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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-07-23 · Heft 30 (23.7.1909) · page 15

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 30 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
– (sequence 15)
Language
German
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73. Jahrgang Nr. 30. Berlin, 23. Juli 1909. Vellage zur „Allgemeinen Leitung deS Judentums. LorrelponLkn?rn und Kschrichten. Deutschland. s. Berlin, 20. Juli. Der „Hilfsverein für die jüdischen Taubstummen in Deutschland* kann . in seinem sechsten Jahresbericht seinen zahlreichen Gönnern und Freunden wiederum von der ständigen Ausdehnung und dem intensiven Wachstum, die den besten Beweis für die Notwendigkeit seiner Existenz und seiner segensreichen Wirksamkeit liefern, Kenntnis geben. Während der Verein in seinem Gründungsjahr nur 757 ordentliche und 40 Immerwährende Mitglieder zählte, belief sich deren Zahl im Berichtsjahr (1908) auf 2998 ordentliche und 112 immerwährende Mitglieder. Gegen das Vorjahr ist die Zahl der immerwährenden Mitglieder um 12, die der ordentlichen um 371 gewachsen. Das Vereinsvermögen hat gegen das Vorjahr um 19 600 Mark zugenorumen, trotzdem die Kasse des Vereins durch größere unvorhergesehene Ausgaben und Erhöhung der Zahl der Insassen des Altersheims besonders stark in Anspruch genommen worden ist.. Das Altersheim in Pankow, über dessen feierliche Einweihung am 30. August d. I. wir ja ausführlich berichtet haben, zählt jetzt bereits 12 Insassen, von denen mehrere völlig erblindet, einige diesem traurigen Schicksal nahe sind. Teilweise sind die Insassen aus den elendesten Verhältnissen, aus nichtjüdischen Armenhäusern und Klöstern herausgenommen, um ihnen wenigstens für ihren Lebensabend ein freundliches Dasein zu bereiten. Am 1. April 1909 wurde bereits eine Vermehrung der verfügbaren Räume erforderlich, sechs Räume sind hinzugenommen und somit eine weitere Unterbringung der unglücklichen Schützlinge ermöglicht worden. Das Damenkomitee sorgt in gewissenhaftester Weise für die ordnungsmäßige Führung des Haushalts, aber auch sonst nehmen die Damen gern jede Gelegenheit wahr, den Insassen Freude zu bereiten. Wie alljährlich wurde auch im letzten Jahre an den hohen Feiertagen ein besonderer Gottesdienst für die Taubstummen Berlins vom Verein veranstaltet, der von diesen und ihren Angehörigen stark besucht war. Noch ist der Verein weit von seinem Ziel entfernt, möglichst allen jüdischen Taubstummen in Deutschland die drückendsten Sorgen abnehmen zu können. Hierzu bedarf es noch vieler Arbeit, vor allem aber sehr bedeutender Geldmittel. In warmherzigen Worten appelliert deshalb der Bericht an alle Freunde und Gönner, dem Verein auch in Zukunft ihre kräftige Unterstützung zuteil werden zu lassen. 22 Berlin, 19. Juli. Seit einiger Zeit erweckt das immer größere Dimensionen annehmende Treiben der Missionare hier berechtigten Unwillen. Insbesondere tut sich dabei Herr Prediger Naphtali Rudnitzky in Steglitz hervor, der neuerdings - wieder an jüdische Damen Einladungen zu einem an jedem Mittwoch im Monat im Missions-Vereinssaal stattfindenden biblischen Vortrage für Damen versandt hat. Die Ueberschrift lautet „Judenchristliche Zeugnisse an Israel"; am untersten Rande befindet sich in hebräischer Sprache der Satz aus Jesaias 45, 25 und ein ins Hebräische übertragener Satz aus Römer 3, 24.. Wir hoffen, daß alle jüdischen Damen sich dieser „Seelenfängerei" gegenüber würdig verhalten und die ihnen zugehenden Einladungskarten in den Papierkorb wandern -lassen. — Auch der Verein für Berliner Stadtmission verwendet seine dringende Bitte um Beiträge gelegentlich an Juden oder nur an solche, die keine alttestamentlichen Namen führen. Wir zweifeln aber daran, daß dabei Bekehrungszwecke verfolgt werden;, denn der Jammer über „die Zerrüttung der Ehen", die Verwüstungen des Trunkes usw. wird kaum einen Juden zum Uebertritt anreizen, selbst Christen vielleicht zweifelhaft machen, ob die geschilderten beklagenswerten Zustände'auf dem von der Stadtmission eingeschlagenen Wege zu bessern sind. In dem Zirkular heißt es.; „Die Zerrüttung der Ehen nimmt zu. Die Zahl der Ehescheidungen steigt. Die eheverlassenen Frauen zählen nach Tausenden. Wo soll . Hann die rechte Erziehung Herkommen? Ein Witwer mit erwachsenen ' -Kindern heiratete in zweiter Ehe eine Jüdin. Er hat eingewilligt, daß ein Sohn dieser Ehe „jüdisch getauft" werde. Jetzt liegt er mit seiner Frau in Sch.u'dung. Aber der Vorhalt des Stadtmissionars läßt ihn kalt." — Uns auch! §. Berlin, 18. Juli. Im Juniheft der „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden" bespricht Rechtsanwalt Dr. Bruno Blau in eingehender Weise die Austritte aus dem Judentum in Berlin während der Jahre 1907 und 1908 auf Grund von Feststellungen aus den Akten des Vorstandes der jüdischen Gemeinde. Danach sind in Berlin, Charlottenburg. Schöneberg, Wilmersdorf und Rixdorf insgesamt 1907 149 Personen (106 Männer und 43 Frauen). 1908 aber 186 Personen (118 Männer und 68 Frauen) aus dem Judentum ausgetreten. Während das Jahr 1907 mit den Jahren 1905 und 1906 dabei gleichen Schritt hielt, zeigt das Jahr 1908 eine sehr bedauerliche außerordentliche Steigerung auf. Besonders bemerkenswert ist die erhebliche Vermehrung der Austritte weiblicher Personen. Dr. Blau stellt ferner fest, daß die meisten Austritte sowohl bei den männlichen wie bei den weiblichen Personen in einem Lebensalter von 20 bis 40 Jahren stattgefunden haben, daß von den 1907 ausgetretenen Frauen 12 ledig, 31 verheiratet» von den 1908 ausgetretenen 19 ledig und 49 verheiratet gewesen sind. Von den in beiden Jahren aus dem Judentum Ausgetretenen stammten 81 aus Berlin, 41 aus Schlesien, 35 aus Oesterreich-Ungarn, 26 aus Posen, 17 aus Westpreußen, 14 aus der Provinz Brandenburg (ohne Berlin), 11 aus der Rheinprovinz, aus anderen Landesteilen nur vereinzelte Personen. Von den in beiden Jahren ausgetretenen Männern waren 65 Kanfleute, 17 Aerzte (darunter ein Privatdozent), 13 Ingenieure, 11 Rechtsanwälte (darunter ein ehemaliger), 7 Bankbeamte, 6 Rentiers, 5 Fabrikbesitzer (darunter ein Handelsrichter), 5 Handlungsgehilfen, 5 Schriftsteller, 3 Bankiers, 3 Referendare, 3 Assessoren (darunter 2 a. D.), 3 Studenten der Rechte, 3 Apotheker, 3 Architekten, 3 Buchhalter, 3 Schneider, 3 Arbeiter, 2 Amtsgerichtsräte (darunter 1 a. D.), 2 Dr. jür., 2 Regierungsbaumeister a. D., 2 Zahnärzte, 2 Dr. phil., 2 Opernsänger, 2 Photographen, 2 Buchhändler, 2 Studenten der Medizin, 2 Studenten der Philosophie, 2 Studenten des Baufachs, 2 Schriftsetzer, 2 Buchbinder, 2 Tapezierer, je 1 Baurat, Privatdozent, Student, Fabrikdirektor, Direktor, Privatier, Privatbeamter, Dolmetscher, Buchdruckereibesitzer, Theaterdirektor. Kapellmeister, Kammermusiker. Violinvirtuos, Artist, Chemiker, Bautechniker, Techniker, Monteur, Juwelier, Landwirt, Bureaugehilse, Gastwirt, Kellner, Dreher. Stuckateur, Schuhmacher, Maschinenschlosser, Maschinenarbeiter, Maschinist. Malermeister, Zigarrenmacher. Steinholzleger, Friseur, Hausdiener, Diener. — Von den Frauen haben nur wenige ihren Beruf angegeben. Die spätere Religion der Austretenden ist in beiden Jahren nur pon 102 Personen ermittelt worden; davon traten 92 (52 Männer und 40 Frauen) zur evangelischen Religion über, 2 Frauen wurden katholisch, 6 Männer wollten konfessionslos bleiben, ein Mann schloß sich der freireligiösen Gemeinde an und ein anderer sogar der Heilsarmee. 8. Berlin, 17. Juli. Am 13. d. M. verschied im Alter von 68 Jahren nach langem, schmerzlichem Siechtum der bekannte Uebersetzer, Bühnenschriststeller und Dramaturg Jakob Bettel heim, der namentlich durch seine langjährige Tätigkeit im Residenztheater unter den Direktoren Claar, Lautenburg und Alexander in den weitesten Kreisen bekannt und geschätzt war. Geborener Wiener und Bruder der ehemaligen, vielgefeierten k. k. Hofopernsängerin Caroline Bettelheim-Gomparz gehörte auch er eine kurze Zeit der Bühne als Schauspieler an, widmete sich aber nach einem längeren Aufenthalt in Paris und Bukarest ganz seiner dramaturgischen Tätigkeit, in der er ganz besonders durch seine eminenten Kenntnisse der französischen Theaterliteratur Bedeutendes leistete. Das Hinscheiden des bescheidenen, allgemein beliebten Mannes, der vielen ein treuer Ratgeber auf dem schwierigen dramatischen Pfad war, dürfte in allen literarischen und Bühnenkreisen lebhafte Teilnahme erregen. Unter

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