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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-07-16 · Heft 29 (16.7.1909) · p. Seite 343

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 29 (16.7.1909)
Date
1909-07-16
Page
Seite 343 (sequence 7)
Language
German
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343 dem Vorsitzenden den Dank der Versammlung für die glänzende Leitung ausgesprochen, hatte» einen Dank,! dem sich der Vertreter des Lehrer Vereins für Schlesien- und Posen» Kollege Hamburger-Brieg. anschloß, erklärte der Vorsitzende die Generalversammlung für geschlossen. Der : ernsten Arbeit, folgte dann in den Räumen der „Lessing- Lvge" das fröhliche Mahl, vom Ortskomitee der Kollegen gespendet. - : gez. H. Fabisch» Schriftführer. 7 G ö t ting en, Juni 1909. 7 Wr Geiftrsltörungrn brr dm Juden. nter diesem Titel hat Dr, Max Sichel, Assistent an der unter Leitung des bekannten Psychiaters Professor Dr. Sioli stehestden städtischen Irrenanstalt in Frankfurt a. M., soeben eine ttimsch-historische Studie erscheinen lassem (Leipzig M.. W. Kaufmann), welche zu der vielbesprochenen Frage neues statistisches Material beibringt. In dem vom Geheimen Medizinalrat Professor Dr. Emänuel Mendel begründeten und jetzt von seinem Sohne Dr. Kurt Mendel geleiteten „Neurologischen Zentralblatt" hat der Verfasser in diesem Jahre bereits den historischen Teil seiner Untersuchungen unter dem Titel „Psychiatrisches aus der Literatur und Geschichte des jüdischen Volkes" vorher erscheinen lassen. Dr. Sichel hebt mit Recht an mehreren Beispielen hervor, wie die Bibel stets vor dem Alkohol als einem Geistesstörung verursachenden Faktör warnt. König Saut wird als Psychopath geschildert, und den Visionen der Propheten ein besonderes Kapitel gewidmete Aber mit dem berühmten Leipziger Völkerpsychologen Wilhelm Wundt dürfen wir wohl heute als die Ursache der prophetischen Kraft höhere Triebfedern annehmen, denn die historisch wirksame Gestalt des Propheten ist nur möglich, ,-wenn gewaltige religiöse und sittliche. Antriebe die Regungen auslösen, welche die Reihe der visionären und ekstatischen Zustände mit sich 'führen. Der echte Prophet kann (nach Wundt) „nur da auftretenwo gewaltige, die Gemüter ergreifende religiöse Bewegungen und nationale Ereignisse in geistig Hervorragenden Persönlichkeiten zu jener abnormen Gesamterregung des seelischen Lebens führen, die dann allerdings als eine Begleiterscheinung zugleich eine Steigerung der Sinnesfunktivnen mit sich führt, aus der die Wachvision hervorgeht.".... Geisteskranken allerdings pflegt die Geschichte keine Denksteine zu setzen, es müßte denn sein, daß von ihnen Kräfte ausgehen, die mächtig in die Radspeichen des Weltumlaufs eingreifen. „Alle Welt" -- schreibt Sichel — „ist sich darüber einig, daß Mohammed Epileptiker war, und doch hat er ein» Werk geschaffen, das nach menschlicher Voraussicht von ewiger Dauer sein wird," /Mit Grätz nimmt der Verfasser auch bei den jüdischen Kabbalisten des 16. Jahrhunderts -eine psychischkrankhafte Veranlagung an, denn der Gemütszustand ihrer Zeitgenoffen, namentlich im südlichen Europa „war. ohnehin", schreibt Grätz, „aufgeregt, exzentrisch und unberechenbar geworden. Täglich und stündlich die Seelenqualen erdulden, Religionsgebräuche mitmachen zu müssen, die sie im Grund ihrer Seele verabscheuten und im Versteck die Riten des Judentums unter Seelenangst vor Entdeckung zu beobachten: es war kein Wunder, wenn manche unter ihnen das Gleichgewicht ihrer Seelenkräfte verloren und in wahnsinn-ähnliche Zustände verfielen." Bei diesem Anprall feindlicher Kräfte, welche dem Judentum im Verlaufe seiner Geschichte aus fast allen Lagern gegenübertraten, ist es fast zu verwundern, daß noch heute der Prozentsatz jüdischer Geisteskranker nur um rin Geringes höher ist-. als der normale Prozentsatz nach dem Status der Bevölkerung. Die Lebensbedingungen, unter denen die Juden jahrhunderte- J läng, namentlich im Mittelaller, die Last des Daseins trugen, H Not und Entbehrungen, die sie erdulden, die Schreckenszeiten j grausamer Verfolgung, die sie durchmachen mußten, waren D zweifelsohne dazu angetan, ein Nervensystem, sei es von Haus I aus noch so widerstandsfähig, zu erschüttern. jj Haben wir es doch jüngst gelegentlich der furchtbaren % süditalienischen Erdbebenkatastrophe miterlebt, wie rapide die / Zahl der Geisteskranken infolge dieser Ereignisse in den heim- I gesuchten Gegenden gestiegen ist. „Aber," sagt Sichel, „das H mit jeder (?) Hygiene im Widerspruch stehende Leben in den -j Ghettos hat für die Juden seit mehr denn hundert Jahren aufgehört. Mit der neuen Aera begann für sie Pas große Wettrennen im Kampfe ums Dasein: unter doppelten An- I strengungen sollte das eingeholt werden, was sie jahrhundertelang teilweise ganz entbehren, teilweise nur vorübergehend ihr . 3ji eigen nennen dürsten: Bildung und Besitz. Der Uebergang war zu schroff, als daß'er ohne Schaden vonstatten gehen konnte. Kein Wunder, daß gerade jetzt mancher Unterlag und auf der Wahlstatt liegen blieb. Wir sind geneigt, dieser lieber- S gangsperiode mit ihren größeren Ansprüchen an die physische | Persönlichkeit eine viel schwerwiegendere Bedeutung beizulegen Hi als der jahrhundertelangen Abgeschlossenheit mit all ihren J Mißhelligkeiten. .." ’ ' 1 Daß es übrigens ini Ghetto gar keine Hygiene gegeben H haben soll, möchten wir billigerweise bezweifeln; jedenfalls sollte aber einmal genauer die kürzlich von Hirschberg in der „Zeitschrift für Demographie und Statistik der. Juden" ge- D gebene Notiz nachgeprüft werden, wonach die Verbreitung des Hi Selbstmordes unter den Juden in Ungarn und Galizien am geringsten ist. Sichel bleibt aber nicht bei seiner (vor ihm Hi ja schon von Professor Ziemssen in München in eindrucksvoller "ii Weise aus den.'erschwerten Kampf ums Dasein zurückgesührten) H- Klage über die Zunahme der Psychosen bei den Juden stehen; er gibt-auch am Schlüffe seiner beachtenswerten Arbeit einige H Heilmittel für eine Besserung dieser Zustände an. H Es heißt da: „Was Jahrhunderte gefehlt haben, können 'Jahrzehnte nicht wieder gut machen. Wenn nicht die Zeichen trügen, ist in letzter Zeit ein kleiner Rückgang der Geistes-. Hi krankheiten bei den Juden -zu bemerken. In manchen Ländern, H wo die Juden unter, günstigen Bedingungen leben, treten keine ,7- Hervorspringenden Differenzen mit der Umgebung in dem Anteil i an den Geistesstörungen zutage, wie z. B. in Amerika. Merk-^ M würdigerweise findet sich in letzterem Lande aber' gerade die s schwerste aller Gehirnkrankheiten, die fortschreitende Paralyse, > die zumeist auf Syphilis beruht, bei Juden weit häufiger als H in den Ländern des Ostens. Nur in Wien war auch der An- 7 . teil der Juden an der Paralyse sehr groß; unter 200 Para- H lytikern zählte Hirschberg 20 Prozent Juden. Es ist übrigens hierbei zu bemerken, daß im Gegensatz zu Sichel, ein -7 Psychiater von Ruf wie Emanuel Mendel, als Ur- H fache der Paralyse nicht immer Lues, sondern auch Kummer, 7 Sorge und plötzliche Schicksalsschläge annimmt.. Sichel hebt i aber noch hierbei ein wichtiges Moment hervor, indem er H sagt: „Daß die Paralyse bei den jüdischen Frauen überaus I selten vorkommt, entspringt zweifelsohne aus dem hohen sitt- 7 lichen Niveau der jüdischen Weiblichkeit .. ." 4f Zum Pessimismus, der ja auch ohnehin nicht tiefer im jüdischen Charakter begründet ist, liegt also für uns heute gar keine Veranlassung vor. 1 Im Gegenteil, die Bilanz steht im ganzen für uns Juden günstig. Hat Hochein Forscher, wie Hoppe, schon 1903 den

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