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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-07-23 · Heft 30 (23.7.1909) · p. Seite 350

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 30 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
Seite 350 (sequence 2)
Language
German
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ä5Ö zweien Deutschland anfsuchten, vielfach rücksichtslos geübt wurde. Anderseits vermochte auch die Staatskunst und das Prestige eines Bülow nicht, bei Rußland durchzusetzen, daß die Zweiklasseneinteilung von Deutschen christlichen 'und jüdischen Glaubens, die dem Geist' und Sinn der Handelsverträge gröblich widerspricht, vor: unserem östlichen Nachbarn unterlassen wurde. Auch Fürst Bülow fand keinen Weg, um den aller Kultur und Gesittung ebensosehr wie dem Gesetze hohnsprechenden Chikanierereien deutscher Handlungsreisenden jüdischen Bekenntnisses während ihres Aufenthaltes in Rußland seitens der dortigen Behörden ein Ziel zu setzen. Wenn er .anderseits aus der Algeciras-Konferenz den Vertreter Deutschlands anwies, sich der Aktion anderer Mächte zugunsten der unterdrückten Juden in Marokko anzuschließen, so verdient das gewiß unseren Dank und unsere Anerkennung, aber man wird sich bei der Beurteilung dieser erfreulichen Parteinahme für die marokkanischen Juden doch daran erinnern dürfen, daß dieser Stellungnahme auch ein anderes rein politisches und nicht nur humanitäres oder Gerechtigkeitsmotiv zugrunde lag. Eine Aktion zugunsten der rumänischen Juden wurde bekanntlich, als die Einberufung einer internationalen oder vielmehr eine Konferenz der Signatarmächte wegen der' Balkanwirren'aktuell wurde, aus rein formalen Gründen abgelehnt, als sie vom Hilfsverein der Deutschen Juden angeregt würdet Es war — und daran darf bei diesem Anlaß wohl erinnert werden — auch ein Staatssekretär des Auswärtigen, mit dem Namen Bülow, nämlich der Vater des Fürsten Bülow, der auf dem Berliner Kongreß 1878 vor einer ähnlichen Situation stand. Als damals eine Abordnung der „Alliance Israelile Universelle“ aus dem gleichen Anlaß bei Herrn v. Bülow-Bater erschien und unter Berufung auf die Toleranz die Fürsprache für die Juden der Balkanländer erbat, sprach Herr v. Bülow, der Vater des jetzt scheidenden Reichskanzlers, wörtlich: „Toleranz ist das unrichtige Wort, meine Herren, nicht Duldung, sondern ungehinderte Ausübung ihrer Rechte werden wir auf dem Kongreß für Ihre Glaubensgenossen fordern." — Dem Sohne dieses Staatssekretärs des Auswärtigen war anscheinend nicht die Macht gegeben, oder es fehlte ihm der entschlossene Wille dazu, die Rechtsstellung der Deutschen jüdischen Glaubens in der Verfassung mit dem praktischen Leben in Einklang zu setzen. Gewiß ist es richtig, daß es schwer sei, eingewurzelte Mißbräuche im Handumdrehen' auszurotten. Aber ein Mindestmaß von positiven Fortschritten in dieser Hinsicht darf man von einer nahezu zehnjährigen Kanzlerschaft doch wohl billiger- ' weise erwarten. Welches indessen sind denn nun die Fortschritte, die die Durchführung unseres Rechtes aufzuweisen ^hat, solange Bülow am Ruder war? Seine, Lobredner rühmen den Willen und trösten damit über das Fehlen jeglicher Tat. „Daß beispielsweise, meint einer, Juden grundsätzlich später das Notariat erhalten als Christen oder daß ihnen der Zugang zu den Richterstellen erschwert, zu vielen ganz verwehrt wird, das hat Bülow als „mit der Blockpolitik" unverträglich betrachtet und zu beseitigen gesucht." — Wir fügen hier gleich bei: vergeblich gesucht. Im großen und, ganzen ist alles beim alten geblieben und von ernstlichen Bemühungen Bülows, hier Wandel zu schaffen, ist außer gelegentlichen schönen Reden leider nichts zutage getreten. Genau so verhält es sich im Ressort des Kriegsministeriums und des Kultus. So müht man sich vergeblich, Sonnenblicke oder nennens-. werte positive Fortschritte aus dem letzten Jahrzehnt des historischen Werdeganges unserer innerpolitischen Entwicklung für das Recht der deutschen Juden zu finden. Nur die negative Seite bietet erfreulichere Aspekte. Zweifellos ist es ‘ unter dem Regime Bülows n ich t schlechter geworden^ Vielleicht ist auch das in den Tagen, da die antisemitischen Agrarier in Deutschland Trumpf sind, ja es eigentlich unter Bülows Kanzlerschaft mehr öder weniger immer waren, schon ein verdienstvolles Aktivum der Bilanz,, die wir deutschen Juden von unserem Standpunkt beim Abschluß der Reichskanzlerschast Bülows aufzustellen haben. Auch gebietet die Gerechtigkeit zu berücksichtigen, daß die Verhältnisse oft stärker sind als die Menschen. Eine Stärkung des antisemitischen Geistes ist von Bülow persönlich gewiß und fraglos vermieden worden. Und die sympathische Persönlichkeit des weltmännischen, liebenswürdigen, für Kunst, Literatur und alle schöngeistigen Dinge erglühenden Kanzlers, dessen geistige Interessen himmelhoch über die Enge des preußischen Junkerhorizonts hinausgingen, hat ihm auch unter unseren Glaubensgenossen eine übergroße Schar von Freunden und Verehrern gewonnen. Sy zeigte er sich erhaben über alle rückständigen Vorurteile. Auch soll es ihm als Verdienst angerechnet werden, daß er wenigstens den Willen bekundet hat, die Weltanschauung des Liberalismus zu einer gleichberechtigten Richtlinie für. die innere Politik zu machen, daß er es ablehnte, die Geschäfte des Reiches fortzuführen, wenn der Liberalismus ausgeschaltet werden sollte. Ganz ohne Verdienste auch um die deutsche Judenheit ist Bülow danach gewiß nicht. War er auch kein eifervoller Freund, so war er doch auch ganz gewiß kein Gegner der deutschen Juden. Es wurde uicht schlechter, ein ganz klein wenig besser — das mag vielleicht, auch ein großes Verdienst sein. Jedenfalls wird eine große Anzahl unserer Glaubensgenossen seine Amtszeit in dankbarem Angedenken behalten. Dir Woche. Berlin, 20. Juli. Ministerw echsel in Preußen und Deutschland hat natürlich auch für uns ein besonderes Interesse. Der neue Reichskanzler, Herr v. Bethmann-Hollweg, ist ein kluger, besonnener und gerechter Mann. Er teilt mit Bülow, daß auch er ein Konservativer ist, der ohne die Scheuklappen der Oldenburg und Kreth modernen Anschauungen sich zugänglich zeigt. Er ist viel eher Bureaukrat als Junker, und er unterscheidet sich von beiden Lebensformen durch einen ungewöhnlichen Ernst der sittlichen Auffassung und durch eine ungewöhnlich tiefe Bildung. Es ist in ihm etwas von dem Geiste des größten Frankfurter Sohnes, von Goethe. Der neue Reichskanzler stammt, wie man weiß, aus' einem alten und längst reichbegüterten Frankfurter Kaufmannsgeschlecht. In Frankfurt glaubte man lange, daß die Bethmanns ursprünglich jüdischen Glaubens gewesen und während der Judenverfolgungen aus den Niederlanden im Nassauischen eingewandert seien. Neuere Forschungen haben jedoch ergeben, daß sie aus Goslar im Harz stammen, wo schon 1416 ein Bethmann im Register der Kirchenangehörigen genannt, wird. Es ist sozialdemokratischen Blättern Vorbehalten gewesen, Herrn v. Bethmann zuerst „den jüdischen Reichskanzler" zu nennen. In seiner bisherigen Ministertätigkeit hat Herr v. Bethmann-Hollweg sich von jedem Engagement für das agrarische Junkertum ferngehalten, aber ebenso auch von jeder pointierten liberalen Parteinahme. Er entstammt einem Kreise, deren Tradition mit jener des ostelbischen antisemitischen Agrariertums absolut nichts gemein hat. Ob er in den scharfen

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