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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-07-23 · Heft 30 (23.7.1909) · p. Seite 351

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 30 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
Seite 351 (sequence 3)
Language
German
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östlichen Winden, die in den Höhen der. Kanzlerregion wehen, diese Tradition wird aufrechterhalten können, -steht dahin. Eines indessen scheint sicher, auch unter seinem-Regime wird das Geleise der Herren Liebermann, Raab und Genossen nicht befahren werden. Der neue Kultusminister, Herr v. Trott zu Solz galt als Oberpräsident der Provinz Brandenburg als ein durchaus konservativer und in kirchlichen Dingen orthodoxer Mann. Im persönlichen Verkehr werden ihm angenehme Umgangssormen und Liebenswürdigkeit nachgerühmt. Für uns ist es jedenfalls schon ein Vorteil, daß nicht Ministerialdirektor v. Schwartzkopff in dieses wichtige Amt eingerückt ist. * ' Auch in Württemberg soll das Judengesetz geändert, respektive verbessert werden. Die staatsrechtliche Kommission der Zweiten Kammer beriet jüngst in Anwesenheit des Kultusministers v. Fleischhauer über die Eingabe des Ausschusses des israelitischen Lehrervereins um Aenderung des § 53? des Judengesetzes von 1828. Dieser Paragraph handelt von der Anstellung der Vorsänger (Religionslehrer und Kantoren) und bestimmt ihre Wahl durch die Gemeindemitglieder. Der Ausschuß petitioniert nun, daß die Anstellung in gleicher Weise, wie die der Lehrer, durch die Behörde erfolgen möge. Zunächst wurde die Frage erörtert, ob die Eingabe mit Rücksicht auf den Kammerbeschluß vom 16. Juli 1902 nicht den Petenten zurückzugeben sei, weil sie der Regierung nicht Vorgelegen hatte. Es war aber zweifelhaft, inwieweit die Gesuchssteller als Kirchendiener unter den genannten Beschluß fallen, und die Frage wurde deshalb offen gelassen, nachdem der Kultusminister erklärt hatte, daß eine Neuregelung des israelitischen Kirchenrechts und damit eine Revision des Judengesetzes in Aussicht genommen sei, wurde die Eingabe einstimmig der Negierung zur Erwägung übergeben. — Die Zweite Kammer hat das Kapitel 60 des Kultusetats, der den Beitrag der Staatskasse zur israelitischen.Zentralkirchenkasse betrifft, genehmigt, und zwar Titel 1: Pauschalsumme zufolge früherer Verabschiedung 18 515 Mark; Titel 2: zu Gehaltsaufbesserungen 31 057 Mark (mehr 1800 Mark). Titel 2a: Aufbesserungszulagen 19 060 Mark. Titel 3: Pensionen 6528 Mark, insgesamt 58 060 Mark (mehr 1800 Mark). Das Kapitel wurde zusammen mit dem erwähnten Antrag der staatsrechtlichen Kommission, die Eingabe des Ausschusses des Vereins israelitischer Lehrer und Vorsänger in Württemberg vom 15. März 1908, betreffend Aenderung des Artikels 53 des Jsraelitengesetzes vom 25. April 1828 der Regierung zur Erwägung zu übergeben, behandelt. Titel 1 wurde angenommen. Bei Titel 2 begründete als Berichterstatter der Abgeordnete Häffner den Antrag der staatsrechtlichen Kommission. 'Die Eingabe wünsche, daß in größeren Orten die israelitischen Religionslehrer und Vorsänger ständig angestellt werden sollen, weil sonst dem israelitischen Lehrer jede Vorrückungsmöglichkeit fehle und das Verhältnis zwischen ständigen und unständigen Lehrern nie ein angemessenes werde. Ferner solle die Anstellung durch Wahl der Gemeinde abgeschafft werden, wenn diese Stellen mit Lehrerstellen verbunden seien. Die Kommission habe mit ihrem Antrag nicht entscheiden wollen, ob es sich um Staats- oder Kirchen-Diener handle. Mit Rücksicht auf die bevorstehende gesetzliche Regelung dieser Verhältnisse habe die Kommission Erwägung beantragt. Der Titel und der Antrag wurden angenommen, ebenso Titel 2a und 3. Unter den in En. gl an Ö. vollzogenen; ministeriellen Ver-; I schiebungen, die im ganzen acht Staatsmännern Beförderung '% brachten, ist unzweifelhaft die bedeutendste die Ernennung des y< Abgeordneten Herbert L. Samuel, der den Wahlbezirk H Cleveland inHorkshire im Unterhaus vertritt, zum Kanzler;% des Herzogtums von Lancester. Diese Stelle wird von alters I her als Sinekure angesehen'. Sie wird gewöhnlich einem älteren Minister überlassen, der diesem oder jenem mit Geschäften überbürdeten Minister unter die Arme greifen muß. 4 Nun ist der Abgeordnete Samuel (ein Neffe des orthodoxen I Lord Swaythling), ein 40 Jahre alter, äußerst fähiger und j tatkräftiger Politiker, der in der letzten Tagung als Unterstaatssekretär des Innern ohne viel Geräusch das Gesetz über den Kinderschutz durchs Unterhaus lotste. Er soll jetzt dem 'Schatzkanzler Lloyd George, der mit seinem Staatshaushalt auf unerwartet kräftigen Widerstand gestoßen ist, an die Hand gehen. Tenn Lloyd George hat außer dem Generatanwalt keinen Gehilfen, der mit den Einzelheiten der äußerst verwickelten Finanzvorlage genügend vertraut ist. Samuel verbindet in hervorragender Weise das suavite? m modo mit dem fortiter in re. Schon voriges Jahr hätte er einen ministeriellen Posten mit Kabinettsrang haben können, so daß seine jetzige Erhebung in den inneren Rat des Königs eigentlich nur eine verspätete Anerkennung geleisteter Dienste ist. Interessant ist aber bei dieser Ernennung besonders der Umstand, daß gerade der englische Schatzkanzler jüngst in einer Bankettrede gegen Lord Rothschild heftige Angriffe wegen der Stellung des letzteren zu verschiedenen Finanzprojekten der Regierung gerichtet, hat. 'Es wurde bemerkt, daß der Schatzkanzler am Schluffe seiner Rede ausdrücklich „Nathaniel" Rothschild sagte und damit auf dessen Zugehörigkeit zum Judentum Hinweisen wollte. Eine solche Absicht wäre befremdlich in einem Augenblicke, wo der liberale Schatzkanzler eben erst einen jüdischen Kollegen-im Kabinett erhalten hat. * Die türkische Kammer genehmigte am 12: d. M grundsätzlich fast einstimmig die sofortige Einstellung der Nichtmohammedaner in die Armee und beschloß, falls das neue Wehrgesetz nicht angenommen werden sollte, das alte Wehi> gesetz mit einer für den Dienst der Nichtmohammedaner ein- . gefügten Aenderung anzuwenden. Damit ist wohl der wichtigste Schritt zur völligen Gleichberechtigung der Juden ln der Türkei getan, und wir freuen uns aufrichtig, daß die türkischen Juden nunmehr auch auf diesem Gebiete Gelegenheit haben werden, ihren Patriotismus zu betätigen. Den Anfang dazu haben sie schon gernacht. Vor Einbringung des Gesetzentwurfs wendete sich die Negierung auch an den Chacham Baschi mit der Frage, ob in dieser wichtigen Frage von jüdischer Seite irgendwelche besonderen Wünsche vorliegen. Der Chacham setzte hierauf ein Komitee ein, um die Frage vom jüdischen Standpunkte eingehend zu studieren. Diesem Komitee gehörte der jüdische Deputierte von Smyrna, Nisstm Mazliach an, der auch Mitglied der parlamentarischen Kommission über dieselbe Angelegenheit war. Das Komitee hat sich für eine bedingungslose Einreihung der Juden ohne jede Einschränkung ausgesprochen. Es.sind demnach auch die bekannten Forderungen religiöser Natur ausgegeben worden. Natürlich hat dieser Beschluß des jüdischen Komitees in der türkischen Kammer einen glänzenden Eindruck hevorgerrusen. Wir beglückwünschen Herrn Großrabbiner Nahoum zu.diesem Erfolg, der der deutschen Orthodoxie Natürlich wenig behagen, wird. Wußte sie doch schon vor Wochen von den rituellen und anderweitigen

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