Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-07-30 · Heft 31 (30.7.1909) · p. Seite 363

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 31 (30.7.1909)
Date
1909-07-30
Page
Seite 363 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3224737-3228852-3228884--65734-3277876
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

i 363 Vereinen für jüdische Geschichte und Literatur. Hier erwarb er sich sein Hauptverdienst, indem er selbst jene, die schon dem Gotteshause entfremdet waren, die überhaupt von allem religiösen Leben abgelenkt waren, wie in einem Sammelpunkt vereinigte. Er gewann sie wieder für die geistigen Schätze des Judentums und weckte dadurch das Selbstgefühl und das Selbstbewusstsein, das bei so vielen erloschen schien. Wie lauschten die zahlreichen Versammlungen seinen geistvollen und hinreißenden Worten, welche begeisterte Stimmung tat sich kund nach seinen Vorträgen! Seine Begeisterung kam aus dem Herzen und mußte darum zum Herzen gehen. So haben wir das Geheimnis seines guten Herzens. Es war ein jüdisches Herz, das den Geist entflammte und das Gemüt ergriff. Möge man uns die Ueberhebung verzeihen, wenn wir in dem jüdischen Herzen den Inbegriff aller religiösen Stärke sehen. Es kann alle Opfer, alle Unbilden vergessen, es will nicht herrschen, es will nur dienen. Es will zwar selber glücklich fein, aber sein höchstes Glück findet es doch nur in der Beglückung der anderen. Wie hat die Welt das Wirken dieses guten, dieses jüdischen Herzens gelohnt? Stolz können wir heute sagen, die Welt ist ihm nichts schuldig geblieben. Vor allem war es sein kernhafter Schwiegervater, der den nach dem Höchsten Ringenden nach Gebühr erkannt und gewürdigt, und so gab er ihm das Beste, was er ihm geben konnte, er gab ihm seine Tochter zum Weibe. Durch sie fand er den wärmenden Sonnenschein, durch den er sich im Hause behaglich fühlen und seiner stillen Arbeit, die doch einmal sein Lebensnerv war, sorglos hingeben konnte. Auf seine Eigenheiten ging sie nicht bloß ein, sie wußte ihnen auch eine schöne Deutung unterzulegen. Wenn er an manchem Hergebrachten festhielt und dann wiederum den unbedingten Freisinn vertrat, so erklärte sie das eine aus poesievoller Pietät und das andere aus dem Wesen des aufstrebenden Geistes. Auch die Kreise, denen er gedient, suchten jede Gelegenheit wahrzunehmen, ihre Dankbarkeit zu bezeugen. Doch seine Zurückhaltung, seine überaus gemütvolle Bescheidenheit wich allen Ovationen aus, und es war nur eine einzige, die ihm wahre Genugtuung bereitet hat. Es war die zweite Drucklegung seiner jüdischen Literaturgeschichte, die seine Verehrer aus Anlaß seines 60. Geburtstages veranstaltet haben. Diese Ehrengabe wie die darauffolgende Reise nach dem Süden, die er mit der Gattin unternahm, waren die letzten Freuden in seinem schönen, erquickenden Dasein. Seine Freunde streiten untereinander, wer ihm am nächsten gestanden, und selbst die Geschwister, an denen er mit fast väterlicher Liebe hing, haben es nicht leicht, es mit den Freunden aufzunehmen. Ich mische mich nicht in diesen Wettstreit, aber das eine will ich hier sagen, er hat vielen Gutes erwiesen, aber es ist keiner, dem er so viel Liebes und Gutes erwiesen wie mir! Dem treuen Bruder will ich das Wort Gabirols, dessen Gestalt ihm so teuer war, Nachrufen: „In meinem Herzen ist dein Ort, da lebst du mir für immer fort. Ich suche dich da, ich finde dich da. bist mir wie meine Seele nah!" Und nun, lieber Gustav, sollen wir von Dir Abschied nehmen. Nur Deine irdische Hülle wird uns entrückt, aber Dein seelisches Bild wird lebendig bleiben in unserer Mitte. Du, trauernde Witwe, -wirst nicht vereinsamt sein in Deinem Schmerze, wir werden ihn gemeinsam tragen, uns gegenseitig stützen, denn er ist uns allen entrissen worden. Und so wird seine liebe Stimme noch über das Grab hinaus uns Zurufen: Seid stark und fest, die ihr meinen Namen in Ehren haltet. So mag er euch jederzeit Glück und Heil und auch Freude bringen. So sei es! Amen!" . Dann nahm, ebenfalls von tiefer Wehmut ergriffen, Herr Prof. Dr. Martin Philippson, der Vorsitzende des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes sowie der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums und langjährige Freund des Verblichenen, das Wort. „Mein innigstgeliebter Freund", so führte er etwa aus, „mit dem mich Jahrzehnte hindurch eine ungetrübte Zuneigung verband, mein Freund und mein Berater, inmitten der jugendlichen Frische und Fröhlichkeit ist er dahin gegangen. Ach, wehe ist meiner Seele! Und doch, die Liebe zu einem edlen, zu einem ausgezeichneten Menschen ist ja ein Glück, das sich nicht verliert, ist ein Gewinn, der Tod und Vergänglichkeit überdauert, ein Besitztum für immer. Aber nicht von diesen persönlichen Beziehungen möchte ich hier sprechen, so sehr sie mich auch bewegen, sondern von den großen Unternehmungen, die seine unermüdliche Kraft, sein ewig reger Geist, seine unerschöpflichen Initiative geschaffen und geleitet haben. Zunächst von der „Allgemeinen Zeitung des Judentums". Freilich, verehrte Anwesende, nicht so unmittelbare Bande verknüpften mich in diesen Jahrzehnten mit der Zeitung. Aber dieses vornehmste Organ der deutschjüdischen Journalistik war ja geschaffen und mehr als ein halbes Jahrhundert geleitet von meinem Vater. Und so fühle ich mich gedrungen, zu bezeugen, daß dieser keinen besseren und würdigeren Nachfolger erhalten konnte als Gustav Ka'rpeles, der in demselben Sinne, in derselben Begeisterung für das Judentum arbeitete, für das liberale Judentum. Kein radikales Brechen mit dem, wofür viele Jahrhunderte lang die Herzen der Väter geschlagen haben, sondern allmähliche, organische Fortentwicklung nach den Anschauungen, Empfindungen und Bedürfnissen der Gegenwart — das war der leitende Grundsatz von Gustav Karpeles wie von Ludwig Philippson. Ja, man hat wohl gesagt, es fehlte ihm manchmal an dem Zorn und der Kampfessreude, die vielleicht zu dem Beruf gehören. Aber es hing dies zusammen mit seinen schönsten Vorzügen, mit seinem guten, vortrefflichen Herzen. Es ist bereits auf das Wort in der Vorrede zu seiner Literaturgeschichte hingewiesen worden: Niemandem zu Liebe, niemandem zu Leide. Ich möchte vielmehr sagen: Niemandem zu Leide und jedem, der dessen würdig war, zur Freude! In den Dienst dieser Zeitung hat er die Fülle seines Geistes, den Reichtum seiner Ideen, seine ungewöhnliche journalistische Begabung gestellt und daneben noch andere Gebiete gepflegt, ebenso fruchtbar, ebenso segensreich, ebenso erfüllt von seinem eigensten Wesen. Er gehörte zu den Mitbegründern des „Vereins für jüdische Geschichte und Literatur" und war fast zwei Jahrzehnte lang sein Leiter. Es ist bereits erwähnt worden, wie seine Rede fortriß und wie sie zündete, wie er mit tiefstem und gründlichstem Wissen den Reiz der Form, oen Reiz des Witzes zu verbinden verstand, nie ermüdend, stets belebend. Aber nicht allein für Berlin war er tätig, an zweihundert Orten hat er ähnliche Vereine begründet. Und das war nicht ein Zufall, das war nicht nur das Gewicht seiner Rede, es war das propagandistische Wirken seiner hinreißenden und liebenswürdigen Persönlichkeit. Man hat mit Recht gesagt: „In jeder jüdischen Gemeinde Deutschlands gibt es eine Gemeinde Karpeles". Wie hat er es verstanden, alle an sich zu fesseln, die das Glück hatten, ihm näherzutreten! So war niemand mehr als er befähigt, werbend, propagandistisch, organisatorisch zu arbeiten, aus seinem eigensten, innersten Wesen heraus, aus dieser unverwüstlichen Jugendfrische, Heiterkeit und Festigkeit zugleich. Alles dieses zusammen machten sein Auftreten unwiderstehlich. Gekrönt wurde seine Arbeit durch die Begründung der „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums". Das war immer sein Ideal gewesen, dieser uralten Gemeinschaft neben der Religion auch die Fackel des Geistes wieder zu entzünden, sie mit dem leuchtenden und wärmenden Scheine der Wissenschaft zu durchdringen. Den Juden ihre ruhmvolle Vergangenheit, ihr großartiges Schrifttum näherzubringen, war sein Streben allezeit. Wenn die „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" einen so glänzenden Aufschwung genommen hat, so kann man wohl sagen, daß der größte Teil ihrer schöpferischen Gedanken und ihrer originellen Wirksamkeit auf die Anregungen von Gustav Karpeles zurückgeht. Sein scharfer Blick, sein eigenartiges Denken, sein klares Urteil haben sich da in glänzender Weise gezeigt. Er hat sich hier ein unvergängliches Denkmal gesetzt wie in allem, was er je unternommen hat. Und. in all dieses frische, jugendliche, freudige Leben hat erbarmungslos die kalte Hand des Todes eingegriffen. Aber sie vermag ihn nicht aus der Welt zu löschen. Die Gedanken, die er angeregt, die Empfindungen, die er geweckt, sie leben weiter, nicht nur in seinen Freunden, nicht nur in seinen Angehörigen, nein, sie leben weiter in dem Judentum und in der Welt! Da prallt die Macht des Todes ab, da ist er ohnmächtig. In unserer Erinnerung lebt Gustav Karpeles fort, ebenso kräftig, ebenso bewundert, ebenso geliebt wie während seines körperlichen Daseins. Nicht Lebewohl möchte ich ihm sagen, nicht Abschied möchte ich von ihm nehmen, sondern ich möchte ihm zurufey: „Auch weiter lebst du fort in den Deinigen. in uns allen, in der Gesamtheit!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.