Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1909)
- Date
- 1909-07-16
- Page
- Seite 340 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228882--65699-3277839- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die Lage der Juden rn Marokko wird durch die Kämpfe zwischen Muleh Hafid und seinen Brüdern immer trauriger. Namentlich in Fez> haben sie viel -zu leiden. Die politische Verworrenheit der Verhältnisse hat für die Juden des Landes natürlich ganz besonders traurige Folgen. Alle Juden, die ihr Geschäft im arabischen Viertel betreiben, bleiben im Mellah eingeschlossen. Man geht einer regelrechten Belagerung entgegen. Das Aufhören des Geschäftsbetriebes ist von weitgehenden Folgen für alle diejenigen, die, tatsächlich von der Hand in den Mund leben.. Die prachtvolle Ernte, die ein Jahr 'des Ueberslusses versprach, ist. zum größten Teil , vom Feuer zerstört worden. Der Preis für Weizen wurde sofort verdoppelt und wird wahrscheinlich noch mehr steigen. Eine ähnliche Teuerung hat auch alle anderen Zerealien betroffen. Wie dies immer der Fall ist, so ist auch diesmal das Judenviertel am meisten in Mitleidenschaft gezogen, und man fürchtet eine Wiederkehr des traurigen Zustandes von vor zwei Jahren. , ,V. .. Ullgkinriner Deutscher Lsntorenoerband. m 1. v. M.. fand. zu. Breslau in den von der Synagogengemeinde in liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellten Räumen des Reprästntantenkollegiunis die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Kantorenverbandes statt. Es hatte sich dazu eine stattliche Zahl von Mitgliedern und Gästen aus allen Gauen des Vaterlandes eingefunden. Einige Kantorenvereinigungen hatten Abgesandte geschickt; auch der Verein der Lehrer für Schlesien und Posen war durch zwei Kollegen; Moops-Breslau und Hamburger- Weg, vertreten. Ebenso bekundete die jüdische Lehrerbildungsanstalt zu Hannover ihr Interesse an den Verhandlungen des Verbandes .durch Entsendung, ihres Fachlehrers für das Kantorat, des-Seminarlehrers Lepisohn. Als. Vertreter des D. J.-G. B. war Herr Sanitätsr-at Dr. Reich-Breslau, erschienen, während der Vertreter der Synagogen> gemeinde Breslau leider im letzten Augenblick durch Unwohlsein verhindert war, an der Versammlung teilzunehmen. Um V2IO Uhr eröffnete der Vorsitzende des Verbandes, Kollege Henle-Hamburg, die Tagung, indem er die Erschienenen, besonders die zahlreichen Gäste aufs herzlichste begrüßte. Alsdann führte et ungefähr folgendes aus: Der Allgemeine Deutsche Kantorenverband ist der jüngste der Verbände unter den jüdischen Gemeindebeamtem Warum die Kantoren gezögert haben, bis sie sich organisierten, das falle nicht erörtert werden; nur freuen. wollen wir uns, daß die -Organisation geschaffen sei, und zwar qualitativ derart, daß sie für Pas Weiterbestehen die besten Garantien biete. Der Ausschuß des Verbandes hat ihm Richtlinien für sein Wirken gezogen. „Aufwärts und vorwärts!" so heißt die Losung. Ohne Aufwärts gibt es kein Vorwärts. - Nur auf einer geistigen Aüfwärtsbewegung, auf Grund einer genügenden Vor-und Fortbildung kann sich auch eine materielle Besserstellung ausbauen. Leider steht ein großer Teil der Kollegenschaft nicht auf diesem Standpunkte. Er verlangt ein sofortiges Eintreten für die materielle Besserung, die ihm alles ist, und erwartet, daß die Leistung des jährlichen Beitrages von drei "Mark goldene ..Zinsen bringe. Aber große Ziele sind nicht sofort zu realisieret Erst gilt es, dem Stande, besonders in den kleinen und mittleren Gemeinden, die ihm gebührende Anerkennung erringen, was nur möglich ist, wenn der Verband von idealen Grundsätzen getragen ist. Von solchem Geist — so schloß der Redner — mögen auch die heutigen Beratungen durchweht sein; dann wird der deutsche Kantorenstand sich die Achtung und Beachtung der Allgemeinheit erringen, und der Allgemeine Deutsche Kantorenverband wird sich seiner bedeutungsvollem Aufgabe würdig erweisen. > - . . Hieraus erhielt der. Vertreter deS Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, Sanitätsrät W. Reich-Breslau, das Wort zur Begrüßung.. Er betonte,' daß/ wenn er im Namen des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes den Verband der lebhaftesten Sympathien dieser Körperschaft versichere, dies keine'. Phrase sei, sondern aus dem innersten Empfinden für die Bedeutung des Verbandes und des Kantorenstandes geschehe' Das Interesse der Gemeinden für die Hebung des- Gottesdienstes sei innig mit den idealen Bestrebungen des Kantorenverbandes verknüpft, weshalb der Deutsch - Israelitische Gemeindebund das Ziel des Verbandes, die geistige Hebung des Kantorenstandes, aufS: lebhafteste begrüße. Würdige, Männer müßten das.,-hohe Amt des Kantors versehen- Männer,, die in gesicherter und. unabhängiger Stellung sich befinden, damit sie nicht gezwungen sind, Nebenbeschäftigungen, zu ergreifen, die nicht zur Hebung des Standes beitragen. - Dem Verbände wünscht der Redner zum Schluß für sein Wirken ein herzliches „Glück auf"! - Nachdem der Beifall, den diese herzlichen Worte deS Vertreters einer der bedeutendsten Organisationen der deutschen Juden bei der Versammlung ansgelüst hatten, verhallt war, ergriff Kollege Rosenthal-Breslau das Wort zur Begrüßung der Versammlung namens des Ortsausschusses und . wünschte, daß die Beratungen nicht nur ein Erstarken nach außen, sondern auch nach, innen bringen möchten. Ebenso begrüßte Lehrer Moops-Breslau die Versammlung im Namen des Vereins der jüdischen Lehrer Schlesiens und.Posens. Alsdany verliest der Vorsitzende eine Reihe von Begrüßungsbezw. Entschuldigungsschreiben der am Erscheinen verhinderten Verbandsmitglieder, so u. a. des Kollegen Birnbaum-Königsberg, eines der hervorragendsten Repräsentanten des Kantorenbevüfs in Deutsch, land, der leider der. Versammlung nicht beiwohnen kann, aber.zu eifriger Mitarbeit an den Bestrebungen des Verbandes sich bereit erklärt. Ebenso drückt in einem Schreiben der Vorsitzende der Kantorenkommission des Verbandes jüdischer Lehrer im Deutschen Reich, Kollege Nußbaum-Wiesbaden, die Sympathien des von ihm vertretenen Verstandes mit den Bestrebungen und. dem Wirken des Allgemeinen Deutschen Kantorenverbandes aus. Zum Punkt 1 der Tagesordnung: „Bericht über die Tätigkeit des Ausschusses seit der Generalversammlung von 1906" ergreift hierauf, der Vorsitzende das Wort und gedenkt zunächst in bewegten Worten des .dahingeschiedenen VerbaNdsvorsitzendew'Schönberger- Potsdam, sowie der übrigen verstorbenen Verbandsmitglieder^ ■" Hierauf stellt der Vorsitzende die einzelnen Punkte des vorgelegten gedruckten Tätigkeitsberichts zur Debatte, und zwar zuerst „die Ausbildung zum Kantorat". Nach den Mitteilungen des Vorsitzenden hat die für Schaffung eines Lehrplans eingesetzte Kommission noch nicht ihre Arbeiten beendet, da das von den einzelnen Mitgliedern gelieferte Material erst seit kurzer Zeit vollzählig in den Händen des Vorsitzenden sei und der eingehendsten Sichtung und Bearbeitung bedürfe. Jedoch lassen die eingegangenen Arbeiten eine befriedigende Lösung der Lehrplan-Angelegenheit in naher Zukunft erhoffen. - In der sich nun entspittnenden Debatte nahm zunächst Seminarlehrer Levisohn-Hannover das Wort, indem er darauf hinwieS, daß das jüdische Lehrerseminar seine vornehmste Aufgabe darin erblicken müsse, Lehrer auszubilden. Es schenke wohl dem Kantorat genügende Beachtung, könne ihm aber quantitativ innerhalb des Lehrplans nicht die gewünschte Ausdehnung geben, da -der Stundenplan schon zu sehr belastet sei. Um dem Seminarzögling die wünschenswerte kantorale Ausbildung zuteil werden zu lassen, müsse noch ein Jahreskürsusangehängt werden. Außerdem machte der Redner darauf aufmerksam, daß es cm einem Lehrbuch für die auszubildenden Kantoren fehlte, das zu schaffen,' Ausgabe des Verbandes sein müsse. Ein solches Buch müsst besonders Rezitätive für den Kantor in kleinen Gemeinden enthalten. Einzelnen dieser Ausführungen tritt I. B. Levy-Frankfurt a. M> mit dem Hinweis entgegen, daß es nicht Aufgabe per jüdischen Lehrerseminare sein könne, nur Lehrer auszubilden und das Kantorat nebenbei zu behandeln; denn häufig sei der Kantor die Haupt-, der Lehrer die Nebensache; jedenfalls müsse in den drei Seminarjahren mehr für das Kantorat getan werden. Oswald-Posen weifte auf Bärs Laal-Isüllob als Lehrbuch hin und spricht die Meinung aus, daß die Seminare überhaupt der Aufgabe, tüchtige Kantoren auszubilden, nicht genügen könnten, dazu, wären Kantorenschulen nötig. Hierauf fragte Neustadt-Berlin an, warum nichts geschehen sei zur. Gründung einer Kantorenschule. Es hätten seitens des Ausschusses Sammlungen in ganz Deutschland veranstaltet werden müssen, um die Mittel zur Gründung einer solchen Schule, und zwar in Berlin, zu beschaffen.