Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1909)
- Date
- 1909-07-30
- Page
- Seite 364 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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' ^nt - Jidmeh 4?er Großloge des Wne Brith-Ordens und zugleich im Namen der Dtzutschen Reichsloge, welcher der Verklärte lange Jahre hindurch angehört hat, gab alsdann der Exgroßpräsident Geheimrat Dr. Maretzki den Gefühlen der Trauer wehmutvollen Ausdruck und flocht in den Trauerkranz herzliches innige Dankesworte für all das Schöne und Gute, das der Verglichene während einer Reihe von JahreN aus dem Füllhorn seines schönen Geistes den Logenbrüdern gegeben hat. Er wies darauf hin, daß Karpeles, getreu den Prinzipien des B'ne Brith-Ordens, die idealen Bestrebungen,,, die Hümanen Ideen zu verwirklichen durch ernste Arbeit an sich und anderen, die Hebung des sozialen Niveaus unserer Religionsgemeinschaft zu fördern durch Selbstveredlung, durch Selbst-, erziehung, durch Vervollkommnung der Menschen freudig, willfährig und unermüdlich seine Tätigkeit in den'Dienst des Ordens gestellt hat. „Mochte es sich darum handeln, eine neue Pflanzstätte des Ordens zu schaffen", so fuhr der Redner fort, „mochte es sich um eine Gedenkrede auf einen unserer Führer handeln, mochte es sich darum handeln. Belehrung zu schaffen für alle, die dem Orden anflehörteü, freudig war er zur Stelle und gerne folgte er unserem Rufe. Schon in den ersten Jahren unseres Beginns .hat er einen Zhklus von Vorträgen aus der jüdischen Geschichte auf unsere Anregung hin gehalten und diese schriftstellerisch niedergelegt. Er war es, der uns geholfen hat, durch Vorträge unsere Mitglieder bekannt zu machen mit der Geschichte des Judentums, wach zu rufen die verklungenen Lieder vergangener Zeiten. Nicht, uni' sich zu weiden an der Herrlichkeit vergangener Zeiten- oder wehmütig zu klagen über all das Unglück, das über Israel verhängt war, sondern um zu lehren, zu erheben, zu festigen. Das war seine Idee, dahin ging seine Arbeit für uns. Ausgestattet mit einem reichen Schatze historischer Kenntnisse, ungemein bewandert in der Literatur aller Länder und hauptsächlich in der deutschen und jüdischen Literatur, spendete er aus dem reichen Borne seines Könnens und Wissens überall. Die sonnige Klarheit seiner Darstellung, der herzenswarme Ton, mit dem er sprach, der poesievolle Schwung seiner Worte, die flammende Begeisterung für den Stoff seines Vortrages,-- wie das zündete, wie das wärmte, wie das hinriß! Darum ist die Trauer in unserem Orden eine allgemeine über den Verlust dieses lieben, freundlichen, frohgemuten, wackeren Bruders. Die Trauerkunde hallt wider von dem baltischen Strande bis zu den Schweizer. Bergen, und die Teilnahme, das Ergriffensein über diesen unersetz. lichen Verlust ist allgemein. Aber bei all dem Schmerz, bei all der Trauer ist ein Moment versöhnend, tröstend! Er ist auf der Höhe des Könnens von uns geschieden, in der Vollkraft feiner schöpferischen Tätigkeit ist er von uns gegangen. Das ist ein Gnadengeschenk göttlicher Wallung. Der Todesengel hat ihn mit sanftem Kusse entrückt aus dem irdischen Dasein in jene lichten Höhen der Ewigkeit und der Unsterblichkeit. Das Walhall der Unsterblichkeit hat ihn ausgenommen. Auch uns wird er für die Ewigkeit unsterblich bleiben. Unvergessen wird seine Tätigkeit für den Orden sein. Seine- Wirksamkeit, seine Arbeit in dem Orden wird fortwirken bis in die spätesten Generationen, die neuen Brüder anfeuern zu guten Taten, die alten stärken in dem Bewußtsein ihrer getanen Pflicht. Unvergessen wird er uns sein in seiner liebevollen freundlichen Art, in seiner Herzensgüte, mit der er sich jedem widmete, welches Anliegen er auch an ihn stellen mochte. Heilig und teuer wird uns fein Ge» | dächtnis sein!" Zu der Zahl der intimsten Freunde des Verstorbenen gehörte auch der folgende Redner, Chefredakteur Dr. I. Landau. „Meine Lieben und Teuren alle," führte er aus, „an dieser Stätte zu einer innigen Gemeinschaft vereint, zu einer Familie verschmolzen durch das gemeinsame Leid, durch die heilige Weihe der Stunde. Daß diese Stunde doch gerade mich an die Bahre ruft, und ich meine, doch selbst, mit dem besten Teil meines Jchs gebettet zu sein unter dieser Blumendecke! Daß doch gerade ich jetzt berufen sein muß, zu Ihnen zu sprechen, und ich meine, doch mit verstummt zu sein in der Stunde, da das Herz eines trefflichen Freundes zu schlagen aufgehört hat! Daß ich nun berufen sein soll. Ihnen Trost zuzufprechen, und habe doch selber keinen! Uns allen ist es gleich ergangen, uns alle traf der Schlag so schwer. Jeder von unsder zu der treuen Gemeinde der Freunde gehörte, fühlte sich an jenem unglückseligen Mittwoch- Abend vereinsamt, beklommen. Niemals ist uns bas Gefühl der Verarmung so nahe gekommen, niemals, seitdem wir etwa an der Bahre geliebter Eltern gestanden, ist es uns so zum Bewußtsein geworden, daß wir verwaist, verlassen, vereinsamt.' Ein Pfeiler, eine. Säule ist gestürzt, ein Pfeiler, an dem wir uns gestützt haben. Eisig kalt und fröstelnd weht es uns an, und wir meinen, der'altgewohnten Stütze zu entbehren, meinen, zusammensinken zu müssen. Als Gustav Karpeles das Diplom, das ihn zur Annahme eines Rabbinats befähigte, in die Schublade gesteckt hatte, als er es als des Gottesdienstes schönsten Teil erkannte, der Menschheit zu dienen, da widmete er den reichen Schatz seiner Güte allen. Nie hat einer an sein Herz geklopft, an seine Kraft und sein Können sich gewendet ohne Erfolg. Wir aber, die zur engsten Gemeinde seiner Freunde gehörten, wir kannten ihn noch anders. Ist es denn aber mit dem Worte „Freundschaft" getan? Wie wenig, wie blutwenig umfaßt, wie wenig erschöpft das viel mißbrauchte Wort Freundschaft das, was Karpeles uns gewesen ist! Eine innige Lebensgemeinschaft, eine Schicksalsverbindung hat uns mit ihm von Anfang an verwoben. 35 Jahre meines eigenen Lebens ruhen unter dieser Blumendecke, 35 Jahre meines eigenen Seins, der Zeuge und Genosse meiner schönsten Erinnerungen! Keine Freude, die sich nicht verdoppelte und verdreifachte, kein Leid, das sich nicht verminderte durch seine Anteilnahme. Der Schatz seiner unendlichen . Güte hat uns um-- hüllt wie eine warme, schützende Decke, und sein leuchtender Humor hat uns gestrahlt in allen wertvollen Stunden unseres Lebens. Dieser Humor, der nicht einer leichtfertigen Lustigkeit entsprang, kein äußerlicher Karnevalshumor, sondern ein Kind des Leids und der ‘ Erfahrung, ein Simchas lorab-Humor, erblüht aus der umfassenden Erkenntnis von Welt und Lehre und Wissenschaft. Aber wir würden es nicht verdienen, uns seine Freunde zu nennen, wollten wir uns in öde und leere Klagen verlieren. Gustav Karpeles verstand es, sich mit der Welt und ihren Wirklichkeiten würdig auseinanderzusetzen. Und so müssen wir von ihm lernen: Klage ist Gotteslästerung. Wenn wir nicht bloß die Freude gehabt, sondern wenn wir es auch verdient haben sollen, uns seine Freunde zu nennen, so müssen wir uns in die Notwendigkeit finden, daß es nunmehr unsere Aufgabe sein muß, die Erinnerung an ihn zu hegen und zu pflegen. Jeder Gewinn kann eine Freude sein, jeder Verlust ist eine Erfahrung, und wenn es ein so großer und schmerzlicher Verlust ist, dann ist es mehr als eine Erfahrung, dann ist es eine Lehre. Und wer von uns ist angesichts dieses schmerzlichen Verlustes nicht in sich gegangen, wer von uns hat nicht Abrechnung mit seinem Schicksal und seinem Leben gehalten? Er ist uns nicht verloren. Wir dürfen im Augenblick des Leids nicht vergessen, daß wir auch Dank schuldig sind, großen, herzlichen Dank dafür, daß wir einen so herrlichen Freund besessen haben. Bleibt uns doch der Schatz der unvergänglichen Erinnerung, und die Erinnerung ist ein Besitz, den uns nichts raubt, den uns nur der eigene Tod entreißen kann. So nehmen wir denn gehoben Abschied von unserem guten Karpeles.! In den letzten Jahren ist er des Himmels Liebling gewesen, indem er viel Schmerz und Leid hat tragen müssen, War ihm der Himmel nicht leicht, so sei ihm nun die Erde leicht. Er hat sich wenig Ruhe gegönnt in seinem Leben, da er alle Zeit und Kraft für seine Freunde und Mitmenschen aufbrauchte. Nun ruhe sanft, und nun lebe wohl, unser guter, guter Karpeles!" In kurzen Worten ries dann noch Herr Zahnarzt Lipschütz im Namen des „Akademischen Vereins für jüdische Geschichte und Literatur" dem verstorbenen Ehrenmitglieds einen Scheidegruß und den herzlichen Dank für die stete Förderung der Bestrebungen des Vereins nach. „Als Känipfer für die Wahrheit wirst Du uns und den jungen Studierenden Vorbild bleiben für alle Zeiten. So werden wir am besten in Ehren halten das Andenken an unser verstorbenes Ehrenmitglied Gustav Karpeles!" Nach der Liturgie wurde unter den Klängen des Flemmingschen Liedes: „Ueber den Sternen" der Sarg zur Ehrenreihe getragen, wo die irdische Hülle des Verklärten nach kurzem Gebet in die kühle Erde gebettet wurde. Die umflorte Fahne des Akademischen Vereins für jüdische Geschichte und Literatur senkte sich