Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1909)
- Date
- 1909-07-30
- Page
- Seite 366 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 366 -— :^W diesem Werk des Fortschritts mitgearbeitet. In zahlreichen Schulen, die nacheinander während dieses Zeitraums im Lande gegründet wurden, hat sie die intellektuelle und moralische Emanzipation der Juden angestrebt, und nichts kann die Resultate der Alliance besser vor Augen führen, als die Zugehörigkeit der Deputierten zum ottomanischen Parlament, die ihren ersten Unterricht in den Institutionen der Alliance genossen haben. Herr Dr. Riza Tefvik Beh, Deputierter von Adrianopel, dankte dem Präsidenten der Alliance für seine sympathischen Worte. Er erklärte, daß er das Erziehungswerk der Alliance Israelite Universelle in der Türkei sehr zu schätzen wisse, weil er, ein Muselmane, seine erste Erziehung diesem Werk verdanke; auch habe er nicht aufgehört, ihm seine große Sympathie öffentlich zu bezeigen. Das Wohlwollen, das die Türkei den Juden entgegenbringe, ist nur gerechtfertigt. Ihre intellektuelle Tätigkeit, ihre reinen und friedlichen Sitten werden viel dazu beitragen, um den Fortschritt des Landes zu entfalten. Wie bisher, so könnten sie auch in Zukunft auf den Geist menschlicher Brüderlichkeit aller Mitbürger zählen, welcher konfessionellen oder Volksgruppe diese auch angehören. Eine Andeutung auf die zionistische Bewegung beantwortete der Redner dahin, daß es geraten sei, diese Bewegung nicht zu unterstützen. Die Türkei habe im Sinne, ihre Türen allen Verfolgten offen zu halten, die zu ihr kommen, um ihre Kräfte zu brauchen oder ihre Kapitalien nutzbar zu machen. Sie würde eine Bewegung nicht dulden, die das Ausrollen einer in Wirklichkeit nicht existierenden jüdischen Frage bezwecke, einer Frage, die hervorzurufen nicht im Interesse der Israeliten liege. Herr Leven erklärte, daß diese Auffassung den Ansichten der Alliance voll entspräche. Die Alliance habe es bisher verstanden, dem Zionismus fern zu bleiben, und habe vermieden, ihn in irgend einer Art zu ermutigen. Die Unterhaltung, die sich beinahe zwei Stunden hinzog, trug den Stempel großer Herzlichkeit. Aus Tarnopol geht uns folgende Nachricht zu: Im Dorfe Burka bei Tarnopol wurde dieser Tage ein frecher Mädchenraub verübt. Zwei Bauern ergriffen des Nachts die 18 jährige Tochter des dortigen jüdischen Einwohners David Bleich und entführten sie gewaltsam in ein Tarnopoler Nonnenkloster. Der Vater oes Mädchens verfolgte die Räuber, die jedoch im Dunkel der Nacht entkommen konnten. Nach einigen Tagen erfuhr Bleich, daß seine Tochter sich im Tarnopoler Kloster befindet, und begab sich dahin, um sein Kind zurückzufordern. Weinend bat er um Einlaß und wünschte seine Tochter zu sehen. Der Aermfte wurde barsch von der Klosterpforte gewiesen, indem ihm beschieden wurde, daß das Mädchen angeblich bereits nach Lemberg gebracht worden sei. 4r Aus New York wird der „N. I. K." von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: Nach einer neuerlichen Bestimmung des Emigrationskommissars William Williams sollen die Schiffahrtsgesellschaften von jetzt ab nur solche Zwischendeck-Passagiere nach Nordamerika befördern, die mindestens 25 Dollar außer den gesamten Reisekosten besitzen. Der Kommissar hat dabei offen erklärt, er wünsche die ärmeren Emigrantenklassen von Amerika fernzuhalten. Die im New Yorker Port eingetroffenen Einwanderer, die von dieser neuen Bestimmung noch keine Kenntnis hatten, sind durch dieselbe in eine verzweifelte Lage geraten. Mit dem „Rindam" der Hamburg-Amerika Linie sind über 300 Passagiere der 2. Klasse und 800 Zwischendeckpassagiere angekommen. Von den ersteren besaßen 215, von den letzteren etwa 5OO keine 25 Dollars. Sie alle sollten nun als „unerwünschte Elemente" zurückgeschickt werden. Herzzerreißende Szenen spielten sich unter diesen Unglücklichen ab. In den Einwandererlogis auf Ellis-Jsland herrschte eine nie dagewesene Enge und Ueberfüllung. Auf das Flehen und Jammern der Betroffenen erklärte der Kommissar, er werde diesmal noch ausnahmsweise gestatten, daß sie von ihren Verwandten abgeholt werden, wenn diese die Garantie dafür übernehmen, daß die Einwanderer dem Staat „nicht zur-Last fallen" würden. Von der neuesten Beschränkung werden die jüdischen Emigranten am härtesten betroffen, da sie nach den statistischen Feststellungen am wenigsten Barmittel besitzen. Und wenn die neue Bestimmung in der Weise Anwendung finden sollte, daß jeder einzelne Emigrant, nicht jede Familie, 25 Dollar besitzen muß, so bleibt Nordamerika für die jüdische Massenemigration so gut wie geschlossen! Lrirk aus Velterreich. 3 Im Juli, n einer Rede, die einer der Abgeordneten des jüdischen Klubs im Reichsrate hielt, sprach er sein Bedauern und zugleich seine Verwunderung darüber aus, daß wir Juden in Oesterreich keinen jüdischen Referenten für unsere Kultusangelegenheiten im Ministerium hätten. Diesem Mangel ist nun abgeholfen worden. Der Kultusminister Graf Stürgh hat nun in anerkennenswerter Initiative einen solchen Referenten für die Angelegenheiten des Mittelschulwesens und des jüdischen Kultus ernannt. Die Wahl siel auf eine höchst würdige Persönlichkeit, den Kustos der Wiener Universitäts-Bibliothek, Dr. Frankfurter, einen Mann von hoher Gelehrsamkeit, einen tüchtigen Beamten, einen trefflichen Kenner unseres Schulwesens und jüdischer Verhältnisse. Die Wahl erscheint uns als eine glückliche, weil wir der Ansicht sind, zum Referenten mußte ein nach allen Seiten hin freier, konfessionell und politisch gänzlich unabhängiger Mann gewählt werden. Und dieses Motiv scheint den Minister geleitet zu haben. Jedenfalls sind wir auf der Bahn der freiheitlichen Gleichberechtigung einen Schritt weiter gekommen. Denn es war wirklich ein Widersinn, daß jüdische Angelegenheiten von einem Nicht-Juden im Ministerium verwaltet wurden. Wir versprechen uns gar manches Gedeihliche von der Wirksamkeit des neuen Referenten. Vor allem wende er seine Aufmerksamkeit dem Religionsunterichte an unseren Mittelschulen zu. Da gibt es, trotz mancher guten Anläufe, noch vieles zu ordnen. Man hat z. B. unter der Verwaltung des unvergeßlichen Ministers Dr. Härtel einige Stellen für den Religionsunterricht an unseren Mittelschulen systemisiert. Aber dies geschah nur ad personam. Die erste Bitte, die wir an das hohe Ministerium richten, und welcher der neue Referent sein Ohr zuwenden wolle, besteht darin, die aä personam Systemisierung in eine allgemeine zu verwandeln, so zwar, daß die erledigten Stellen im Amtsblatte ausgeschrieben werden, damit man sich um diese bewerben könnte. Dies gilt namentlich in bezug auf Wiener Stellen. Warum soll es Männern, die jahrelang in der Provinz gewirkt haben, nicht ermöglicht werden, auf Grund eines ausgeschriebenen Konkurses sich um eine Stelle für den Religionsunterricht in der Residenz zu bewerben, wie dies in jedem anderen Fache der Fall ist? Wie die Verhältnisse heute liegen, ist es nur gewissen Auserwählten möglich, nach Wien zu kommen und durch Hintertreppenpolitik zu einer Stelle als Religionslehrer in der Reichshauptstadt zu gelangen. Dies sollte endlich aufhören. Auch hier, gleiches Recht für alle. Der Religionsunterricht bedarf auch in anderer Beziehung der Aufmerksamkeit des neuen Referenten. Nur wirklich qualifizierte Lehrer sollten zu diesem Unterrichte zugelassen werden. Hier gelte wieder der Grundsatz: Gleiche Rechte,