Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-07-16 · Heft 29 (16.7.1909) · p. Seite 346

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 29 (16.7.1909)
Date
1909-07-16
Page
Seite 346 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228852-3228882--65705-3277845
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

„Ich verstehe es aber nicht; mir ist das alles so fatal und lästig." ' „Aber es läßt sich doch nicht ändern! Man kann von diesen/' dem Erwerb nachjagenden Leuten, von diesen nur mit praktischen Dingen beschäftigten Menschen für die Geschäftsstunden nicht den Umgangston des Salons erwartent" sagte er scherzhaft, um ihn zu begütigen. „Ich will das nicht bestreiten; aber ich kann mich: nicht darein finden. Ich erkenne Ihren regelmäßigen Fleiß, Ihre Pedantische Gewissenhaftigkeit gern an; aber Sie werden mir zügestehen, daß für mich dieser Kleinkram wenig Anregung bietet." Solche Gespräche hatten sich einige Male wiederholt, ohne daß eine Aenderung eingetreten wäre, und Steinsels sah mit Schrecken einen Stillstand im Geschäftsbetrieb, und nun sollte sich das mit einem Schlage ändern. Er sagte sich, daß wagen gewinnen bedeute, daß er, jung und tatkräftig, verpflichtet sei, besonderes zu leisten. Er hielt sich vor Augen, wie viel eher man vorwärts kommen könne, wenn man neue einsame Pfade aufsuche, sich mit starkem Arme einen Weg bahne, als wenn man im Gedränge und Gewühl der übervölkerten Straßen einhertrotte. Das war doch etwas anderes, frei und uneingeengt sich zu betätigen, einen fast jungfräulichen Boden zu bebauen und fruchtbar zu machen und die Ernte dann einzuheimsen. Er dachte an diejenigen, denen solches geglückt, und er sah sich im Geiste als einer von ihnen. — Grosser beobachtete gleichmütig den Kampf: der in Steinfels Herzen hin und her wogte und sich auf dessen Antlitz spiegelte. Nachdem er ihm einige Minuten Zeit zum Nachsinnen gelassen, sagte er: „Haben Sie geschäftliche oder persönliche Bedenken, wenn Sie von Schwierigkeiten sprachen? . . ." „Mit den persönlichen muß ich allein fertig werden" . Sein Entschluß war in diesem Augenblicke gefaßt. „Ich müßte mich allerdings von meiner Familie trennen, sie auf Monate, vielleicht auf Jahre allein lassen, das aber dürste und würde mich nicht hindern, wenn es sich darum handelt, ihnen ein sorgenloses, angenehmes Leben zu schaffen. Ich darf erwarten, daß meine Frau einsichtsvoll genug sein wird, die Last der Verantwortung, die ihr dann für unser Haus allein zufiele, zu übernehmen. Doch wie gesagt, das sind Privatangelegenheiten, Herr Grosser, mit denen ich Sie nicht zu belästigen habe. Wir wollen uns mit den geschäftlichen, viel bedeutungsvolleren Fragen beschäftigen, die dieser Plan im Gefolge haben muß." . „Aber mein lieber Steinfels, Sie machen sich Ihrer Gewohnheit gemäß ganz unnötiges Kopfzerbrechen. Wie sollen 'wir hier in dem hunderte Meilen vom Schauplatz entfernt gelegenen Kontor solche Dinge erledigen können. Das wäre doch zu theoretisch und würde in der Praxis sich ganz anders machen. Ich schlage vor, daß wir uns an Ort und Stelle darüber informieren, ehe wir festen Beschluß fassen" . . . Diese Einwendungen waren begründet. Steinfels mußte das zugestehen und warf daher die Frage aus: „Und das hiesige Geschäft?" Ein halb spöttischer, halb lauernder Zug spiegelte sich in Grossers Gesicht wieder. — „Das hiesige Geschäft, mein Lieber? Ja, glauben Sie, daß es durch mich und Arnold nicht genügend vertreten sein würde?. Ihres Rates und Einflusses brauchten wir ja nicht zu entbehren, während Sie abwesend find.. Korre? spondenz und Telegraph sind ausreichende Hilfsmittel, überdies sind wir doch seit Jahr und Tag mit dem Gang desselben vertraut und endlich . wenn wir dort reüssieren, wäre es eigentlich kein Verlust, wenn nach und nach das ganze Interesse sich dort konzentrierte." '. . . Der schlaue Mann hatte etwas zu rasch Farbe bekannt. „Das ist ein Vorschlag, auf den ich durchaus nicht eingehen möchte. Das hiesige Geschäft muß. erhalten bleiben. Ich sichere nur dadurch die Möglichkeit der Rückkehr. Es liegt nicht in meiner Absicht, mit Weib und Kind mich ganz uüd gar in Rußland niederzulassen . . . Auf einige Jahre, die nach tüchtiger, wohl auch harter Arbeit mir eine erfolgreiche, gute Heimkehr ins Vaterland in Aussicht stellen, das ist etwas, was ich zu wagen, zu unternehmen verpflichtet bin . . ." „Aber davon kaun ja gar nicht die Rede sein," suchte Grosser einzulenken. „Was ich vorhin sagte, war nur die Einwirkung des besonders ungünstigen Geschäftsresultates der letzten Monate — das geht vorüber. Es gibt oftmals solche Stagnationen. Wenn Sie Nicht da sind, muß ich mich naturgemäß mit den Geschäftsangelegenheiten mehr befassen. Jetzt weiß ich ja, daß ich mich auf Sie verlassen kann, glauben Sie, daß man so mir nichts, dir nichts, ein immerhin ganz gut eingeführtes Etablissement aufgibt? — seien Sie unbesorgt." . . . „Aber Sie sagten doch selbst" . . . ' „Ah, das waren Zukunftsbilder rosigster Färbung — Aussichten, mit denen wir unsvorläufig nicht zu irritieren brauchen, und ich denke, wir' fassen das Nächstliegende ins Auge: das hiesige Geschäft vott Ehricke und Komp. — Inhaber Edmund Grosser und Alfred Steinfels, legt eine Zweigniederlassung jenseits der russischen Grenze an, deren Leitung Sie übernehmen." Wieder entstanden bei diesen Worten die herrlichsten Zukunftsträume in Alfreds Phantasie, und als jener nach kleiner Pause fragte: „Sind Sie damit zufrieden?"- reichte ihm Steinfels die Hand zur Bekräftigung seiner Zustimmung, die er nur mit einem Worte ausdrückte: „Einverstanden!" Als er nach einer weiteren halben Stunde das Privatkontor verließ, war das Unternehmen beschlossene Sache. Frau Agathe Steinfels saß am Fenster ihres zierlich ausgestatteten Zimmers und blickte zerstreut vor sich hin. In der j Handdie lässig auf ihrem Schoße ruhte, hielt sie einen Brief, den sie vor kurzem erhalten und gelesen hatte. Ein anderer lag noch uneröffnet aus dem Nähtischchen, das mit allerhand niedlichen Dingen beladen, auf der Estrade am Fenster stand. Das kleine Zimmer verriet den Geschmack einer Frau, die. den Aeußerlichkeiten des Lebens genügende Aufmerksamkeit schenkt, selbst wenn ihr dasselbe schwere Pflichten auferlegt. Sie hatte, als die Tochter eines Sanitätsrates in einer kleinen Stadt der Provinz Posen, eine gute Erziehung genoffen, und in den besten Kreisen des Ortes verkehrt. Nach, dem plötzlich erfolgten Tode des Vaters, der seiner. Familie fast nur ein ganz kleines Vermögen zurückließ, war sie mit der Mutter und einer jüngeren Schwester nach Berlin gezogen, in der Hoffnung, daß es ihr hier leichter gelingen würde, für Mutter mund Schwester zu sorgen. Vor allen Dingen ohne jener traurigen Deklassierung anheimzufallen, der Witwen und Waisen aus höheren Ständen, so leicht ausgesetzt sind, wenn eines Tages der Ernährer und Beschützer von ihnen genommen wird, dessen soziale Stellung die Familie mit emporgetragen. Der Gedanke war dem stolzen Sinn des jungen Mädchens fürchterlich. In Berlin konnte sie arbeiten, eine oder die andere ihrer Fähigkeiten äusnützen . . . niemand kannte sie dort ... da verschwanden sie im Strom-der großen Menge . . . da war

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.