Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1909)
- Date
- 1909-07-23
- Page
- Seite 359 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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„Ich weiß nicht" ,.. „Du hast Recht, es ist besser, junge Mädchen lesen keine Eheepisteln. Das zerstört jede Illusion, und das fehlte meinem ehescheuen Schwesterchen noch. Ich will Dir nur vorlesen, was er über eine gewisse junge Dame schreibt: „Grüße sie recht herzlich von mir und sage ihr,, daß die Polinnen nicht so hübsch sind als ihr Nus es besagt und wenigstens die hiesigen keinen Vergleich mit meiner kleinen Schwägerin aushalten! Da haben wir^s!" Mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Freude und Wehmut hätte Else, diesen Worten gelauscht. „Jetzt wird das Mädel gar rot, weil der Schwager sie bewundert!" „Und schreibt Alfred nicht, wie es ihm geht?" „O, doch! Das heißt, er berichtet von seiner Vereinsamung, um mich hmzulocken, sonst klagt er nie" ... „So gehe doch!" . „Also Du meinst auch?" „Natürlich! Bald! Um uns kannst Du ganz unbesorgt sein. — Ich werde von Dir doch etwas gelernt haben in all den Jahren. — Und dann, was ich an praktischem Verstände weniger besitze, werde ich durch ängstliche Gewissenhaftigkeit zu ersetzen suchen. Ich werde Lucie und Erich wie meinen Augapfel hüten. Nicht eine Minute werde ich sie verlassen, sie sollen auch ganz pünktlich und genau so gepflegt werden, wie wenn Du da bist. Baden 20°, früh abgekochte, laue Milch, um 11 Uhr Eier —--ganz frische.. .. O, es wird schon gehen, ich werde mir alles aufschreiben." „Gute Else!" „Bitte sprich nicht so! Glaubst Dü, ich wüßte jetzt auch noch nicht, was wir Dir alles danken? Und dann — Dein Mann verdient die Freude, Dich bei sich zu haben — wie gut und edel, wie freundlich und nachsichtsvoll ist er mit mir, die er doch nur mitgeheiratet hat."... - „Kind, was füllt Dir ein!" Agathe umarmte die Schwester und küßte sie auf die in Tränen schimmernden Augen. „Nicht immer alles so schwer und pathetisch nehmen! Das war alles selbstverständlich! Ein Mann, der seine Frau liebt, achtet und ehrt ihre Familie!" . Else hatte ihr stillschweigend zugehört. „Und wann willst Du reisen?" - „Das werden mir noch besprechen. Ich muß auch mit Herrn Groster darüber sprechen. Und die Kinder bewacht Fräulein Elfe Friedsohn, und in dieser neuen Hausmüttercheneigenschaft sorgt diese junge Dame auch für sich selbst." Else nickte zustimmend mit dem Kopse. „Und so hat der hohe Familienrat hiermit beschlossen: Frau Agathe Steinfels iwe Friedsohn geht in geheimer Mission nach Rußland! — — —" Sie reichte der Schwester die Hand. „Topp!" Else schlug scherzhaft ein, dann aber warf sie sich plötzlich der Schwester um den Hals und umklammerte sie mit den Armen. „Agathe!" . „Else!" „Aber nun vernünftig sein! Bitte siel/ nach, ob Lina den Tisch gedeckt hat, es ist nahe an zwei Uhr, und nach drei will Grosser hier sein!". Ein letzter unruhig aufflackernder Blick zur Schwester hinüber und Else hatte das Zimmer verlassen. — In einem braunen Sammetrock mit blauseidenem Halstuch, das lose geschlungen, auf das buntgestreifte Morgenhemd fiel, dessen weit zurückgeschlagener, weicher Kragen den Hals freiließ, die Füße in eleganten "Morgenschuhen aus Krokodilshaut, so verließ Josef Saulmann sein Schlafgemach, um in dem nebenan gelegenen Studierzimmer seinen Frühstückskaffee .einzunehmen. Das Meublement der Wohnung war von gutem, wenn vielleicht auch ein wenig bürgerlichem Geschmack, wie man es in Wohnungen findet, die ursprünglich zu anderen Zwecken bestimmt waren als zum Vermieten. Dieser ursprünglichen Einrichtung hatte Sautmann allerdings durch die ihm gehörigen Dinge eine ganz andere Physiognomie aufgedrückt. Da waren lauter Gegenstände, die die phantastische Laune, der verwöhnte raffinierte Geschmack eines Lebemannes zusammenträgt. Die Wohnung bestand außer dem Zimmer, in dem Saulmann seinen Morgenkaffee trank, aus einem sehr geräumigen Schlafzimmer, das sehr hübsch nnd freundlich mit tiefrosa Cretonne dekoriert war. Neben dem zum Wohn- und Arbeitszimmer bestimmten Salon lag ein Speisezimmer. Nach beendigtem Frühstück trat Saulmann an seinen Schreibtisch, als draußen die Glocke gezogen wurde. Er lauschte hinaus, dieser Morgenbesuch konnte nur ihm gelten. „So früh am Tage?" murmelte er vor sich hin, ergriff einen kleinen Handspiegel, der auf dem Schreibtisch lag und sah hinein. — Wer mag das sein? „Herein!" rief er dann auf ein bescheidenes Klopsen. Die Tür öffnete sich hieraus behutsam und ein Mann trat ein. „Guten Morgen, Herr Doktor, entschuldigen Sie, daß ich störe, aber das Mädchen oder die Frau draußen sagte mir, daß Sie bereits aus seien. . . ." Saulmann war näher getreten. Sehr angenehm und vertrauenerweckend sah der Eingetretene gerade nicht aus, aber auch nicht wie jemand, den man kurzer Hand abweisen konnte, er sagte daher: „Was führt Sie her und mit wem habe ich ... .?" „Mein Name ist Müller, ich bin Buchhalter bei Herrn Grosser und komme in seinem Aufträge . . ." „Aber mein Herr, warum haben Sie das nicht gleich gesagt, — ich bitte kommen Sie näher;" er machte eine einladende Handbewegung und wies auf einen Fauteuil, der in der Nähe des Schreibtisches stand, an dem er selbst sich jetzt niederließ... „Was verschafft mir das Vergnügen?" „Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite," antwortete der Buchhalter, der sich durch die Zuvorkommenheit Sandmanns sehr geschmeichelt fühlte. „Hatte schon immer einmal gewünscht, einen so einflußreichen Mann, wie Sie sind, kennen zu lernen. Sind ja allmächtig, wie Herr Großer meint. . . ja die Presse, die Presse ... das kennt man, wenn man auch Jahr und Tag nur auf seinem Schreibbock hockt . . . Siebente Großmacht ... vermag alles: auszurichten und zu stürzen, berühmt zu machen und todtzuschweigen . ... wohnte mal bei mir als Chambregarniste, so ein junger Dichter, der fluchte' und schimpfte immerfort, daß er todtgeschwiegen und seine unsterblichen Meisterwerke dem Publikum verheimlicht würden . . . hat sich was, Hof drei Treppen . . ." „Zigarre gefällig?" offerierte Saulmann, durch die Art und Weise seines Besuches belustigt. „Man überschätzt unsere Macht, mein Herr!" „O gewiß nicht!" sprach Müller mit Protektormiene, indem er etwas ungeschickt die Zigarre in Brand steckte . . . „Wohnen hier reizend, Herr Doktor . . . Ohne Oeffentlichkeit gibt's heutzutage nichts. Und das ist ein wahres Glück, sonst