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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-07-09 · Heft 28 (9.7.1909) · p. Seite 335

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 28 (9.7.1909)
Date
1909-07-09
Page
Seite 335 (sequence 11)
Language
German
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335 als die Klagen dieser Leute anzuhören, und wüßten erst alle, daß er für jedermann zugänglich sei, wärs noch schlimmer," erwiderte er, ohne die Augen von seinem, großen Kassenbuchs zu erheben, über dessen Rand er jedoch nach dem noch immer in der Tür Dastehenden hinüberschielte. „Und ewig unzufrieden und grenzenlos unbescheiden sind diese Zudringlichen, glauben Sie, daß dieser Mann" ... er machte eine Pause und addierte einen Posten in seinem Buche: „10 000, 14 000, 23 000 — „glauben Siedaß dieser Mann vier Mark, die ich ihm geben wollte, zurückwies? Da haben Sie es . . . 25 OOO, 31 OOO ...". „Sie hätten um so eher den Versuch machen sollen, ihn zu Herrn Grosser hineinzubringen. Aus dieser Zurückweisung mußten Sie doch ersehen, daß er kein gewöhnlicher Bettler war. Ein solcher hätte ein Almosen von vier Mark gern genommen." „Die bekonnnen auch nur bis höchstens eine Mark." „Deshalb hätten Sie den alten Mann nicht fortschicken . sollen. Ich mache mir jetzt Vorwürfe, ihn nicht aufgehalten zu haben. Ich glaubte, daß er Herrn Grosser gesprochen habe, hätte ich gewußt, daß er nur von Ihnen abgefertigt sei, ich hätte ihn mit znrückgenommen . . ." „Das wäre sehr unklug gewesen, mein lieber Steinsels," mischte sich Grosser, der bisher unbemerkt Zeuge des Gesprächs gewesen war, ein, indem er näher trat-— „Müller kennt meine Informationen und hat sich strikt danach zu richten ..." Der Angeredete hatte sich von seinxm Schreibtisch erhoben und war begrüßend einen Schritt vorgetreten. Grosser erwiderte den Gruß mit leichter Neigung des Hauptes. „Sie. haben keine Vorstellung, wie wir von diesen sogenannten Hilfsbedürftigen geplagt werden. Ginge es nach ihnen, wir müßten unser ganzes Hab und Gut mit ihnen teilen. Es gibt daher nur ein Mittel, eine gewisse Strenge, Ordnung und Disziplin in seinen Wohltätigkeitsakten einzuführen, und Arnold ist sehr geeignet, das aufrecht zu erhalten." Er hatte das mit einer kühlen Gleichmütigkeit gesagt, ohne deshalb eine gewisse Vonhomie und Liebenswürdigkeit im Tone vermissen zu lassen. „Ja, ja, lieber Steinfels, so ist es." „Was wollte der Mann eigentlich?" wendete er sich an den Buchhalter. „Er verlangte. Sie zu sprechen, unter dem Vorwand Ihr Landsmann zu sein" .... „Nannte er seinen Namen? „Nein!" „Und sein Begehr?" „Auch nicht. Er ging, ohne etwas aus unserer Almosenkasse anzunehmen, als ich ihm den Eintritt zu Ihnen verweigerte." „Er wird wiederkommen . . . Sie sind ein Idealist, mein lieber Steinfels und kennen diese Leute nicht." „Wenn Sie den alten, unglücklichen Mann gesehen hätten, würden Sie vielleicht" ... „Wir können nicht allen Helsen; dazu müssen die Geschäfte noch besser gehen, als das unsrige im letzten halben Jahre" ... , Ein boshafter Schatten huschte über das Gesicht des Buchhalters, der sich in sein großes Buch förmlich vergrub. Steinfels erbleichte. . . . „Uebrigens haben wir augenblicklich keine Zeit zu Diskussionen über Humanität und Wohltätigkeits- Prinzipien. Ich habe wichtige geschäftliche Dinge mit Ihnen zu besprechen und wollte Sie ersuchen, in das Privatkontor zu kommen, bevor ich zur Börse gehe" . . . Damit war er in das Nebenzimmer getreten, in das Steinfels ihm folgte, nach-? dem er die vor ihm liegenden Papiere mit einigen Anmerkungen versehen, in sein Pult zurückgelegt hatte. Die Tür hinter ihm fiel fest ins Schloß. - Müller, der sich um seine Hoffnung, etwas von dem Gespräch zu erlauschen, betrogen sah, fluchte: „Eingebildeter Narr! Tut fich was . . . setzt >ne stolzere, ablehnendere Miene auf, wieder andere Primaekel! Werden was Kluges zusammenbrauen-- Firma Schlauberger und Einfaltspinsel!" Während dieses liebenswürdigen Monologs des Buchhalters hatte Edmund seinen Kompagnon gebeten, Platz zu nehmen. Er offerierte ihm eine Zigarre. „Danke, ich rauche vormittags während der Arbeitszeit nicht." Grosser steckte hierauf seine Zigarre an, deren seinen, bläulichen Rauchringeln er mit scheinbarem Interesse nachblickte. Dann lehnte er sich behaglich in seinen bequemen Lehnstuhl zurück, streckte die Beine von sich, und so sich dem Geschäfte einer ruhigen Verdauung nach dem Frühstück hingebend, sagte er: „Ich habe über unser Projekt, eine Filiale unserer Fabrik in Rußland anzulegen, reiflich nachgedacht. Die Sache scheint mir nicht so übel, der Gang des Geschäftes hier bleibt hinter meinen Erwartungen so weit zurück, daß ich es für erforderlich halte, etwas zu unternehmen, was dasselbe fördert" . . . Steinfels war diesen Worten mit Erstaunen gefolgt. „Sie wollten ... Es war doch nur eine flüchtige Erwägung . . . Ich selbst bin über die Tragweite eines solchen Unternehmens mir noch gar nicht klar. Sie sehen mich verwundert. Sie schon ganz und gar fertig mit einem Plane zu sehen, den wir kaum ernsthaft in Betracht gezogen haben." " „Ich habe Ihre neulichen Aeußerungen über das russische Geschäft überlegt. Ist es Ihnen erinnerlich, dann bitte, wiederholen Sie, was Sie damals gesagt." „Gewiß, ich habe bei einer Besprechung über den äußerst langsamen Geschäftsgang und die Rückschritte, die unser Geschäft macht, seit es aus den Händen des früheren Besitzers in die unsrigen überging, gesagt, daß auch dem gänzlichen Aufhören der Geschäftsverbindung mit Rußland seit den Handelsverträgen ein Teil der Schuld beizumessen sei. Der frühere Inhaber der Fabrik hat bis zu Ende der achtziger Jahre, während ich in diesem Geschäft tätig war, einen großen Teil seiner Produktion in Rußland umgesetzt. Er erzielte dort Preise, die wesentlich höher waren, als wir sie bei dem starken Angebot im Jnlande erzielen können. Es wäre daher erforderlich, neue Absatzquellen für diese Produktion zu schaffen. Das aber ist eben die Schwierigkeit. Die Konkurrenz ist gestiegen, seit der Export nach dem Auslande wie äbgeschnitten ist. Und was für Rußland, das am meisten verbrauchte, gilt, gilt leider auch für Schweden und Norwegen, wo früher, wie aus den Büchern erweislich und mir, der ich das Geschäft lange Jahre leitete, bekannt ist, unser Fabrikat gut begehrt war. Die Zollmaßregeln unterbinden uns eben nach allen Richtungen die Lebensadern, es sind Fesseln . . . die man sprengen muß. Was sie mir da bei dieser Gelegenheit von den oberschlesischen Fabrikuniernehmern erzählten, schien mir sehr richtig und erfolgverheißend. Warum soll uns der Mut fehlen, den die anderen haben? Tun wir ein gleiches. Die russischen Grenzorte sind mit industriellen Unternehmungen Deutscher wie besät. Eisen- und Walzwerke, Glas-, Zementfabriken, Baumwollen-, Leinwand-, Jutespinnereien wachsen förmlich aus der Erde empor .... so erzählten Sie doch?" „Allerdings . . ." antwortete der Gefragte verwirrt. „Warum sollen wir es mit unserem-Artikel nicht auch versuchen? Wenn die edlen Russen früher das Fabrika

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