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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-07-23 · Heft 30 (23.7.1909) · p. Seite 358

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 30 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
Seite 358 (sequence 12)
Language
German
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Dir Kompagnons. Roman von Ernst Heil mann. ESSH IV. gathe hatte den Brief zu Ende gelesen und blickte dann Hnochinals hinein, mit nachdenklichen Augen, als wollte sie den Inhalt einzelner Stellen sich besser einprägen. Ein Lächeln zog über ihr schönes Gesicht, und sie murmelte vor sich hin: „In der Tat, das wäre so übel nicht. Ich könnte wirklich einmal etwas Neues sehen, und Alfred verdient eine Belohnung für das Opfer, das er mit seiner Trennung uns bringt. Es könnte sich machen lassen. Uns-re Verhältnisse erlauben uns. das jetzt." Mit zufriedener Miene schaute sie um sich: „Es hat sich ja so mancherlei geändert in unserem Leben" ..in diesem Moment fiel ihr Auge aus den zweiten noch nicht geöffneten Brief, der aus dem Tischchen lag, hastig nahm sie. ihn .empor: „Ach, das hatte ich beinahe vergessen." Der Empfang solcher Briefchen war ihr nichts Neues in den beiden letzten Jahren und besonders in der Zeit, seit ihr Gatte verreist war. Sie öffnete es ohne besondere Erwartung. „Meine verehrte gnädige Frau!" begann dasselbe. „Mit Ihrer gütigen Erlaubnis werde ich mir heute um 3 Uhr die Ehre geben'. Ihnen die neuen Tänze von Dvorak zu bringen. Wenn das Glück mir hold ist und ihre Laune gnadenspendend, dann darf ich die. reizenden Walzer von Ihnen vortragen hören — nicht wahr? Außerdem aber möchte ich eine Einladung meiner Frau an Sie und Fräulein Else, übermorgen im kleinen Freundeskreise mit uns zu soupieren, durch meine mündlich vorgetragene Bitte unterstützen. Ich werde also die Ehre haben. Sie in den nächsten Stunden zu sehen und die Freude, Ihre Hand küssen zu dürfen. — Mit hochachtuugsvollem Gruße ergebenst der Ihrige Edmund Grosser." Sie sann, als sie die Lektüre beendet hatte, vor sich hin. — „Immer galant und von tadellosen Formen, und doch, diese Freundschaft, diese fortgesetzte, sich immer häufiger wiederholende Annäherung ... Vorgestern waren wir erst bei ihnen, heut kommt er her, übermorgen sollen wir dort sein-—- und die gnädige Frau ist immer gleichmäßig höflich und — kühl, was ich von ihrem Gemahl nicht behaupten kann". In diesem Augenblicke steckte Else den Kopf durch die Tür und blieb dann im Rahmen derselben stehen. Die Portiere umwogte ihre schlanke, anmutige Gestalt von allen Seiten. „Agathe!" . „Else! Wie Du mich erschreckt hast," sagte diese aus ihren Gedanken emporfahrend.- „O, Agathe! itf) dachte nur" ... stammelte das junge Mädchen verwirrt, „ich glaubte —-hast Du nicht einen Brief von Alfred, von Deinem Manne?" verbesserte sie sich. — „Ich war beunruhigt, daß Du solange allein warst" ... sie saßte sich allmählich, „ich glaubte. Du hättest vielleicht unangenehme Mitteilungen empfangen und wollte nur. sehen, was Du machst und ob ich Dir nützen kann." „Was bist Du wieder erregt und nervös Else? Wenn ich mich aus ein Stündchen zurückziehe, ahnst Du bald die schlimmsten Dinge. — Denke nur, wieviel Du früher allein warst und geträumt hast, und wenn ich es jetzt einmal ebenso mache" . - Else hob den Kopf jäh empor und sah Agatbe mit großen, verwunderten Augen an — — „Aber Du Agathe, Du hast es ja auch nicht nötig. Du hast doch einen Mann . . ." Die schöne Frau brach in lautes Lachen ans — — „Ach so, also so ist es! Wer einen Mann hat, braucht nicht mehr zu träumen und sich der Sehnsucht hinzugeben — — —! O, Else, Kind, Liebling, kleine Törin, Du weißt doch, daß ich mich nie einsamen Träumereien, hingegeben, und ich habe doch einen Mann bekommen ..." Hilflos starrte das junge Mädchen auf sie. „Du meinst . . . o, das ist wahr, Du hast niemals geträumt, Du hattest ja niemals Zeit . . ." „Nun siehst Du! Und er ist doch gekommen! Er ist gekommen durch Sturm und Regen" ... trällerte sie, „und er wird auch zu Dir kommen." — Else war aufgesprungen. „Niemals!" rief sie säst ängstlich, bis in die Lippen erbleichend. „Niemals!" „Ach, Else, was sind das wieder für Launen, Stimmungen und ganz unnütze Erregungen? Er wird schon kommen! Man ist nicht ein so schönes apart aussehendes Mädchen, als daß nicht ein Bewußter, derjenige, welcher ..." Mit angstvoll, weitgeöffneten Blicken hing sie an der Schwester Munde. „Agathe!" „Närrchen! Das sind. Wohl die Resultate Deiner letzten Lektüre? Wie heißt der Roman? Oder gar der Nomanheld, der so unerreichbar ist? . . . Sei vernünftig. Else, laß die romantischen Phantasiegebilde, die törichten Hirngespinste." „Ich möchte--nicht heiraten, Agathe!" „Nun, vorläufig ist ja noch niemand da, der Dich diesem Nonnengelöbnis untreu machen will, und wir streiten um des Kaisers Bart, statt um den blonden oder schwarzen irgendeines Ritters. — — —" „Uebrigens sag^ einmal, Else," fügte sie hinzu, um dem Gespräch eine ruhigere Wendung zu geben, „was gefällt Dir denn-besser, ein blonder oder ein schwarzer? „Ein . . . ein schwarzer," antwortete die Gefragte hastig. „Also, darüber bist Du Dir wenigstens klar, na, gottlob! Uebrigens wollen wir es niemand verraten, denn sonst würde Herr Edmund Grosser mit seinem schwarzen Musterbart eitler werden, als er es schon ist." Else lachte. Die Erregung von vorhin schien verflogen. „Denn glaube mir, die Männer sind viel eitler als .die Frauen, sie sind gefallsüchtiger als diese und halten sich für unwiderstehlich. —" „Denkst Du an Grosser?" kam es mühselig, .mechanisch über ihre Lippen — — — - „Einer für alle!" gab sie lachend zurück. „Uebrigens Schwesterleiu, ich habe Dir wichtige Dinge zu sagen und war gerade im Begriff- Dich zu rufen, als Du kamst. Alfred wünscht, daß ich ihn besuche. Er glaubt, der kleinen, lieben Schwägerin die Fürsorge füu das Haus ohne weiteres anvertrauen zu können und bittet, daß ich auf ein paar Wochen seine Verbannung teile. Was sagst Du dazu?" »Ich? Ich finde, daß es nur recht und billig ist." „Na billig wird^s wohl kaum sein. Kleine, aber recht ist's," gab Agathe in munterer Laune zur Antwort. „Uebrigens, qa ne fait rien, wir habend dazu!" Sie nahm den Brief auf und fügte hinzu: „Willst Du den Brief von Alfred lesen?" Else streckte, von einem heftigen Impulse bewegt, die Hand danach aus, ließ sie aber bald'wieder sinken.

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