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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-07-23 · Heft 30 (23.7.1909) · p. Seite 356

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 30 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
Seite 356 (sequence 10)
Language
German
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sind eitel und strebsam, und auch ich fühlte mich hochgeehrt und bildete mir auf die Einladung sehr viel ein. Die Synagoge war überfüllt; fast alle Ausländer, viele aus dem Osten Europas, das sah man ihrer, Kleidung und Haltung an, aber auch aus gebildeten Kreisen war eine große Anzahl anwesend. Wie ich gepredigt habe, ob ich Beifall gefunden, das weiß ich selber nicht, aber es wird mir wohl ergangen sein, wie einem meiner älteren Kollegen, der eine Anstellung in einer Universitätsstadt in Ostpreußen gefunden, in der es viele Russen und Polen gab und unter diesen viele hervorragende Talmudgelehrten, neben diesen auch recht viele hochgebildete deutsche Juden. Nachdem mein Kollege etwa ein Jahr amtiert hatte und von befreundeter Seite angefragt wurde, wie er dort gefalle, ob er sich schon in die eigentümlichen Verhältnisse der Gebildeten und Mindergebildeten eingelebt hatte, antwortete er, die deutschen Juden dort hielten ihn für einen großen Talmudisten ' und die Russen und Polen für einen hervorragenden deutschen Gelehrten. Am anderen Tage ging ich mit einem Fbeunde aus Breslau, Herrn Samuel Gerstenberg, spazieren. Wer bon den älteren Kollegen diesen Namen liest und während seiner Studienzeit am Breslauer jüdisch-theologischen Seminar der Familie Gerstenberg nähergetreten war, wird sich gern des Verkehrs in dem von echt jüdischem Geiste durchwehten patriarchalischen Familienhause erinnern. An den Freitagabenden fanden wir dort unser Elternhaus wieder. Dr. Bamberger (Königsberg), Dr. Wallerstein (Danzig), Dr. Horowitz (Krefeld), Dr. Buchholz (Emden), ich und noch andere haben in diesem jüdischen Hause (Frau Gerstenberg war eine Urenkelin des ehemaligen Oberlandesrabbiners Weil in Berlin) glückliche Stunden verbracht. — Herr Gerstenberg machte mich nun auf einen Herrn, untersetzt, mit schönem Kopf und treuen Augen, aufmerksam und fragte mich, ob ich ihn kenne; er antwortete auf meine Verneinung: das ist Berthold Auerbach. Ich verabschiedete mich von meinem Freund, ging schnurstracks zu Auerbach und stellte mich ihm vor. Aber wie überrascht war ich. als er mir sagte: „Nicht wahr, Sie haben gestern hier in der Synagoge gepredigt, wenn ich es gewußt hätte, wäre ich auch gekommen." Auf meine Erwiderung, was kann der berühmte Berthold Auerbach von einem jungen Rabbiner hören und lernen, was er nicht früher gehört und besser gewußt hätte, meinte Auerbach (es waren dies seine eigenen Worte): „Sagen Sie das nicht, ich bin zwar kein zeremonieller Jude, gehe jedoch gern dann und wann in das Gotteshaus und will meine Zugehörigkeit zum Judentum öffentlich bekunden; ich gehe jedes Jahr am Versöhnungstage in die Synagoge, damit meine Glaubensgenossen sich überzeugen, daß ich mich zu ihnen zähle." Die Unterhaltung war nun eingeleitet, und ich begleitete Auerbach zum Telegraphenamt. Unterwegs sprachen wir noch über Börne nnd Heine, die auch dem jüdischen Stamme entsprossen, aber leider aus dem christlichen Friedhof, ihre letzte Ruhestätte fanden. Ich benutzte auch diese Gelegenheit, mit dem Dichter über seinen kurz vorher erschienenen Roman „Auf der Höhe", der, wenn ich nicht irre, zuerst als Feuilleton in der „Neuen Freien Presse" erschien, zu sprechen. Mir war es unklar, ob das „Tagebuch der Irma", in diesem Roman ursprünglich für die Erzählung abgefaßt war; oder ob nicht der Dichter eine Sammlung von Aphorismen, Gedanken, Sentenzen sich angelegt hatte, die er hier zum Teile unterbringen wollte. Auerbach belehrte mich und meinte: Wenn Sie den Roman richtig nach seiner neuen Tendenz erfassen, werden Sie sich überzeugen, daß das „Tagebuch her Irma" von Anfang bis Ende in die Erzählung hineingehört. Indes waren wir am Telegraphenamt angelangt und mit Auerbachs Erlaubnis wartete ich auf seine Rückkunft. Nach langem Warten kehrte er wieder und sagte mir: „Hier habe ich ein Liääuseb Hasebem (ipsissima verba) erlebt: Denken Sie sich, als ich dem Beamten das Telegramm mit meiner Unterschrift übergab, wurde er aufgeregt und blaß und fragte mich, ob ich der Berthold Auerbach wäre, von dem er soviel gehört und gelesen habe; der Beamte hielt mich länge fest, wollte mich nicht ziehen lassen und bat mich schließlich, das Telegramm abschreiben und mein Autogramm behalten zu dürfen." Ich merkte es Auerbach an, daß seine Freude über die Anerkennung mehr dem Juden als dem Schriftsteller galt. Als ich nun endlich Auerbach aufforderte, mit mir in die koschere Restauration zum Mittagessen zu gehen, damit er nicht allein in der Synagoge, sondern auch an dem Restaurationstisch seine Zugehörigkeit zum Judentum bekunde, meinte er:-. „Ich habe Ihnen bereits gesagt, ich bin kein Jude, der alle Zeremonien hält, außerdem bin ich zu der Großfürstin Helene von Rußland geladen", einer hochgebildeten edlen Dame, der Auerbach auch schon öfters aus seinen Werken vorgelesen hatte. Ich verabschiedete mich in Verehrung und Hochachtung von dem vortrefflichen, berühmten und dennoch bescheidenen Mann; es war eine schöne Stunde, wie man sie im Leben nicht oft genießt und blieb mir eine kostbare Erinnerung für mein ganzes Leben. Auerbach gehörte zu den wenigen berühmten und anerkannten Männern unseres Stammes, die von der Wiege bis zum Grabe ihrem überkommenen'Glauben treu blieben; er hat seine Angehörigkeit zum Judentum vor Königen und Fürsten nie verleugnet. Es ist bekannt, wie er sich bei der deutschen Kaiserin Augusta und der Großherzogin -Louise von Baden über den wachsenden Antisemitismus beklagte und meinte, er hätte sein ganzes Leben deutsch empfunden und der Stimme der deutschen Volksseele in ihren entlegensten Winkeln gelauscht, und am Abend seines Lebens bestreite man ihm sein angeborenes Deutschtum. Dort in dem Schwabendörfchen Nordstetten, wo er geboren und feitfe' Jugendjahre verbracht, wo er in Bibel und jüdisches Schrifttum eingesührt wurde — sollte er doch Rabbiner werden — dort ruht er auf dem jüdischen Friedhofe, umgeben von den Seinigen und Jugendgenossen; er, der an Höfen und in Palästen verkehrt hatte, wollte im Tode unter seinen Glaubensgenossen sein, denn „die sich lieb und teuer im Leben waren, sind auch im Tode nicht getrennt". Wie tief wurzelt in unserem Stamme seit Jahrtausenden die Pietät, wie besteht sie fort, die Kontinuität des inneren, eigentümlichen Seelenlebens! Wie einst der Patriarch Jacob hat auch Berthold Auerbach seinen letzten Wunsch in den Worten ausgedrückt: „weschochafü im awaussai“, „ich will bei meinen Vätern ruhen." Bit Lunlt des Lavierens. (Zu dem Buche von Hermann Struck.) Von Karl Schwarz. ie allgemein verbreitete Anschauung, daß es den Judenreligionsgesetzlich verboten sei, von allem, was „im Himmel oben und auf Erden unten" ist, eine Nachbildung zu schaffen, hat es mit sich gebracht, daß man den Juden für dib früheren Jahrhunderte jede Kunsttätigkeit absprach. Daß aber ig Wirklichkeit der künstlerischen Betätigung der Juden

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