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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-07-23 · Heft 30 (23.7.1909) · p. Seite 355

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 30 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
Seite 355 (sequence 9)
Language
German
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jähriger, oft recht mühsamer Arbeit ist das Werk von. Kantor Rosenthal und dem Schreiber dieser Zeiten -nun zu Ende geführt werden/ 1050 Steine wurden entziffert. Von den vielen intereffanten Inschriften seien hier nur zwei , erwähnt. Links vom Wege zum neueren Teile des Friedhofes erhebt sich ein großer Stein, er ist der des Rabbi Melr von Rothenburg. Melr war einer der hervorragendsten Gelehrten des XIV. Jahrhunders. Mit Frau und Kindern unternahm er eine Reise über das Meer und gelangte nach einer Stadt, die zwischen hohen Bergen, das lombardische Gebirg genannt, lag. Dort wollte er solange verweilen, bis alle Mitreisenden bei ihm sich eingefunden haben würden. Da reifte durch jene Stadt der böswillige Vogt von Basel, den ein Proselyt, namens Knippe, begleitete. Der letztere erkannte den Rabbi, teilte dies dem Vogte mit und bewirkte, daß ihn der Graf Meinhard von Görtz 1286 gefangennahm und dem Kaiser Rudolf von Habsburg auslieferte, welcher ihn in einem Turm zu Ensisheim (Elsaß) gefangen hielt. Kaiser Rudolf forderte eine große Summe als Lösegeld, welche zu entrichten auch mehrere' Gemeinden sich bereit erklärten. Es verhinderte dies jedoch der Rabbi selbst, indem er in frommer Bescheidenheit den Preis für seine Befreiung allzu hoch erachtete. Während seiner Haft würde Rabbi Melr in seinem Studium nicht gestört, er verfaßte vielmehr um diese Zeit mehrere Werke, namentlich mehrere Rabbinatsgutachten. Er starb 1293 im Gefängnis, wo seine sterblichen Ueberreste bis zum Jahre 1307 lagen. Süßkind Wimpfen aus Frankfurt a.M. löste sie mit Aufopferung vielen Geldes aus und ließ sie in Worms beerdigen. Als einzigen Lohn für diese Tat beanspruchte Wimpfen, einst an der Seite des frommen Rabbi ruhen zu dürfen. Es dauerte nicht lange, da hatte die Gemeinde Worms Gelegenheit, jene Bitte zu erfüllen. Die Inschrift auf dem Grabsteine einer Frau Jochebed aus dem Jahre 1287 ergibt, daß der Friedhof in der zweiten Hälfte des XIII. Jahrhunderts mit einer starken Umfassungsmauer versehen worden ist. Daß unter den entzifferten Inschriften sich viele befinden, die Märtyrern gewidmet sind, wird bei einer Gemeinde wie Worms, über deren Bewohner so oft unsägliches Elend hereingebrochen ist, nicht auffallen, ebenso wenig, daß sie das Andenken bedeutender Lehrer verewigen, zu deren Füßen als Schüler später hervorragende Gelehrte (z. B. Rasch i) gesessen. Welche Wissensschätze dem kundigen Geschichtsforscher diese Entzifferungen noch bieten werden, vermag man jetzt wohl kaum noch zu sagen; erfreulich ist es aber jedenfalls, daß eine Quelle historischer Forschung davor bewahrt wurde, in absehbarer Zeit der Vergessenheit anheimzufallen. Inzwischen sind die räumlichen Verhältnisse des Friedhofes so beschränkt geworden, daß der Vorstand der jüdischen Gemeinde die Anlage eines neuen Friedhofes ins Auge fassen mußte. Nach langen Verhandlungen mit der Stadtverwaltung wird der neue Friedhof bald in Angriff genommen und nach dessen Fertigstellung der alte Friedhof offiziell geschlossen werden. Beerdigungen von solchen Personen, deren Grabräume reserviert sind, werden noch auf dem alten Friedhofe stattfinden. Der Vorstand hält den Schluß desselben für einen so wichtigernsten Moment, daß er die Herausgabe ' der Grabsteininschriften für diesen Zeitpunkt als wünschenswert betrachtete. Zn diesem Zwecke wurde eine Kommission gewählt, bestehend aus Herrn Rabbiner Dr. Stein als Vorsitzenden, den Vorstehern Rechtsanwalt Barüch, Levy, Sinsheimer und dem Schreiber dieser Zeilen. Nach langen Beratungen ließ man den ursprünglichen Plan fallen, nur der Wiffenschaft dienen zu wollen und den hebräischen Text ohne Übersetzung ähnlich den Frankfurter Inschriften, zu veröffentlichen. Man beschloß vielmehr, ein populär geschriebenes Werk herauszugeben, das auch der Wissenschaftlichkeit nicht entbehre. Nicht die Inschriften sollen veröffentlicht werden, sondern das, was sich daraus ergibt. Dieses Werk wäre dann besonders für die hiesigen Gemeindemitglieder von großem Interesse, nicht weniger aber auch für weitere Kreise. Mit der Herausgabe dieser Schrift wurde Herr Rabbiner Dr. Grünfeld-Bingen betraut, der sich durch seine Arbeit „Zur Geschichte der Juden von Bingen" verdient gemacht hat. In zwei bis drei Jahren soll die Schrift fertig gestellt sein. Wie der Vorstand der hiesigen Gemeinde bestrebt war, vor Mehreren Jahren durch populäre Darstellung des Lebens und Wirkens Raschis dessen Andenken zu ehren, so wird sicher auch diese Schrift dazu beitragen, Liebe und Verehrung einer Stätte zu bewahren, die durch den Zweck, dem sie diente und ihr hohes Alter ein Heiligtum ist und bleiben wird für alle Zeiten. v' ■ y ’ - . Line Erinnerung an Lerthow Auerbach. Von Rabbiner Dr. Frank-Köln. m 23. Mai d. I. haben sie in Cannstatt, 27 Jahre nach seinem-Heimgang, dem Dichter deo Schwarzwälder Dorfgeschichten ein Denkmal errichtet. Wiederum beschäftigte sich alle Welt in Zeitungen und Zeitschriften mit dem liebenswürdigen deutschen Dichter; sein Leben und Trachten, seine Bedeutung unter den Volkspoeten, sein scharfer Blick in das Klein- und Alltagsleben der Dorfbewohner, ihre Leiden und Freuden, alles wurde wiederum der so schnell lebenden, nach dem Neuen haschenden und das Alte vergessenden Gegenwart ins Gedächtnis zurückgerusen. Auch in mir tauchte eine alte Erinnerung an Auerbach auf, die ich gern in mir neuaufleben ließ und hier mitteilen möchte. Es war im August des Jahres 1868, ich befand mich im ersten Jahre meines Rabbinats in der bekannten böhmischen Hopfenstadt Saaz. Kurz vorher, im Monat Juni, hatte ich geheiratet, und weil damals die Hochzeitsreisen nach weiten Entfernungen, Riviera, Aegypten, Orient usw. noch nicht entdeckt waren, so beschränkte sich unsere Reife von Görlitz' über Berlin, Dresden, Teplitz, Saaz, auf höchstens acht bis zehn Tage. Im August sollte nun ein kleiner Nachtrag unserer Reise nach Karlsbad unternommen werden. Eine Eisenbahn von . Saaz nach Karlsbad gab es damals noch nicht; die Reise mußte mit der Post, bezw. einem „Stellwagen", einem Rest aus der alten Folterkammer österreichischer Fuhrwerke, zurückgelegt werden. Die Karlsbader jüdische Kultusgemeinde hatte damals noch keinen Rabbiner; sie gehörte zum Kreisrabbinat, dessen Rabbiner in Lichtenftadt, einem kleinen Ort bei Marienbad, residierten; auch hatte die Gemeinde noch nicht ein so schönes Gotteshaus wie heutzutage. Karlsbad ist ja bekanntlich ein Weltbad, aber den Juden dort entging auch jede unbedeutende Kleinigkeit nicht, und so erfuhr denn der Vorstand, daß ich dort war. „Und das Wort Gottes war selten in jener Zeit"; Böhmen war damals noch nicht so glücklich und hatte noch nicht soviel Rabbiner wie heute, und so erging benn seitens des Vorstandes der Kultusgemeinde an mich die Bitte, beim Sabbathgottesdjenst zu predigen. Junge Rabbiner

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