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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-07-09 · Heft 28 (9.7.1909) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 28 (9.7.1909)
Date
1909-07-09
Page
– (sequence 13)
Language
German
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?3. Jahrgang Nr. 28. ^eriin, 9. Juli 1900; Deilsge zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums. Lorrelpondrn?m und Oschrichtm. Deutschland. s. Berlin, 6. Juli. Einen illustren Gast durften wir in dieser Woche in der Reichshauptstadt begrüßen, Herrn Dr. K. Köhler, Rektor des Hebron UnionCollege in Cincinnati, den gelehrtesten amerikanischen Rabbiner, einen der wackersten Vorkämpfer der Reform in jenem Lande. Die Berliner „Liberale Vereinigung" ließ es sich deshalb auch nicht nehmen, zu Ehren dieses hochgeschätzten Gastes ein gemütliches Zusammensein der Vertreter des liberalen Judentums von Berlin, im Restaurant des Westens am 5. d. M. zu veranstalten. Es war ein freundlicher Zufall, daß zugleich der Nachfolger Köhlers auf seinem Rabbinatssitz in New Dork, Rev. Dr. S. Schulmann, mit seiner Gattin hier weilte. Und so galt die Feier denn auch beiden Gästen. Herr Justizrat Breslauer, der Vorsitzende der Vereinigung, erösfnete die Versammlung mit einer herzlichen Begrüßung der Gäste und Mitglieder, die sich in stattlicher Zahl mit ihren Damen eingefunden hatten. Sodann sprach Herr Dr. K a rp ele s über Dr. Köhler und schilderte die Bedeutung und das Wirken des Mannes. Hieraus führte dieser in längerer und sehr interessanter Rede das Programm seiner jüdischen Welt- und Lebensanschauung, seine Auffassung der Wissenschaft des Judentums und das Wesen der Reform in Amerika vor. Es folgten noch Reden und Trinksprüche der Herren Rev. Dr. Schulmann, Geheimrat Professor Geiger, Rabbiner Dr. Rosenzweig, Landgerichtsrat Kali sch er und BenasLevy, die sich sämtlich mit. den großen Problemen und Ideen des liberalen Judentums an | sich und den Aufgaben desselben in Europa und Amerika befaßten. So verlief der Abend in hochgestimmter Weise, und die Anregungen desselben werden hoffentlich noch lange in den Herzen und Geistern fortwirken. 8. Berlin, im Juli. In der „Wissenschaftlicher Vereinigung jüdischer Lehrer" sprach am 3. v.M. Rabbiner Salomo ns ki, jetzt in Frankfurt a. O., über das Thema: Der jüdische Jugendgottesdienst in Berlin — wie er ist und sein sollte. Der Redner schilderte zunächst die historische Entwicklung des Jugendgottes diensteS, der seit ungefähr zwanzig Jahren in Berlin besteht. Er hat Berechtigung und ist eine Notwendigkeit geworden infolge der abnehmenden religiösen Erziehung des jüdischen Hauses, der teilweisen Behinderung der Kinder, am allgemeinen Gottesdienste teilzunehmen, und des Unvermögens der Religionsschulen, die Zöglinge während der Schulzeit mit dem Hauptgottesdienst völlig vertraut zu machen. So ist der Jugendgottesdienst im Grunde die wichtigste Forderung der Religionsschule, er soll die theoretische Belehrung in die Praxis umsetzen und ersetzen, was die häusliche Erziehung zu wünschen übrig läßt. Die Erkenntnis, daß ein in der Synagoge heimisches Geschlecht großenteils den-Bestand des Judentums für die Zukunft verbürgt, sollte aber zu der unbedingt erforderlichen Ausgestaltung dieser Institution führen, die gegenwärtig den berechtigten Wünschen keineswegs genügt. Der Vortragende versuchte, dies an der Hand der beiden Berliner Agenda (für Sabbatnachmittag und die hohen Festtage) nachzuweisen. Er bemängelte insbesondere den Ritus für Rosch haschana und Jom Xipur, der jeden inneren Zusammenhang mit dem'Naebsor vermissen lasse, und rügte, den Umstand, daß die Zöglinge verschiedener Gemeinde-Religionsschulen durch die Lage des Unterrichtes oder Schulhauses am Jugendgottesdienst überhaupt nicht teilnähmen, so daß die diesbezügliche Arbeit der Lehrer (siehe hebräisches Pensum der bisherigen Lehrpläne) ein Schlag ins Wasser sei. Wenn auch der Gemeinde finanziell nicht zugemutet werden könnte, mit jeder Religionsschule eine Synagoge zu verbinden, so sei doch die Möglichkeit eines Gottesdienstes in den entlegenen Schulen vorhanden und würde seitens der Aufsichtsbehörden kaum untersagt werden- Völlig vernachlässigt werde hingegen der Freitag-Abend, der mit seiner für die Kinder wie geschaffenen Liturgie zu schulfreier Zeit offensichtlich auch der Jugend viel zu bieten hat. Man möge die Vorderreihen der nie überfüllten Synagogen für die Kinder freihalten und diese mit sanftem Zwange zum regelmäßigen Besuche dieses Gottesdienstes gewöhnen, bei dem die Gegenwart der Lehrer ein förderndes Moment sein würde. Zur Ausgestaltung des Mincha- und Festgottesdienstes empfehle sich eine Heranziehung der Propheten, mit deren Lektüre in der Schule allzuviel theoretisiert würde, und die Ausmerzung gewisser musikalischer Partien und Responsen, die ausgesprochenen choralartigen und kirchlichen Charakter trügen. Unerläßlich sei ferner die Anstellung guter Funktionäre für alle Erfordernisse des Gottesdienstes; überhaupt müsse alles vermieden werden, was die nun einmal vorhandene Kritik — und Spottsucht der Kinder auch nur im Keime wecken könnte. Dann würde auch mehr als bisher, zumal im Westen der Stadt, sich der Zweck des Gottesdienstes durchsetzen, und nicht, wie es manchmal erscheint, unbeaufsichtigten Kindern als bloße Unterkunftsstätte während der Zeit des Hauptgottesdienstes dienen, bei denen, wie überhaupt religiöse Wünderkuren nicht durchführbar sind. Als erreichbares Ideal schwebt dem Redner die Errichtung eines besonderen Gottesdienstes für die Halberwachsenen vor. Bisher ist für diese jungen Leute, deren Zahl in die Tausende geht,-noch keineswegs gesorgt. Heilige Pflicht und der Mühe wert wäre es, den Gottesdienst für diese denkende Jugend so auszugestalten, daß er ein organisches Bindeglied zwischen dem Kindergottesdienst und dem der Erwachsenen darstellt; Denn wer etwa nach der bisherigen Agende beten lernte, findet doch nicht den Weg des Verständnisses zum Machsor, selbst nach neuem Ritus. Es gilt, diese Kluft zu überbrücken und unsere Festtage auch zu Stunden fruchtbarer Weihe für die. zu gestalten, die nach uns kommen und gute Juden werden und bleiben sollen. — Ein Hinweis, daß eine bessere Verteilung der Karten für den Festgottesdienst der Kinder seitens der Gemeinde erwogen werden möchte und die Bitte, auch rechtzeitig und entsprechend den Stadtgegenden die Karten in die Hände der Lehrer gelangen zu lassen, schlossen den Vortrag. Nun entspann sich eine' lebhafte Erörterung,, in der noch mancherlei Anregungen zur Verbesserung des Jugendgottesdienstes gegeben wurden. Lehrer Hauff faßte alle Vorschläge zusammen, von denen erhofft werden dürfte, daß sie auf Berücksichtigung seitens des Gemeindevorstandes rechnen könnten. Es wurde beschlossen, sie in einem Gesuche dem Gemeinde- Vorstände zu unterbreiten. s. Berlin. 1. Juli. Im Bureau des Deutsch-Israelitischen Gemeindebuttdes fand am 27. v. M., vormittags 11 Uhr, die erste ordentliche Mitgliederversammlung des Vereins „Israelitische Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder Wilhelm-Auguste-Victoria-Stiftung in Beelitz" statt. Den Vorsitz führte in Vertretung des Herrn Professor Philippson Herr Justizrat Timendorfer. Der gedruckt vorliegende erste Rechenschaftsbericht enthält auch die Gründungsgeschichte des Instituts. Der Vorsitzende hebt hervor, daß wenn es gelungen ist, weite Kreise in ganz. Deutschland für das humanitäre Werk zu interessieren, dies nicht zum mindesten das Werk der Presse ist. die durch ihre ausführlichen Berichte überall Verständnis für die Zwecke und Ziele des Vereins erweckt und so an dem Zustandekommen des Werkes in dankenswerter Weise mitgeholsen hat. Er Hoffe, daß dem Verein dieses Wohlwollen erhalten bleiben wird. Dankbar gedenkt der Vorsitzende des vor zwei Tagen erfolgten Hinscheidens des Bürgermeisters von Beelitz, des Herrn Nürnberg, der durch selbstlose und humane Förderung den aufrichtigsten Dank des Vereins sich erworben hat. — Die , Anstalt ist bereits von 22 Knaben und 13 Mädchen besetzt, und weitere Anmeldungen sind in geschäftlicher Behandlung, so daß die Besetzung des letzten Platzes eine Frage der nächsten Zukunft ist. Dies gab den Anlaß, in der sich an die Mitgliederversammlung anschließenden Ausschußsitzung der Aufnahmekommission die Direktive zu geben, sich besonders der Kinder armer > Eltern anzunehmen und die Ausnahmegesuche aus begüterten Kreisen

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