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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-07-23 · Heft 30 (23.7.1909) · p. Seite 354

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 30 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
Seite 354 (sequence 8)
Language
German
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Premierminister Clemenceau beorderte Untersuchun-g nur Belastendes hervorgebracht hat. Der Angeklagte selbst wie die russische Gesandtschaft hüllten sich in Schweigen. Natürlich handelt es sich um einen Renegaten! Der Liebling der hohen russischen Edelleute ist als Jude geboren und heißt eigentlich Abram Hekkelmann; die später wiederholt nötig gewordene Aenderung des Zivilslandes dieses uninteressierten Menschenfreundes genehmigte der Zar eigenhändig. Aus den Anklagen Burtzews geht hervor, daß Landesen .sich als Polizeispitzel nicht nur unter die Revolutionäre gemischt hat, indem er sich selbst als Revolutionär ausgab, , seine „Freunde" der Polizei angab,, sondern daß gerade .er seinen ganzen Einfluß darauf verwandte, seine Landsleute zur Fabrikation von Bomben und zu Attentaten zu treiben. Selten ist wohl einem nichtswürdigeren Lumpen die Larve vom Gesicht gerissen worden als diesemHekkelmann- Landese n-Harting, Nicht zu verwundern ist natürlich, daß ein Mann wie dieser Harting auch seine Regierung betrogen hat, z. B., indem er in Paris 25 Agenten zu bezahlen hatte, aber nur 11 hielt und auch von deren Gehalt einen Teil in die Tasche steckte. Ferner ist er an dem Unfälle in Hüll schuld, wo die russischen Kriegsschiffe auf englische Fischerbarken schossen; auf dem Aufklärungsschiffe, das der Flotte voraussuhr, befand sich als „Generalissimus" der talentvolle Henkersknecht Landesen. Kann es unter diesen Umständen wundernehmen, wenn die englischen Sozialdemokraten einen energischen Protest gegen den Besuch des Zaren einlegten, und daß sich der gleiche Vorgang in der französischen Kammer wiederholte, als der Sozialistensührer Iau res die Regierung-unsanft angriff, während die russischen Abgeordneten in England wie in Frankreich herzlichst empfangen wurden? Begreiflicherweise haben die -Minister des Auswärtigen hier wie dort geglaubt, den Zaren in Schutz nehmen zu müssen; sind doch Minister noch viel mehr zu konventionellen Ausflüchten gezwungen, als der Privatmann. Aber ist es nicht im höchsten Grade unlogisch, daß der Präsident von Frankreich für sein eigenes Land kein Todesurteil mehr unterschreibt, daß man in Marokko blutige und kostspielige Kriege um die Ehre der Republik führt, und daß man dann in Cherbourg, unter fortwährender Erwartung einer Bombe, Väterchen .als „den Erhalter des Friedens, den Förderer der Kultur" preisen wird? Die Anzahl der in Rußland Gehenkten vermehrt sich wiederum in furchtbarer Weise! Freilich, den Russen geht der Bindfaden nicht aus. Sobald eine russische Anleihe aufgelegt wird, finden sich genug Bankiers, auch jüdische, die sich eifrig um deren Zeichnung bemühen. Es läßt sich ja dabei etwas verdienen, und das ist die Hauptsache! -*#<- Der ilrselitilche Melchok in Worms. Von S. Rothschild-Worms. er israelitische Friedhof in Worms darf wohl als der älteste in Deutschland bezeichnet werden. Wohl schien ihm eine Zeitlang der zu Prag den Rang streitig zu machen/ denn auf dem dortigen Friedhofe befinden sich drei' .Grabsteine, die wegen ihres hohen Alters die Aufmerksamkeit der Altertumsforscher in besonderem Grade auf sich lenkten. Die Grabsteine sollten den Jahren 606, 942 und 980 angehören. Als aber hervorragende Gelehrte sich eingehender mit der Schrift dieser Steine beschäftigten, da stellte sich.heraus, daß! die Steine einer viel späteren Zeit angehörten. Auch die. Wormser Juden haben sich in bezug auf ihren Friedhof eine ähnliche Korrektur durch die Wissenschaft gefallen lassen müssen. Als der frühere hiesige-Prediger Dr. Lewhso hn seine 60 Epitaphien von Grabsteinen hecausgab, bezeichnete er als Nr. 1 einen Stein aus dem Jahre 905 (muß - heißen 900)., Lange hielt'man diesen für den ältesten des Friedhofs, ja man gab sich sogar der Hoffnung hin, daß man vielleicht noch auf ältere Steine stoßen würde. Diese Annahme hat sich nicht bestätigt, aber auch der von Dr.Lewhsohn als der älteste bezeichnete Stein, der lange nicht aufzufinden war, konnte sein Alter nicht behaupten, denn sorgfältige und gründliche Untersuchungen haben ergeben, daß auch die Jahreszahl dieses Steines um 200 Jahre weitergerückt werden mußte. Hatte aber auch dieser Grabstein gleich denen in Prag auf diese Weise viel von seinem ehrwürdigen Altersruhm verloren, so besitzt der Wormser Friedhof doch noch viele Steine, die unwiderleglich der Mitte des 11. Jahrhunderts angehören und die uns den Schluß ermöglichen, daß die Anlage des Friedhofes mit dem Bau der Synagoge im Jahre 1034 zusammenfiel.' Wenn wir den Vorhof des Friedhofs durchschreiten, gelangen wir in seinen alten Teil, aus dem ein.Weg nach dem höhergelegenen neuen Teile führt, der in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts aufgeschüttet wurde und von wo wir einen guten Ueberblick über den erfteren gewinnen. Ein interessantes, höchst fesselndes Bild bietet sich hier dem Auge! Die Natur hat diesen ernsten Platz mit ihrem prächtigen Schmucke geziert, im Frühling und imSommer stehen die auf dem hügeligen Gelände angepflanzten Bäume in herrlichster Blüte und Belaubung. Aber unzählige Grabsteine, von zahlreichen Sträuchern beschattet, erinnern uns daran, daß hier nicht das Leben, sondern der Tod gebietet. In unmittelbarer Nähe grüßt der alte ehrwürdige Dom seine Altersgenossen. Betrachten wir die Grabsteine näher, so bemerken wir, daß sie trotz ihrer Einfachheit doch hinsichtlich ihrer Form untereinander sehr verschieden sind. Eine genaue Prüfung hat nun ergeben, daß es drei Grundformen gibt, welche drei nicht scharf abgegrenzten Perioden angehören. Es sind dies die Keilform aus der ältesten Zeit, Xl. und XII. Jahrhundert, die romanische und gotische Form. Wir sehen hieraus, daß sich die Juden des Mittelalters der jeweiligen Kunstrichtung keineswegs verschlossen haben. Ueber vielen Inschriften sind Abbildungen angebracht, so die eines Rades, eines Sterns, eines Hufeisens, eines Blasbalgs usw., sie bezeichnen alle nichts anderes als die Namen der Häuser, welche die betreffenden Verstorbenen bewohnt hatten, daher auch die Namen Abraham zum Rade, Jsak zum Stern usw. Auch die Schriftsorm hat im XlH. Jahrhundert eine gründliche Aenderung erfahren. Während die Schrift bis gegen Ende des XU. Jahrhunderts mit gleichdünnen Strichen eckig und unschön . geschrieben ist, begegnen wir von da ab einer mit Grund- und Haarstrichen ausgeführten hübschen Schrift. Vor dem Jahre 1890 hatte der alte Friedhof nicht soviele Steine auszuweisen, auch war eine große Anzahl in eine so schräge Lage gekommen, daß sie dem Umstürzen nahe war. Daß viele gehoben und andere in ihrer Stellung befestigt wurden, ist dem verstorbenen Vorstandsmitgliede der Gemeinde, Julius Goldschmidt, zu verdanken, der dieses Kollegium im Jahre 1889 veranlaßte, die erwähnten Konservierungsarbeiten vornehmen zu lassen. Nachdem dies geschehen, wurden sämtliche Grabsteine des alten Friedhofes entziffert. Nach sieben-

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