Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1909)
- Date
- 1909-07-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228883--65713-3277854- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. W^WMUWWMW Berlin, 23 Juii >M 73. Jahrgang. Nr. 30. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-preis: durch Buchhandel- oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Redarie«rr Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner Dr- Ludwig Philippsoi» Verlaxs-IrxeMeu: Berlin, Jerusalemer Sir. 46/49. Alle Zusendungen fär Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der' „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße §6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Fürlt Lütow. Berlin, 20. Juli. -Vürst Bülow hat sich bekanntlich zu wiederholten Malen einen agrarischen Leichenstein gewünscht. Daß die Herren Agrarier ihm aber einen solchen schon zu seinen Lebzeiten setzen würden, hat er gewiß sich nicht träumen lassen. Es beweist das wieder einmal die Wahrheit des Satzes, daß es in der Politik keine Dankbarkeit gibt. Er fiel durch Freundes-, nicht durch Feindeshand. Der agrarische Unterton der Politik des vierten Reichskanzlers darf bei einer Würdigung der Bülow-Aera von unserem Standpunkt aus nicht übersehen werden. Gewiß kann und soll nicht verkannt werden, daß er als feingebildeter, vom Geiste moderner Kultur durchtränkter und in den vornehmsten Umgangsformen geübter Diplomat sein agrarisches Herz nicht in jener grobkörnig-robusten Art enthüllte, wie etwa Herr Diedrich Hahn oder Herr v. Wangenheim im Zirkus Busch. Aber daß auch er zuweilen aus ihrem Glase nippte, bewies seine Bereicherung des antisemitischen Schlagwortschatzes durch das geflügelte Wort von: „Silberfarb und Mandelstamm" und ähnliche Redensarten, die das helle Aufjauchzen der antisemitischen Berufsagitatoren und das verständnisinnige Schmunzeln aller antisemitisch angehauchten Mitglieder des Parlaments erregten. Und ob es nicht doch etwas mehr als angeborene Höflichkeit war. die ihn veranlaßte, ganz im Gegensatz zum Hofe, der das Hinscheiden des „Vaters des Antisemitismus" und ehemaligen Hofpredigers ignorierte, beim Tode Stöckers in so anerkennenden Worten zu kondolieren, soll dahingestellt bleiben. Anderseits darf nicht verkannt werden, daß Fürst Bülow ganz gewiß kein Gegner der Juden war. Er gehörte im großen und ganzen zu jenen Naturen, die das Dekorum auch in der sogenannten Judenfrage, die schließlich doch nur eine Frage der Ehrlichkeit und der allgemeinen Gerechtigkeit ist, zu wahren verstehen und sich gleich fern von Liebe wie Haß dem großen Publikum gegenüber markieren Die stets konziliante, liebenswürdige Form, die ihm zur zweiten Natur geworden war, gewann ihm Sympathien und Vertrauen auch dann, wenn er Wünsche und Forderungen nicht berücksichtigen zu können glaubte. In der feinsinnigen Analyse der Bülow-Psyche, die dieser Tage Alfred v. Berger veröffentlicht hat, ist als einer der besonderen Wesenszüge des Fürsten Bülow seine natürliche Meisterschaft unterstrichen- Bittsteller, selbst wenn seine gegenteilige Auffassung nicht im geringsten gtftfjüttert war, in der gehobenen Stimmung zu verabschiedenAals wb er von dem Gewicht, der vorgebrachten. ArgumenteAderen >belehbt sei.- Diese He-, stechende Seite sW^e^Dersdnlichkeit ist natürlich' nicht ohne Wirkung auch auf das Urteil des Gros der deutschen Judenheit geblieben. Er hat sehr vieles gesprochen, was unserem Herzen wohl tat, einiges auch erwirkt, was wir mit Recht -ß verlangen durften, das meiste aber nicht gewährt oder durchgesetzt) was wir mit der Waffe unserer verfassungsrechtlichen Wehr seit Menschenalter erkämpfen. Am 3. Juli waren es genau 40 Jahre, seit uns allen deutschen Juden durch Staatsgrundgesetz die volle staatsbürgerliche Gleichstellung mit unseren nichtjüdischen Mitbürgern | auch dort garantiert worden ist, wo man mit der Emanzipation, Ä wie in Mecklenburg, um 20 Jahre zurückgeblieben war. Unter vier Kanzlern strebten wir nach der Tatwerdung des „Wortes", H nach der praktischen Durchführung deffen, was uns ein Staatsgrundgesetz zuspricht. _ Niemals seit dreißig Jahren, jt seitdem die antisemitische Hochflut zugleich mit der agrarischen 4 Richtung unserer gesamten inneren Politik einsetzte, die letzten Fünkchen eines scheinliberalen Regimes verglommen, war einem Reichskanzler mit ehrlichem energischen Wollen und i „Willen zur Gerechtigkeit" die gleich günstige Gelegenheit ge- '4: geben, unser Recht durchzusetzen, wie dem Fürsten Bülow in >- der Maienblüte der Blockära. Aber auch unter seinem 4 Regiment gabs leider für uns deutsche Juden „Blumen, nichts als Blumen", keine Früchte, und wir waren ja von jeher so bescheiden, daß wir schon froh und fröhlich waren, Wenns nur keine Dornen und Disteln gab. Nur von diesem in der deutschen ß Judenheit wohl überwundenen Standpunkt der Selbstgenügsam keit und „Bescheidenheit" wird Man das Scheiden des vierten Kanzlers mit lebhafter Klage begleiten. Das darf auch dann ausgesprochen werden, wenn wir als deutsche Staatsbürger; ■ von allgemeinen politischen Gesichtspunkten aus in das 4 Lob des Staatsmannes Bülow, der unter den schwierigsten $ Verhältnissen für den allgemeinen Frieden, für die Größe und n das Ansehen unseres Vaterlandes Unvergängliches geleistet hat, der zum erstenmal nach langen Jahrzehnten den ernsten H Versuch unternommen hat, das Staatsschiff auch von liberalen | Wellen bespülen zu laffen, ehrlichen Herzens einzustimmen. Auch wir sind der Ansicht, daß Fürst Bülow wohl der 3| bedeutendste Kanzler nach dem Fürsten Bismarck gewesen ist, wir verkennen auch als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens nicht, daß der Antisemitismus der Straße und des Ä Radaus wenigstens in den letzten Jahren seiner Kanzlerschaft \'j etwas zurückgedämmt worden ist. Aber anderseits brauchen H wir auch ' nicht zu vergessen, daß unter seiner Minister- JrJ Präsidentschaft die Pückleriaden lange^Zeit^ünhHelligt ihre^ Orgien feiern konnten, daß das System der waWvsenMüM^W^ Weisungen vieler unglücklichen Glaubensbrüder, selbst wenn sie '" jahrelang friedlich und unbescholten-hier ihrem ruhigen Erwerb £ .nachgegang enwaren, ja wenn sie nur zu Kur- und Heilungs- || i!