Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1909)
- Date
- 1909-07-16
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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und Rassenvorurteile der Offizierskorps bezeichnet wurde, hatnoch eine weitere interessante Entwicklung ^genommen. Dr. Mühlfelder diente beim 104. Regiment »Kronprinz" Hier. Er beantragte Weihnachten 1907 beim Bezirkskommandoseine Zubwahlstellüng zum Reserveoffizier. Auf dieses Gesuch bekam, er einen Fragebogeuzü- .,. gesandt, den er sogleich ausfüllte; Aber es gingen viele Monate, darüber hin, ehe er über sein 'Gesuch etwas hörte. Im August 1908 wurde er von dem Bezirkskommandö ersucht^ gelegentlich einmal bei der Offiziersabteilung, uüd zwar bei dem vertretenden Oberstleutnant sich zu Melden. Dieser 'Herr empfing ihn, als er der Aufforderung nachkam, in sehr höflicher und konzilianter Weise; er erklärte, er habe von seinem Vorgänger das Gesuch ganz unerledigt bekommen, und er fragte ihn, ob er noch ein Interesse daran hätte, zur Wahl gestellt zu werden. Als er dies bejahte, wurde ihm die weitere Mitteilung, daß nunmehr sofort die Angelegenheit in die Wege geleitet werden würde. Er wurde dann aufgefordert, im September an den Ofsiziersgesellschaften teilzunehmen. Das hat er getan. Auf seine Erkundigungen ist ihm mitgeteilt worden, daß er allgemein gefallen habe, daß nichts gegen ihn vorliege. Aber nach einiger Zeit nahm ein Vorstandsmitglied der.Offiziersgesellschaft seiner Versicherung nach lediglich aus freiem Antrieb und persönlichem Interesse, ohne jeden Auftrag von irgendwelcher Seite — mit ihm über feine Angelegenheit Rücksprache und erklärte ihm, er habe doch den Eindruck gewonnen, als ob er wegen seines Glaubens bei der vorzünehmenden Wahl möglicherweise ab gelehnt werden könne, und er empfehle ihm deshalb, sein Gesuch zurückzuziehen. Er hat das nicht getan, und die Wirkung war, daß am 11. Januar d. I. ihm die Mitteilung zuging, daß er nicht gewählt worden sei. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat aus diesem Anlaß eine Beschwerde an den sächsischen Kriegsminister gerichtet und daraufhin unterm 28. April d. I. folgenden Bescheid erhalten: „Auf das Schreiben vom 4. März 1909 teilt das Kriegsministerium mit, daß. nach Prüfung der Verhältnisse, der Beschwerde über die Verzögerung der Zurwahlstellung des Vizefeldwebel der Reserve Mühlfelder eine Berechtigung nicht abgesprochen werden kann. Der kommandierende Herr General ist veranlaßt worden, die Wahl für ungültig zu erklären und eine neue Wahl anzuordnen. Königlich Sächsisches Kriegsministerium. Gez.: Freiherr v. Hausen." And nun kommt das Merkwürdige und zugleich tief Beschämende: Die Neuwahl wurde auf den 11. Mai d. I. anberaumt und hatte zum Ergebnis, daß — wie das Bezirkskommando Chemnitz Herrn Rechtsanwalt Dr. Mühlselder wörtlich mitgeteilt hat — „von 87 anwesenden Offizieren 86 Herren Dr. Mühlfelder als nicht geeignet zum Offizier des Beurlaubtenstandes gehalten haben". Daß die Ablehnung ausschließlich aus konfessionellen Motiven erfolgte, ist sonnenklar; zum Ueberfluß hat das Vorstandsmitglied der Offiziersgesellschaft es bei der ersten Wahl noch ausdrücklich bezeugt. M. Hainburs, 8. Juli. In der unter Vorsitz des Herrn I. Alexander stattgehabten Sitzung des Repräsentanten- Kollegiums der Israelitischen Gemeinde wurde zunächst Herr D. Münden anstelle des zum zweiten Vorsitzenden erwählten Herrn Dr. Samson zum ersten Schriftführer ernannt. Sodann gelangte .ein Schreiben des Gemeinde-Vorstandes zur Verlesung, daß er dem Ersuchen des Repräsentanten-Kollegiums, dahin zu wirken, daß alle in Hamburg ansässigen Juden Mitglieder der Gemeinde sind, aus verschiedenen Gründen nicht beitreten könne. Dieser ablehnende Bescheid rief eine längere, teilweise sehr lebhafte Debatte hervor, in welcher betont wurde, daß die Stellungnahme des Vorstandes umso eigentümlicher berühren müsse, als der Beschluß in einer gemischten Kommission unter Zustimmung des Kommissars des Gemeinde- Vorstandes gefaßt wurde, und zwar mit Rücksicht auf die Hebung der Gemeinde-Finanzen. Das Ergebnis der Beratungen war die Annahme eines Antrages, wonach der Gemeinde-Vorstand um Entsendung von^ Kommissaren zwecks gemeinsamer Beratung der finanziellen Verhältnisse der Gemeinde ersucht wird. Sodann erstattete Herr Dr. H. C. Plaut den Bericht der Bibliotheks-Kommission, in welchem er mitteilte, daß es nach längeren Verhandlungen gelungen sei, die Errichtung einer allgemeinen jüdischen'Bibliothek und Lesehalle zu sichern. Da der Gemeinde-Vorstand erklären ließ, daß die Errichtung des Instituts aus Gemeindemitteln vorläufig aussichtslos sei, baß^en-aher berer^^sei;' einem privaten Institut /die 'Gemeinde- Bibliothek leihweise zu überlassen und eine Subvention zu gewähren sei die. Gründung einer Gesellschaft zu einer Lesehalle und Bibliothek beschlossen worden. Die Versammlung erklärte sich mit dem Bericht -einverstanden und ersuchte zugleich den Gemeinde-Vorstand, - dem Kollegium.baldigst eine Vorlage zur Subventionierung des Unternehmens /zugehen j zu lassen. Bei .den an? Schluß borgen ommeNen Wahlen wurden die ausscheidenden Mitglieder der Armen-Kommission. die Herren Max Jelenkiewicz, H. Lewin, Ed. Meyer und Albert Wolfs wieder-j -Herr Otto Joschua in die Verwaltung des Altenhauses neugewählt. ■■•■■■*.? Ll Hamburg- $. .Juli.-.. Der-aüdischeu Moh-ltätigkeitchaben'-Kch heute die Pforten eines Hauses geöffnet, das dazu^ dienen soll; um bedrückte Arme gastlich aufzunehmen, die Nackten zu bekleiden und jedem menschlichen Elend nach Kräften zusteuern. Der- Israelitische Unterstützungsverein für Obdachlose sieht jetzt aus eine 25jährige/Tätigkeitzurück, im Jahre 1884 wurde er unter den schwierigsten Verhältnissen von demLehrer Daniel Wormser ins Leben gerufen, eine segensvolle-Arbeit-hat dieser -Verein in diesen 24 Jahren geleistet, über 400 000 Menschen haben in irgendeiner Weise Hilfe erhalten. Die Beherbergung der Obdachlosen machte stets besondere Schwierigkeiten. . Wormsers Hoffnung rvar stets auf den Erwerb eines eigenen Hauses gerichtet, aber die Geldmittel , waren nicht zu beschaffen. .Vor etwa einem Jahrzehnt starb der unvergeßliche Daniel Wormser,.ohne seinen Wunsch-erfüllt zu .sehen, aber der Vorstand des Vereins, begeistert durch sein Vorbild, und Wirken und gedrängt durch die Notwendigkeit, behielt den-Plan fest im Auge, dessen Erfüllung ihm jetzt gelungen ist. In günstiger Lage, in. der Westerstraße, in nächster Nähe des Hauptbahnhosrs, .konnte ein Haus erworben werden, welches unter der Leitung des Architekten S. Engel umgebaut und vergrößert,- für alle Zwecke des Vereins dienstbar gemacht -worden ist. Im.- sorgsam ausgebauten Keller finden sich modernste. Badeeinrichtungen, Voll- und Duschebäder sowie ein Desinfektionsapparat, Die hinteren Räumlichkeiten des Kellers dienen. als Lagerräume für die Bekleidüngsgegenstände, die der Verein ans. ganz Deutschland für die Bedürftigen sammelt. Im Parterre befindet, sich die große Küche, von wo aus durch Schalter das Essen direkt in den anstoßenden großen Speisesaal gereicht wird. Dieser Speisesaal dient gleichzeitig als Aufenthaltsraum am Tage. Daneben befinden sich die Bureauräume. Ein kleiner Hosraum hinter dem Speisesaal bietet Platz zum Ergehen und für die zu errichtendeLaubhütte. Drei Etagen bieten in großen und kleinen Zimmern luftige Schlafräume für zirka 35 Personen, einfach und gediegen ausgestattet, mit . größter Rücksicht auf alle gesundheitlichen Erfordernisse, soll und wird dieses Haus eine Musteranstalt werden, in der die armen Wanderer fühlen sollen, daß sie als Brüder behandelt werden. Gestärkt mit frischem Mut für den weiteren Lebenskampf werden sie das Daniel Wormser-Haus verlassen. Die Einweihung des neuen Heims fand .gestern mittag statt.- Außer den Gönnern und Freunden des Unternehmens hatten sich Mitglieder des Gemeindevorstandes und Delegierte der Gemeindeinstitutionen eingefunden. Der Vereinsvorsitzende, Herr . Rechtsanwalt I. Alexander, begrüßte die Eingeladenen, gedachte der Männer, durch deren Initiative es möglich wär, dieses Haus zu errichten. Der verewigte Oberrabbiner M. Hirsch war' es, der durch seinen unermüdlichen Eifer die Bestrebungen des. Vereins stets förderte, der Philanthrop Baron Hirsch, der die Ziele des Vereins viel weiter führte als es ursprünglich selbst, von dem unvergeßlichen Begründer des Vereins, Daniel Wormser, zu dessen Andenken dieses Haus errichtet wurde, beabsichtigt gewesen sei. Er gedachte weiter des Herrn Herm. Pinkus, der durch eine größere Summe den Grundstock zu dem Hause gelegt hatte. Der Redner warf dann einen Rückblick aus die Geschichte des Vereins, seine Ziele und Bestrebungen. Nachdem der Vorsitzende den Hausvater in sein Amt' eingeführt hattet hielt Herr Rabbiner Dr. Nobel die Weiherede; Er betonte, daß es einer eigentlichen Weiherede für dieses Haus nicht bedürfe, denn mit dem Augenblicke, wo der erste Arme gastlich ausgenommen und mit Speise und Trank erquickt werde, habe das Haus seine religiöse Weihe empfangen. Er erflehte den Segen Gottes für die neue Institution die er dem Schütze der Behörden üüd der Gemeinde empfahl. Herr