Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-07-23 · Heft 30 (23.7.1909) · p. Seite 353

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 30 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
Seite 353 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228852-3228883--65719-3277860
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

V . gekostet. Ein Fall ist mir bis in die kleinsten Einzelheiten J bekannt. j Ein jüdischer Lehrer in einem kleinen Städtchen des \ Fürstentums Lippe -war so vermessen, in Wort und Schrift für den wirklich liberalen Abgeordneten einzutreten. War in seiner freien Zeit als Agitator unablässig tätig in scharfer i Wehr nicht nur gegen den antisemitischen Bündler, sondern auch gegen den sozialdemokratischen Kandidaten. Da er , nur sieben Religionsstunden in der Woche zu erteilen i und mit einem Gehalt von 950 Mark nicht auskommen konnte, übernahm er im Einverständnis mit dem Vorsteher der Gemeinde die Redaktion eines neugegründeten liberalen / Blattes in diesem Städtchen. . i Es kam zur Wahl und damit zu polemischen Aus- I einändersetzungen in der neuen liberalen Zeitung. Ein Sturm \ der Entrüstung bricht gegen die vom „Judenpastor" redigierte j. Zeitung los. Den jüdischen Kaufleuten wird mit dem Boykott ,/ gedroht, wenn sie ihren Lehrer nicht auf der Stelle fortjagen.! Repräsentantenversammlung. Beschluß: Der Kontrakt kann wegen starker Gefährdung des geschäftlichen Lebens nicht! erneuert werden. Der jüdische Lehrer muß seinen Dienst ' quittieren. Die Abschiedsfeier gestaltet sich zu einer großen Kundgebung für ihn. Es lebe der Märtyrer! | Solche Fälle dürften nicht vereinzelt dastehen. Die i Maßregelungen gehen geräuschlos vor sich. In dem mir bekannten Falle ist der brotlos gewordene jüdische Lehrer zum Journalismus übergegangen, in vielen anderen Fällen dürften sich die um die Existenz gekommenen Herren in aller Stille um eine neue Lehrerstelle umsehen in der richtigen Erkenntnis, daß der sorgenlose Stand des Lehrers vorzuziehen ist dem besonders in der ersten Zeit der Tätigkeit an Entbehrungen reichen, freien und daher in stetem Existenzkämpfe stehenden Journalistenberus. Daß jüdische Lehrer in deutsche Parlamente meines Wissens bisher nicht gewählt worden sind, ist dem Umstande zuzuschreiben, daß Juden, wenn ihnen in der heutigen Zeit überhaupt ein Mandat angetragen wird, über ein gutes Quantum Wohlhabenheit verfügen müssen, um die oft ungeheuerlich großen Kosten einer Wähl bestreiten zu können. Die allerwenigsten jüdischen Lehrer sind mit Glücksgütern so reich gesegnet, wie beispielsweise der ehemalige Volksschullehrer Mathias Erzberger, der mit zu den wohlhabendsten j Abgeordneten des Zentrums gehört. Einen positiveren Erfolg erreichen die jüdischen Lehrer in der Kommunalpolitik. In Stadtverordnetenversammlungen findet man hier und da einen jüdischen Lehrer als Mitglied. \ Die immer stärker werdende Bewegung im Judentum, die! eine lebhafte Betätigung unserer Glaubensgenossen im Dienste einer Politik für Freiheit und Gleichberechtigung erstrebt, wird den Lehrern für ihre Tätigkeit, für ihren Anteil an den politischen Interessen des. deutschen Vaterlandes Dank wissen. Nur ist den jüdischen Lehrern in ihrem eigensten Interesse zu raten, der Politik nebenamtlich zu dienen. Es bleibt natürlich eine besondere Pflicht des jüdischen Lehrers, die Interessen immer so abzuwägen, daß er mit Leib und Seele seines Amtes walten und doch seiner Vorliebe für politische Betätigung Rechnung tragen kann. Dem Judentum ist so in zweierlei Hinsicht geholfen: es hat gute Lehrer und zuverlässige deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens. löriek aus Frankreich. Von I. Eichenberg. Paris, im Juli. err Albert Kahn in Paris hat der Pariser Universität ein Legat von je 30 600 Franken jährlich vorerst auf fünf Jahre überwiesen. Es war von der Universität durch den Mund ihres Rektors, Liard, ausdrücklich darauf hingewiesen worden, daß die überaus günstige Entwicklung der hohen Schule an der Seine — sie ist jetzt von 16 000 Studenten besucht, wovon gegen 2000 Fremde — erforderte, daß sie je nach Bedarf fremde Lehrer der Wissenschaft, bezw. solche Franzosen, die nicht in Paris leben, auf ihre Lehrstühle berufen könne. .Dieser Gedanke, durch den die Jnternationalität der Wissenschaft ausgedrückt wird, kann nun verwirklicht werden; es ist kein Zweifel, daß auch nach den fünf Jahren dieser Schenkung die Einrichtung fortbestehen wird. Derartige Schenkungen werden trotz der verzweifelten Anstrengungen der französischen Antisemiten die Feindschaft gegen 'die Juden nicht verstärken können. Aber man darf sich nicht verhehlen, daß auch das 1907 in Kraft getretene Gesetz Iber die Trennung von Kirche und Staat massenhaft Antisemiten gezüchtet hat. Die gläubigen Katholiken sind unzufrieden, sie müssen einen Prügeljungen haben, also her mit den Juden! Da die Regierung, republikanisch und freimaurerisch zu stark ist, als daß man ernsthaft an deren Sturz arbeiten könnte, ist es durchaus praktisch und das Herz erleichternd, ohne Prüfung der Tatsachen, kräftig auf die Juden zu schimpfen. Eine wirkliche Herzensfreude hat es denn auch bei den Antisemiten hervorgerufen, daß ein rumänischer Student, Mladian, in seiner Dissertation „Die Entwicklung des Mittelstandes in Rumänien" festgestellt hat, daß die Rumänen durch die Juden ausgebeutet werden, und daß sich seine Landsleute nur durch eine Gewaltmaßregel von ihren „Blutsaugern" entledigen könnten. „Ganz einfach durch Ausweisung!" meint ' der gelehrte und „mutige" Jünger der Wissenschaft, der sich mit Stolz auf den Rechtsprofessor Alexander Couza beruft, den Vater des rumänischen Antisemitismus. In Rumänien allerdings könnten kurzsichtige Politiker zu einer gewaltsamen Ausweisung der Juden kommen, um gewaltsam den Fortschritt zu zverhindern, aber in Frankreich, das sich mit Recht als Kulturstaat fühlt, dürften die heißen Wünsche unserer Freunde unerfüllt bleiben. Selbstverständlich bildet auch der Besuch des römischen Bürgermeisters, Nathan, ein Mittel, um die „jüdisch-freimaurerische Weltherrschaft" anzugreifen, ebenso wie der Einfluß von Abgeordneten, der hier wirklich groß ist, wenn dieser Ab- } geordnete zufällig Jude ist, wie Joseph Reinach. Dagegen vermissen wir schmerzlich den Ruf der Antisemiten - um Ausweisung eines Juden, der diese nach den bestehenden Gesetzen und nach den Gesetzen der Menschlichkeit vollauf -verdient hat. Es handelt sich hier um den Leiter der russischen Geheimpolizei, der unter dem Namen „Harting" seines edlen Amtes hier waltet, im Jahre 1890 unter dem Namen Landesen wegen Organisation eines anarchistischen Attentates zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden, aber, damals nicht aufzufinden war. Der in Paris lebende russische Revolutionär B u r t z e w, der auch A s e w als russischen Spitzel entlarvte, hat dem französischen Justizminister, Aristide Briand, den Fall unterbreitet, sich zur Konfrontation und zur Lieferung von Beweismaterial bereit erklärt, und es scheint sicher zu sein, daß es sich wirklich so verhält, wie Bäurtzeff behauptet, nachdem auch die vom

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.