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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-07-16 · Heft 29 (16.7.1909) · p. Seite 347

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 29 (16.7.1909)
Date
1909-07-16
Page
Seite 347 (sequence 11)
Language
German
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sie nicht Fräulein Friedsohn, Tochter des Sanitätsrats Friedsohn--sondern nur Agathe Friedsohn, glattweg Agathe, und konnte ihre Kräfte regen und sich und den ihrigen eine Existenz zu erringen suchen. Ueber Erwarten rasch gelang ihr das. Sie Hatte nach wenigen Mönäten sich eine kaufmännische Ausbildung angeeignet, die sie zur Uebernähme einer Stellung in der großen Fabrik von' Ehricke u. Co.' befähigte. Durch ihre Intelligenz und Zuverlässigkeit gewann sie das Vertrauen ihres Chefs und kam bald in die Lage, soviel zu verdienen, daß sie mit dem Zuschuß des kleinen Vermögens, das sie besaßen, einen wenn auch auf die' bescheidensten Verhältnisse beschränkten, doch möglichen Hausstand führen konnten. Freilich, an das, was einst war, an das ruhige, gesellige Sänitätsrütsheim durften sie nicht denken ... nicht vergleichen, nicht zurückschauen, vorwärts blicken, vorwärts schreiten, das war Agathes Wahrspruch. Die kränkliche etwas apathische Mutter fügte sich, ebenso die romantisch veranlagte Schwester, und so war es Agathe, die die Verantwortung für die Familie allein trug. Aber das Glück war ihr hold. Der Prokurist des Hauses Ehricke m Co., Alfred Steinfeld, verliebte sich in sie und bot ihr seine Hand an. Sie ging freudig darauf ein, das Weib dieses tüchtigen, feinen und gebildeten'Mannes zu werden, als er sich bereit erklärte, ihre Fürsorge für Mütter und Schwester nicht zu beeinträchtigen, sondern zu unterstützen. Frau Sanitätsrät Friedsohn war überglücklich, ihre Tochter so gut versorgt zu sehen.. . . nun durfte man auch für Else etwas hoffen. Nicht zu lange aber durfte sie sich dieses Glückes, erfreuen, sie starb einige Monate, nach Agathes Hochzeit, und seitdem lebte die Schwester ganz in ihrem Hause. Bilder der Erinnerung, zogen an ihrer Seele vorüber, als sie den Brief des Gatten in der Hand, vor sich hinträumte. Wie hatte sich alles so gut und erfreulich gewendet! Sie hatte ein zufriedenes Heim, zwei liebliche Kinder und einen zärtlichen Gatten . . . mit rascher Bewegung entfaltete sie jetzt sein Schreiben und las halblaut: „Meine angebetete Agathe!" „Dein letzter Brief hat mich ein wenig beunruhigt.. Er machte mir den Eindruck, als seist Du zerstreut, und als gehöre mir selbst die kurze Stunde nicht ausschließlich, die Du zu Deinen Mitteilungen an mich benutzest. Was beschäftigt, was erregt mein geliebtes Weib in dem Maße, daß ich um den kargen Genuß komme, sie im Geiste ein Weilchen nur mit mir beschäftigt zu wissen? Hast Du Aerger oder Beschwerde, macht die Wirtschaft Dir Mühe, oder sind die Kleinen nicht ganz munter? Sage doch Lucie, daß ich ihr in Warschau eine reizende Puppe gekauft habe, und daß sie Papa nicht vergessen möge, und den dummen kleinen Erich küsse für mich tausendmal. Wie entwickelt sich der Junge? Sind alle Zähnchen schon durchgebrochen, ist er tüchtig auf den dicken Beinen und plappert er ebensoviel wie Lucie in seinem Alter? Du hast wohl kaum eine Ahnung, wie alle diese Dinge mich interessieren, und ich bedattre, daß ich meinen Jungen in diesen ersten Entwicklungsphasen nicht beobachten kann — ä propos, liebstes Herz, hat er die garstige Angewohnheit, immer an seinen Fingerchen zu saugen, schon abgelegt? Du siehst, daß jede Kleinigkeit mich interessiert und beschäftigt. Ich habe trotz meiner' anstrengenden Tätigkeit hier unendlich viel Zeit zum Nachdenken. — Daß Du Else seit meiner Abreise verändert findest, ist in der Tat merkwürdig. Grüße die romantische, hübsche Schwägerin recht herzlich von mir, und sage ihr, die Polinnen seien durchaus nicht .so schön, wie man ihnen nachrühmt, wenigstens nicht die, die ich hier in Wilamowa sehe. Das Leben ist hier monoton, wie in einer Einsiedelei,, trotzdem die Stadt volkreich und sehr industriell ist. Wo es an geistige Anregung, an höheren Interessen und Ideen fehlt, wird ein Kulturmensch sich stets vereinsamt fühlen, wenn. er auch inmitten von Tausenden ist. Und das ist hier der Fall. Es gibt hier nur ein Interesse: der Gelderwerb. Jeder andere Standpunkt fehlt, und in diesem rastlosen, nimmer müden materiellen Kampf geht alles übrige unter. — Die Einheimischen suchen von den Ausländern, die sich hier angesiedelt haben, zu profitieren, und diese betrachten ihren Aufenthalt als eine Art von. Verbannung, die um so rascher beendet ist, je schneller sie große, materielle, geschäftliche Resultate erzielt haben. So geht es mir, so geht es jedem! Das Wort „am Golde hängt, nach Golde drängt doch alles", findet in Wilamowa ganz besondere Verwirklichung, obwohl es nur Rubelscheine sind, die hier das Gold bedeuten. Jetzt aber, liebste Agathe, zunächst: falls Du Geld brauchst, lasse Dir von Grosser 500 Mark holen. Du sollst niemals auch nur eine Stunde in Verlegenheit sein. Mein lieber, kluger Rechenmeister hat nach dieser Hinsicht genug geleistet für alle Zeiten, und dann: gib acht, es kommt die Hauptsache! Wie wäre es, wenn Du — nein wirklich/ wenn Du . . . mich hier einmal besuchtest? Die Kinder sind in dem Alter, wo Du sie in Elses Schutz, bei der Zuverlässigkeit unseres Mädchens auf zwei bis drei Wochen ruhig zurücklassen könntest. Tägliche Mitteilungen, oft telegraphische, könnten uns über ihr Ergehen beruhigen, und ich, ich sähe Dich wieder, liebstes Weib. Das gäbe mir neue Frische, neuen Mut, weitere Ausdauer. Meine Wohnung ist groß genug für uns beide. Ein Wohnzimmer mit Balkon, ein geräumiges Schlafzimmer daneben, alles primitiv zwar, aber so, daß zwei Menschen, die zusammen gehören und sich lieb haben, fidel und bequem darin hausen könnten. Es wäre auch eine Abwechslung für Dich, die Berlin niemals verlassen, andere Gegenden, andere Menschen kennen zu lernen! Es mangelt hier nicht an Gelegenheit, mancherlei Eigentümliches und Fremdartiges zu beobachten; für den Besucher, der nur vorübergehend' hier weilt, fehlt es nicht an ganz eigenartigen Eindrücken. Jedenfalls wird es Dir Zerstreuung gewähren, einmal etwas anderes zu sehen. Trotz der Nähe^ der preußischen Grenze ist hier schon alles ganz russisch oder polnisch. Und endlich — diese äußeren Anregungen außer Betrachl, nehmt alles nur in allem: Du kommst zu mir! In allen Unbequemlichkeiten, an denen es nicht fehlen kann, werden wir Quellen der Heiterkeit und der größeren Intimität finden. Du siehst, ich werde ganz unvernünftig, mein Lieb! Ein Glück, daß ich augenblicklich Deine vorwurfsvollen Augen nicht sehe — nicht vorwurfsvoll, nicht wahr? sondern froh und strahlend! Ich erwarte Deine Antwort, um Dir weiteres über Zeit und Reise zu schreiben. Ich küsse Deine gesegneten Hände, Deinen lieben Mund und bin Dein Alfred.—" „Gruß an Else, den Gören tausend Küsse auf Augen, Wange ünd Mund." (Fortsetzung folgt.) Syrechsaal. Geehrter Herr Redakteur!' den Briefen von Ernst v. Pfuel an Caroline Fouque über Marianne Saaling kann ich Ihnen noch einen interessanten Nachtrag geben, der bei der ersten Publikation nicht mitgedruckt wurde. Nach dem Absatz über den ungarischen Grafen Apponyi, den Verehrer von Marianne Saaling, folgt im Original nämlich noch dieser Satz: „Die Sentimentalität ist das Steckenpferd, das er mit vorzüglicher Anmut tummelt; er ist die Aufmerksamkeit, hie Verbindlichkeit selbst

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