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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-07-30 · Heft 31 (30.7.1909) · p. Seite 365

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 31 (30.7.1909)
Date
1909-07-30
Page
Seite 365 (sequence 7)
Language
German
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zum Zeichen der Trauer dreimal über der Gruft, dreimal kreuzten sich die Schläger der Chargierten, dann folgten nach den gramgebeugten Angehörigen unzählige Freunde. und Verehrer, welche dem Verblichenen den üblichen Scheidegruß nachsandten. ■ Die Sonne, die unser Verewigter so sehr liebte, sandte wie zum Abschied ihre brennenden Strahlen in die Gruft, dann fiel dumpf Scholle auf Scholle auf die Bahre jenes Mannes, den wir alle so liebten und verehrten. — ... Dir Woche. Berlin, 27. Juli. ie Antisemiten sind mit der vom Reichstag angenommenen Zivilprozeßnovelle, die die ganze kaufmännische Welt als Fortschritt begrüßt, nicht zufrieden, weil sie, wie in dem -verjudeten Deutschland gar nicht anders zu erwarten war, nur jüdischen Interessen dient. Das urgermanische „geklärte Sozialempfinden" sträubt sich natürlich dagegen, und im „Hammer" wird nachzuweisen gesucht, daß diese Novelle für den Mittelstand, das ungehorsame Kind des Antisemitismus, schädlich werden könnte. Eine sorgsam abwägende Kollegialrechtsprechung bietet nach dem „Hammer" für eine richtige, objektive Auslegung des Gesetzes eine ganz andere Gewähr als „das heutige gedrückte Einzelrichtertum". „Vorausgesetzt natürlich hier wie dort, daß deutsch-germanische Rechts^ empfindung und nicht jüdische Spitzfindigkeit die Feder führt." Das weiß man auch, so kalkuliert der „Hammer" weiter, in den maßgebenden Kreisen, und daher hat man für die Reichen und ihre Interessen die Rechtsprechung dreier Instanzen vorgesehen. Die Rechtsverschlechterung trifft daher nur den von den Antisemiten trotz seiner Störrigkeit so heiß geliebten, Mittelstand. Das schlimmste aber ist, daß auch Juden in solchen Dingen mitentscheiden dürfen. Es heißt ferner wörtlich: „Hierzu kommt, daß man in dem jüngst verabschiedeten Reichsgesetz die ganz unglaubliche Bestimmung ausgenommen hat, daß die 43 Kammern für Handelssachen, in denen fast ausschließlich Börsenjuden sitzen, die endgültige Berufungsinstanz gegen Urteile der Amtsgerichte (bis zu 600 Mark) in den sogenannten Handelssachen bilden sollen! Damit ist der städtische deutsche Mittelstand in schwere Gefahren geraten. Jetzt ist der Ring geschlossen! So sieht der liberale Mittelstandschutz aus! Was nützt dem gegenüber noch alle soziale Gesetzemacherei! Man verspricht sich Wunderdinge von dem neuen Gesetze zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs und duldet es dabei, daß unser gewerbfleißiger Mittelstand aus engherzigen fiskalischen Erwägungen der Erdrosselung durch eine jüdische Karikatur der Rechtspflege preisgegeben wird!" Also, in den Kammern für Handelssachen sitzen fast ausschließlich Börsenjuden! Es genügt, diese Behauptung des Herrn Theodor Fritsch, dessen Wahrheitsliebe man ja aus seinem Handbuch zur Judensrage hinreichend kennt, festzunageln. * In der „Kreuzzeitung" lesen wir: „Der vor wenigen Wochen zum Kabinettsminister ernannte Mr. Herbert Samuel blieb auch bei der am Sonnabend stattgefundenen Neuwahl in dem Bezirke Cleveland mit 6296 Stimmen wieder siegreich. Mr. Herbert Samuel, der noch in seinem 39. Lebensjahre steht, ist nach Winston Churchill der jüngste englische Minister mit Kabinettsrang. Er hat während des letzten Jahres seiner Partei außerordentliche Dienste geleistet, und der wertvolle Posten ist. ihm zweifellos als Anerkennung für diese Dienste gegeben worden. Er ist der Vater des neuerdings eingeführten Kinderschutzgesetzes, welches auch mit großem Geschick durch das Unterhaus steuerte." Daß Mv. Samuel Jude ist, unterläßt das Blatt seinen Lesern mitzuteilen. Diese könnten sich sonst von dem Vorurteil lossagen, daß ein Jude nicht die Fähigkeit besitze, einen Ministerposten zu bekleiden. * Von geschätzter Seite wird den Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus folgende Reminiszenz zur Verfügung gestellt: Am 29. Juni 1890 sandte Rabbiner Josef Nobel in Halberstadt ein Schreiben an den Fürsten Bismarck nach Friedrichsruh, in welchem auf die Tatsache hingewiesen wurde, daß die Antisemiten seit dem Rücktritte Bismarcks, unter dessen Regime die antisemitische Bewegung entfesselt worden, sich an ihn herandrängten und seinen Namen für ihre Zwecke mißbrauchten. Die Schlußworte lauteten: „Ew. Durchlaucht! Ein kurzes Wort aus Ihrem Munde, und die Ritter des Antisemitismus werden es fürder nicht wagen, ihr giftiges Unkraut des Judenhasses für einen auf den Namen „Fürst Bismarck" zurückzuleitenden Stammbaum auszugeben. Ein Blitzstrahl von Ew. Durchlaucht, und der Schatten schwindet, der den einen Zug auf dem erhabenen Bilde verdunkelt, die Welt wird nicht nötig haben, den Mann vom Menschen zu trennen und die Menschheit wird, dem großen Mann und großen Menschen ihre Verehrung und ihre Liebe bewahren!" Eine Woche darauf war in den „Hamburger Nachrichten", dem dem Fürsten Bismark nahestehenden Blatte, folgendes zu lesen: „Wenn Fürst Bismarck dieser und jener Vereinsdeputation oder Festversammlung auf ihren an ihn gerichteten Ehrengruß in recht freundicher Weise geantwortet hat, so war dies einfach ein Akt der Hösichkeit von ihm, der in keiner Weise bekunden kann, daß er sich zu hen Prinzipien der betreffenden Abordner und Teilnehmer bekenne. Was die Israeliten betrifft, ist so viel sicher, daß der Fürst, so weit es an ihm lag, nie zugegeben hätte, daß sie auch nur in einem einzigen der ihnen im Deutschen Reiche verfassungsmäßigzustehenden Bürgerrechte angetastet würden." Leider hat der große Realpolitiker die antisemitische Bewegung als Sturmbock gegen den Liberalismus benutzt und sie dadurch indirekt gefördert. * Eine Delegation von gegenwärtig in Paris weilenden ottomanischen Parlamentsmitgliedern hat sich am Donnerstag den 15. Juli nach den Bureaus der Alliance Israelite Universelle begeben, wo sie von dem Präsidenten Herrn Leven und Mitgliedern des Zentralkomitees empfangen wurde. Die Delegation bestand aus den Herren Dr. Riza Tefvik Bey, Deputierter von Adrianopel; Midhat Bey, Deputierter von Serres; Sasson Effendi, Deputierter von Bagdad; Büftani Effendi, Deputierter von Beyrut; Mazliah, Deputierter von Smyrna. Die Herren waren begleitet von dem Kapitän Ismail ..Djanbulet Bey und von Herrn Assee, Mitglied der nach Frankreich entsandten ottomanischen Finanzstudien-Kommission. Herr Leven drückte den Delegierten, auch im Namen seiner Kollegen vom Zentralkomitee, seine Freude über diesen spontanen Besuch aus. Er begrüßte die ottomanischen Deputierten als Vertreter eines Landes, das den verfolgten und bedrückten Juden jederzeit in weitestem Maße Gastfreundschaft gewährt habe. Wenn diese Auffassung brüderlicher Duldsamkeit unter den verschiedensten Regierungen der Vergangenheit geherrscht -habe, wieviel mehr werde sie jetzt in Ehren gehalten werden, da die Türkei nach dem großartigen Aufschwung zur Freiheit, der in aller Welt Bewunderung gefunden, die Bürgerrechte proklamiert und sich ihre Stellung als konstitutioneller Staat erworben habe. Die Alliance habe seit fast fünfzig Jahren an

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