen angenommen. Diesem aber arbeitet man nicht entgegen, wenn man witzig sein sollende pamphletiftische Gedichte und andere derartige „literarische" Produkte in die Welt setzt, in denen man sich gegen die Getauften und bald Getauften mit; einem gewissen spöttelnden Behagen wendet, von Israeliten und anderen AMsemiten spricht, zum großen Gaudium unserer Gegner, von deren übelriechenden Erzeugnissen sich die Machwerke dieser angeblichen Reiniger Des Judentums wenig, unterscheiden.- Bei jeder Sache muß man die Frage aufwerfen: „Cui prodest, cui boW“? Wem nützt man damit, wem gereicht sie zum Vorteile? Ist es wirklich zum Nutzen des Judentums, wenn man die Fehler, die Charakterlosigkeit einiger Streber in Wort-und Bild kraß darstellt und dadurch in den Fehler unserer ärgsten'. Gegner verfällt? Darf man aber auch denjenigen Juden yrid d^n Antisemiten in eine. Reihe, stellen,- der namentlich-manche unserer allzu aufdringlichen jungen -Leute.ermahnt,. >tchas — bescheidener zu sein? — Da erscheinen seit einiger Zeit einige solcher Büchelchen, die es sich zur.Aufgabe stellen, gechisse -Erscheinungen im Judentums, die uns gewißnicht zur Ehre gereichen, besonders das Anbiedern an. unsere ..Gegner, zu-verspotten. Häßliche Karikaturen— wahrlich kein BuchschnnÄ — zieren die Titelblätter. Man glaubt zunächst, wenn man diese säbelbeinigen, sarbenschreienden Figuren. .. sieht, diese dickbäuchigen Männlein und Weibleiw mit den gekrümchten Nase-n, den 'aufgedunsenen, satten. Gesichtern, diese. ho.chbnsigen. ipiit Kreuzen geschmückten I)amey,..'..MN^^ä.be-,es .hier./.mit..Produkten des krassesten Antisemitismus zu'tun. I ,We.it. gefehlt. Es enthalten diese Büchlein. „Poesien",., die vy.n..,-juÄsAe-r Serie ausgehen, und schreiend. Verkündigen : Sehet^nnö.höres^so sind unsere Juden. Der wahre'-'Jude'"wird,.'dresep.Mt „Literatur" abgestoßen fühlen. Er wird. 'ihren Hersafserm qbssr auch das Recht ab sprechen, sich' zu Mchtern^.zu ‘' maühen M^r Fehler, die sicherlich vielen unserer< Maüh.ens-vder,-wenn.DM es lieber hört, Volksgenossen anhaftend MögenV-doch'.djese Herren Sittenrichter, diese Juvenale und Martiale.-unserer Zeit, vor der eigenen Türe kehren. Wir,'.-häh>en 'jb*e,vielen traurigen Erscheinungen unseres heutigen Judentums niebeschönigt, sie schonungslos ans Tageslicht gebracht. Aber nsit dem Gifte pamphletistischen Spottes wird man die Verirrungen wie sie das Judentum unserer Zeit vielfach aüfweist,. nicht heilen, sondern unseren Feinden nur die Waffen in die "Hand drücken. Das fehlte uns noch, daß aus unserer eigenen' Mitte diejenigen erstehen, welche die Laster einiger unserer.Jüuglinge, Männer . und Frauen, die Charakterlosigkeit und die Abtrünnigkeit, dem ganzen Judentums aufs Kerbholz schrieben. Gegen dieses Gift hilft nur eines: Das ist ein in ehrlichen Bahnen sich bewegender Unterricht, der unsere' Jugend erhebt und begeistert und sie aus dem Sumpfe des rohen Materialismus führt in den ,herrlich, blühenden Garten unserer Religion. - Iwri.'

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