Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1909)
- Date
- 1909-07-16
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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Gemeindevorstehep A. Lewandpwsky überbrachte die Glückwünsche des Hilfsvereins der Deutschen Juden, der stets die Ziele des Vereins unterstützt habe und auch in Zukunft gern mit ihm Hand in Hand arbeiten werde. Unter - Führung von. Vorstandsmitgliedern folgte hieraus eine Besichtigung des Hauses und fanden die zweckmäßigen Einrichtungen der Räume allseitige Anerkennung. Der Hilfsverein für unbemittelte jüdische Nerven- und Geisteskranke hat sich im sechsten Jahre seines Bestehens in stetiger Weise weiterentwickelt. Die zahlreichen Gesuche um Unterbringung von Patienten in die israelitische Heil- Und Pflegeanstalt zu Sayn konnten leider nicht sämtlich berücksichtigt werden. Denn einmal ist die Unterstützung, die diese Bestrebungen . von Privaten und Körperschaften erfahren, noch sehr gering, und dann kann die Anstalt zu Sahn zu den ermäßigten Pflegesätzen, die sie uns in dankbarem Entgegenkommen bewilligt, nur eine beschränkte Anzahl zur Verfügung stellen. Anderseits durften jedoch viele dringende und schwere Fälle nicht abgewiesen werden,, und so belief sich schließlich am Ende des Jahres die Zahl der Patienten doch auf 31, von deNen 29 in der israelitischen Heil- und Pflegeanstalt zu Sayn, 1 in der israelitischen Heil- und Pflegeanstalt zu Bockenheim und 1 in Privatpflege sich befinden. Im ganzen wurden während des Berichtsjahres 42 Kranke in 10 203 Pflegetagen verpflegt und meist mit gutem Erfolge behandelt. Wenn auch durch die hochherzigen Geschenke der Frau Baronin W. C. v. Rothschild in Frankfurt a. M. und der Baronin Edmond de Rothschild in Paris das Vermögen oes Vereins die Höhe von annähernd 90 0OO Mark erreicht, so kann man an den Bau einer Nervenheilanstalt doch noch nicht Herangehen. Der Vorstand des Vereins besteht aus den Herren : Bezirksrabbiner Dr. Weingarten, Ems, Vorsitzender; Dr. med. Karl Landau, Coblenz, stellvertretender Vorsitzender; Dr. med. Walth. Laqueur, Ems, Schriftführer; Dr. med. Heinrich Samter, Ems; Hermann Lehmann, Frankfurt a. M. Das Kuratorium besieht ans den Herren: Dr. med. Heinrich Beer, Arzt, München; Dr. med. Sam. Frankel, Berlin; Dr. med. Lichtenstein, Neuwied; Rabbiner Dr. Rosenak, Bremen; Louis Schloß, i. F. Leonhard Tietz, Coblenz. ---Worms, 8. Juli. Der Jahresbericht des Israelitischen Unterstützungs hereins für das 48. Vereinsjahr unterscheidet sich darin von den vorhergehenden, daß diesmal die Zahl der Unterstützungsgesuche bedeutend zugenommen hat. Unterstützt wurden in diesem Jahr 2332 Personen gegen 2117 im Vorjahre. Die Ausgaben beliefen sich auf 4925 Mark, die Einnahmen auf 7039 Mark. Die vermehrten Anforderungen an den Verein werden bedingt durch erschwerten Erwerb infolge mangelnder Arbeitsgelegenheit und durch Steigerung der Lebensmittelpreise. Das Bestreben des ^Vorstandes besteht hauptsächlich darin, verschämte Arme wirksam zu unterstützen, nach Kräften Not und Elend zu lindern sowie den lästigen Haushettel zu bekämpfen. Die Verwaltung besteht aus dem Vorstand: Rabbiner Dr. A. Stein, Hermann Herz, L. Oppenheimer, aus der Verwaltungskommission R. Dosenheirner, Salomon Honig, Siegmund Liebmann, August Scheftel, und aus den Beigeordneten I. Bodenheim, Rudolf Scheuer. — n. Heidelberg, 12. Juli. Bei dem ersten offiziellen Besuche, den vom 1. bis 3. Juli das badische Großherzogpaar unserer Stadt abstattete, wurde auch unser Bezirksrabbiner Dr. Pinkuß von dem Großherzog zur Audienz besohlen. Sogleich am Beginne derselben betonterer hohe Herr, er habe Wert darauf gelegt, auch Herrn Dr. Pinkuß bei sich zu sehen. Dann erkundigte er sich nach den Verhältnissen in der israelitischen Gemeinde Heidelberg, sowie im Bezirk und folgte mit offensichtlichem Interesse den Ausführungen, welche der Herr Bezirksrabbiner über die Ursachen der Verminderung der Landgemeinden und der oft beklagten Landflucht machte. Im Laufe der Unterredung bemerkte der Großherzog nochmals, er habe Herrn Dr. Pinkuß zu sich gebeten, um zu zeigen, daß ihm alle seine Untertanen gleich nahe ständen. Bezeichnend für die außerordentlich rücksichtsvolle Art des hohen Herrn war die Frage: „Ich habe Sie doch nicht gestört; es ist ja heute Samstag?" Da die Audienz Samstag um 1 Uhr stattfand, so konnte der Rabbiner versichern, daß der Gottesdienst längst vorüber sei. Indem der Großherzog dem Herrn Rabbiner den Segen Gottes für seine Tätigkeit wünschte und seiner Freude Ausdruck gab, ihn bei sich gesehen zu haben, schloß er die Audienz, die in der erfreulichsten Weise dartat, daß unser Fürst gegen die israelitischen Bürger seines Landes von der gleichen gerechten und vorurteilsfreien Gesinnung erfüllt ist wie sein Vater, unser unvergeßlicher Großherzog Friedrich I. — Auch zu der feierlichen Eröffnungsitzung der Heidelberger Akademie, an der das Großherzogliche Paar teilnahm, hatte Dr. Pinkuß eine Einladung erhalten. — Hofrat Professor Dr. Cantor, hier, wurde zum außerordentlichen Mitglied der neuen Akademie der Wissenschaften ernannt. --- Mannheim, 11. Juli. Die von uns vor längerer Zeit besprochene Angelegenheit des Dr. Moses, welcher von dem Vorstande des „Deutschen Vereins für Schulgesundheitspflege" seines^ alttestamentarischen Namens wegen nicht für würdig erachtet wurde, ein Referat auf der Jahresversammlung'zu erstatten, hat ihren Abschluß gefunden. Der Vorsitzende des Vereins, Prof. Griesbach in Mühlhausen i. E., mußte vom Vorstande zurücktreten; der neue Vorsitzende, Stadtschulrat Dr. Wehrhahn-Hannover, gab auf der diesjährigen Jahresversammlung in Dessau die Erklärung ab, daß der Vorstand nicht auf dem Standpunkt stehe, den Prof. Griesbach in seiner Unterredung mit Dr. Moses eingenommen habe. — Zweibrücker», 9. Juli. Die Königliche Regierung der Pfalz hat am 20. Juni d. I. eine Entschließung, erlassen, welche die dem Bezirksrabbiner Dr. Mayer erteilte Bestätigung zurückzieht. Eine ähnliche Regierungsentschließung erfolgte schon im Jahre 1907. Dieselbe wurde jedoch durch Verfügung des Königlichen Staatsministeriums des Innern für Kirchen- und Schulangelegenheiten als zu Unrecht bestehend vollständig aufgehoben. Noch mehr als damals spricht jetzt für jeden Kenner der Verhältnisse der vorliegende Tatbestand dafür, daß die neuerliche Regierungsentschließung, gegen welche sofort Beschwerde eingelegt wurde, dasselbe Schicksal erleidet. Es ist daher dringend geboten, das Resultat dieser Beschwerde abzuwarten und mit jedem voreiligen Urteil zurückzuhalten. Wann wird endlich diese leidige Geschichte zur Ruhe kommen? Gesterretch-Mnssm. LI Wien, 12. Juli. Wir haben wieder einmal zur Abwechslung eine große Krise hier in Oesterreich. Der Reichsrat ist geschlossen,, und niemand weiß, was kommen wird. In gerade schmählicher Weise haben sich aber bei diesem Anlasse wieder die Christlich-. Sozialen gezeigt. Sie haben hinter dem Rücken der „deutschen Brüder" mit der sogenannten „Slawischen Union" eine Intrige angeknüpft, um das ihnen unbequeme Ministerium zu stürzen. Ob es gelingen wird? Uns kann es gleichgültig sein. Wir haben auch von einem neuen Ministerium wenig zu hoffen und nicht mehr viel zu befürchten. — Wie der Bericht der. Baron Hirsch-Stiftung für Galizien und die Bukowina mitteilt, sind von ihr im abgelausenen Schuljahre in 47 Lehranstalten insgesamt 7557 Schüler unterrichtet worden. 33 Lehrer sind für den hebräischen Unterricht angestellt, doch bedarf gerade dieser Unterricht in den Sistungsschulen eines weiteren Ausbaues in bezug auf Umfang und Inhalt. Die Ausgaben sind von 470 626 Kronen im Vorjahrs auf 493 320 Kronen angewachsen. Bezüglich der erzielten Leistungen wird erwähnt, daß die von der Regierung delegierten Schulinspektoren durchgängig sich über die Lernerfolge günstig äußerten. Von größter Bedeutung ist, daß die. Stiftung auch den Schulentlassenen ihre Aufmerksamkeit zuwendet. Denn gerade für Galizien und die Bukowina ist die Ausbildung jüdischer Handwerker von großer Wichtigkeit. Man wird deshalb mit Befriedigung davon Kenntnis nehmen, daß die Stiftung gegenwärtig 295 jüdische Handwerkerlehrlinge unter ihrer Obhut hat. Der Fürsorge für die weibliche Jugend ist die Baronin Clara v. Hirsch-Stiftung gewidmet. Die Berichte über die von ihr unterhaltenen sechs Mädchenschulen in Bohorodczany, Burstyn, Buczacz, Kolomea, Stanislau und Tarnow lauten sehr günstig. In der Nähschule, in den Kursen für Damenschneiderei, Spitzenklöppelei, Modistenarbeit, Kontorfächer üsw., überall wurden bemerkenswerte Erfolge erzielt. Besondere Bedeutung ist auch der Dienstbotenschüle in Kolomea, welche jüdische Köchinnen heranbildet, zuzusprechen. Wie alljährlich, hat das Kuratorium auch Heuer besonders begabten