Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-07-30 · Heft 31 (30.7.1909) · p. Seite 362

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 31 (30.7.1909)
Date
1909-07-30
Page
Seite 362 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228852-3228884--65733-3277875
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

gs-/ l * 'H 362 Gläübenssgend^lr) die Förderung der Wissenschaft des Judender Israelitische Frauenverein, die Gesellschaft zur Förderung der Wissentums nicht von dem religiösen Standpunkt der Parteien abhängig zu machen, die erhoffte Wirkung nicht verfehlt hat. ': Die pedeutsastre Ausdehnung, 'welche die Vereine kfür jüdische Heschichte und'LitercchurM den letzten siebzehn Jahren daK^.gtzsamle.'Deütschlarch. genommen Haben sowie die im Jahre 1693 in^ Hannover erfolgte Gründung "des Verbandes dieser Vereine, war in erster Reihe das hohe Werk des Verblichenen, der nicht nur in Work und Schrift als Vortragender und Berater sich diesen seinen' Schöpfungen - mit freudiger Bereitwilligkeit zur Verfügung stellte, sondern auch bei jeder l^eLegenheitusür deren materielle j und geistige Förderung zu s^Mn und'M'streben^bemüht war. ' Auch als eifriges -und wirksames Mitglied der L'neLritb-Logen, wie als Gönnerund Föröerer'"äller anderen edlen Bestrebungen innerhalb des Judentums - hat der Verewigte große und bleibende Verdienste sich erworben. Gustav Karpeles' war' aber auch ein Mann von echter Humanität und aufopfernder, nie' versagender Herzensgute. Ich betrachte es als ein - hohes Glück, daß ich gerade in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens, wo^ .er so Großes und. Segensreiches, ins Leben gerufen, ihm nÄDstÄM dutste? 'Uni'ein richtiges Bild des teuren''Verklärten^ zu entwerfen, fehlt mir die Muße und seelische Ruhe. M"dürfte -daher genügen, wenn ich sage: Er war nur scheinbar ejüe Einfache Mtur, denn in Wirklichkeit war er der kompliziMeste Ehatakter, den man sich denken mag. Freidenker, Philosoph uNd. frommer Jude zugleich; von einer rührenden Bescheidenheit Und doch auch von einem sicheren Selbstbewußtsein; heute ein arger Zweifler und Morgen ein freudiger Optimist. Wie einer der alten Propheten Jsraels, so sprach er in begeisterter Rede, in Groll und Liebe, mit Kraft und mit Mut erhabene Mahnungen, höchsinnige Tröstungen, Worte der Wahrheit und des Friedens zrk'seinem arg'verfolgten Israel. Rein und unbefleckt von Haß ' ist er durch dieses Leben gegangen, wie einer jener alten Patriarchen, von deren Leben ' und Wirken uns die heilige Geschichte kündet. Nur gegen den Abfall,, gegen die Treulosigkeit fand er Worte des heiligen Zornes und der tiefsten Entrüstung; sonst aber hatte er den Bund des Friedens mit dem Leben, mit der Menschheit in der vollsten Klarheit des Denkens längst geschlossen. ' Mit . diesen Worten, die der Verewigte dem unvergeßlichen Professor Dr. Steinthal gewidmet, hat er unbewußt sein eigenes Bild gezeichnet, das als Muster eines gebildeten Mensch eü und' aufgeklärten Juden in unserem wie im Herzen aller seiner Freunde und Verehrer in ungetrübter Reinheit fortleben wirb.- Berlin, 25. Juli 1909. , Albert Katz. * q- :‘v- Die Beerdigung des leider so früh Dahingerafften fand Sonntag'mittag. 12 Uhr auf dem Friedhofe in Weißensee statt. Die schwärz 'ausgeschlage'ne Beth alle erwies sich als viel zu klein, um Üie -nach'Himderten zählende Schar der Trauernden' zu fassen, die zunt Teil -aus ' weiter Ferne herbeigeeilt waren, um dem allgemein verehrten Manne das letzte Geleit geben zu können. Die hier weilenden Gemeindevertreter waren wohl vollzählig zur Stelle. Wir sahen vM Gemeindevorstand die Herren Kommerzienrat Eisner, Netter uMAustizrat Timendorfer; die.Repräsentanten-Versammlung war vertreten durch die Herren Lo uis Sach s, Professor Kalischer, Benas ^ev'y^-Dmil ^Cohn, Emil Pincus,' Willibald Loewenthal, Gehermrcst Geiger, Direktor Dr. Minden. Unter der.Schär' der LeidtLügtznd'eli befänden sich u.a. noch die HerrenRu dolfMosse, Geheimrüt Isidor L'vew'e, Rabbiner Dr. Warschauer, Dozent Dr. Elbogen, DrM a ne t h, Dr. M^Hildes heim e r, die Redakteure T h ö o d o r W o l f f, Fritz.Engel, Dr. Kaftan.. Viele Körperschaften, denen der Verewigte nahe^gtzstanden, hatten Deputationen.entsandt, so dieDeutsche Reichsloge. schüft des'Jüd^ntums, der Akademische Verein für jüdische Geschichte und Literatur; ferner erschienen der Gesamtvorstand des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur, Oscar Berlin als Vertreter des Verbandvs der Literatürvereine und noch zahlreiche wissenschaftliche und humanitäre Bereimgungem Die Bethalle war in einen Blumenhain verwandelt, und 'groß war die Anzahl dxr herrlichen Kränze, Palmenzweige und ganzer Blumenarrangements, die zu Füßen des Sarges niedergelegt wurden. Unter Borantritt der drei Chargierten des Akademischen Vereins für jüdische Geschichte und Literatur war die Bahre in die Halle getragen worden,'und unabsehbar war die Schar derer, die dem Zuge folgten. Vom Chor der Synagoge Rykestraße wurde Unter der bewährten Leitung des Kapellmeisters Weinbaum die wehmütige Feier mit dem Gesänge: „Pilger auf Erden" von Cornelius eingeleitet. Dann nahm Prediger Dr. Levin, ein inniger Freund des Verblichenen, das Wort zu einer ergreifenden Gedenkrede. Mit tränenerstickter Stimme beklagte er das herbe Geschick, daß die Freunde, anstatt ihm einen Willkommengruß nach beendeter Reise bieten zu können, nun schmerzerfüllt vor der Bahre des so pötzlich abgerufenen Mitbruders stehen müssen. Wie jenen: Weisen, der als letzten Wunsch geäußert hatte: „Haltet mir einen warmen Nachruf", das Herz ausschlaggebend war für den Wert des Menschen, so war es auch, führte der Redner aus, bei dem Verklärten das gutmütige Herz, aus dem ihm die Impulse kamen für jede LebensäußerUng. - Durch die Güte fand er auch seine Stärke in allen Wechselfällen. So. trug er das erfahrene Leid in weiser Schweigsamkeit, wie er allem kommenden ohne Bangnis entgegensah. Bei all seiner Innerlichkeit blieb er doch nicht verschlossen. Zwar sprach er nie von seinen persönlichen Angelegenheiten. Was ihm das Heiligste war, das wahrte er keusch in seinem Herzen. Aber in der Art und Weise, wie er sich den Interessen der anderen widmete, verriet er seine Innenwelt, da leuchtete vor allem sein Wohlwollen hervor. Nur vermied cr, es offen an den Tag zu.legen, und verbarg sich lieber hinter einem künstlichen Sarkasmus, um nur nicht das Wohlwollenzur Schau zu tragen. Treuer Begleiter war ihm der Humor, jener siegreiche Humor, der nicht nur über die Schwächen der Alltäglichkeit erhebt. Er suchte als guter Mensch durch eine unbefangene Freudigkeit der Stunde eine belebende Förderung zu entlocken. Mußte ihm da nicht alles Aeußerliche und Konventionelle widerstreben? Nicht Ehrungen lenkten ihn, er blickte nur auf die Ehre, die jeder in .sich trägt. Das erkannte er rückhaltslos an: nicht was einer ist, sondern wie er es ist, das war für ihn entscheidend. Die Arbeit empfand er als eine Wohltäterin, die über das Dasein jene selige Anmut breitet, die wir eine tägliche Schönheit nennen können. Mit Besorgnis blickten wir oft auf ihn, der so unablässig in der Arbeit aufging, auf ihn, dessen Gesundheit nicht gefestigt war. Er wußte unsere Besorgnis lächelnd zu zerstreuen, und so verblieb es bei der vielseitigen Betätigung, und dabei hatte er noch für jeden Zeit und für jeden ein offenes, aufmerksames Ohr. Es ist charakteristisch, daß in seiner schriftstellerischen Berufstätigkeit nicht die Polemik, sondern die Orientierung seine Stärke war, und es ist nicht minder bezeichnend, daß er sich dem bestgehaßten Dichter zuwandte und ihm ein Stück seiner Lebensarbeit widmete, um eine Klärung und eine Verständigung herbeizuführen. Aber am nächsten stand er uns durch seine Wirksamkeit, die er innerhalb unserer Religionsgemeinschaft geübt hat. Welches Bild bot er uns dar als Redakteur der „Allgemeinen Zeitung des Judentums"! Wir wissen es alle, daß der Begründer dieses führenden Organs des liberalen Judentums keinen würdigeren Nachfolger finden konnte als unseren Gustav Karpeles. Kein anderer wie der Sohn dieses Begründers, der heute unter den Trauernden steht, wird das am dankbarsten anzuerkennen wissen, daß kein Geeigneterer gefunden werden konnte als Gustav Karpeles. Er stand stets zwischen den Parteien, ja noch mehr, sein Gemeingefühl erhob ihn über die Parteien. Wie er die Vorrede zu seinem großen jüdischen Geschichtswerk mit den Worten begann: „Niemandem zu Liebe, niemandem zu Leide," so hat er auch in den Kreisen verschiedener Richtung immer das Trennende ausges.chaltet und das alle Verbindende zur Geltung gebracht. In unvergänglichen Zügen wird sein Name glänzen in den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.