Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1909)
- Date
- 1909-07-09
- Page
- Seite 327 (sequence 3)
- Language
- German
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Hl 327 Undürchführbarkeit zurzeit nicht anzustreben ist, daß eine neue Regelung zweckmäßig unter Mitwirkung des Landtages durch Erlaß eines Gesetzes erfolge, daß weiter das bisherige Prinzip der Zwangsgemeinde aufrecht erhalten bleibe, daß aber für religiös Dissentierende die Möglichkeit bestehen solle, entweder eine neue Kultusgemeinde zu bilden, oder sich einer bereits bestehenden bayerischen Kultusgemeinde ' anzuschließen. Für die Bildung neuer beziehungsweise die Auflösung bestehender Kultusgemeinden soll die Kompetenz der bisher damit betrauten staatlichen Behörden fockbestehen. Auch darüber bestand Uebereinstimmung, daß jede Kultusgemeinde einem Rabbinatsbezirke zngeteilt werde. Eine Mehrheit von drei Stimmen sprach sich für den absolut zwingenden Charakter der Fürsorge für ritualmäßiges Fleisch und Ritnalbad seitens der Kultusgemeinden aus. Dasselbe Stimmenverhältnis bestand hinsichtlich der Ausnahme der Ziffer 5 der M=E von 1863 in das neue Gesetz, wobei ausdrücklich festgestellt wurde' daß reine Verwaltungssragen von der Kompetenz der Rabbiner ausgeschlossen bleiben. Auf Wunsch der rabbinischen Mitglieder der Kommission wurde bei der Beratung in Treuchtlingen die Frage der Fürsorge für , ritualmäßiges Fleisch und Ritualbad nochmals eingehend erörtert. Die zwei der Kommission angehörenden Herren Rabbiner erklärten, daß ihnen eine weitere Mitarbeit an der Kommission nur möglich sei, wenn sich die Kommission einstimmig auf den Standpunkt stelle, daß eine Kultusgemeinde ohne Fürsorge für ritualmäßiges Fleisch und Ritualbad nicht bestehen könne, dies sei die einstimmige Ansicht der Rabbiner Bayerns. Sie verlangten ferner von den beiden Mitgliedern, welche bisher einen gegenteiligen Standpunkt vertreten und sich dafür ausgesprochen hatten, daß die einzelnen Einrichtungen der Kultusgemeinden im Gesetze nicht Aufnahme finden sollen, eine Erklärung des. Inhalts, daß sie den erwähnten einstimmig zu fassenden Beschluß mit aller Energie vertreten würden. . . Nachdem über diesen Punkt eine Einigung nicht erzielt wurde, erklärten die rabbinischen Mitglieder der Kommission ihren Austritt aus derselben; die gleiche Erklärung gab sodann das Mitglied der .Kommission Herr Fränkel gemäß der in Würzburg gefaßten Resolution ab. Die noch der Kommission angehörenden Mitglieder faßten alsdann den Beschluß, die vom Ausschüsse des Landvereins für Israelitische Kultusgemeinden gewählten Ersatzmänner einzuberufen und mit diesen die Beratungen fortzusetzen. Die Verbrüderungsseste zwischen Italienern und Franzo sen dauern fort. Jetzt kommt die Feier von Solferino auf die Tagesordnung. Aus diesem Anlaß schrieb der Bürgermeister Ernesto Nathan aus Rom im „Matin": „Das neue Rom, das dem theologisch-dogmatischen blutdürstig unduldsamen alten folgt, wird von einem Manne vertreten, der in einer wertig entfernten Vergangenheit als Ketzer nach geltendem Recht den Scheiterhaufen verdient hätte. Das zeigt, wie die von Paris ausgehende Bewegung die Unduldsamkeit verbannt und die höchste Gewissensfreiheit aufgerichtet hat. Die Bürgerpflicht konnte bei der großartigen Solferino-Gedenkfeier nicht besser vertreten sein, als durch den Vorsitzenden, den berühmten Kriegsminister, die heldische Verkörperung der Verteidigung des Vaterlandes und der Wahrheit." Herr Nathan geht um drei Jahre nach. Er ahnt nicht, wie mäßig angenehm seine Anspielung dem General Picqüart ist. „Mißverständnisse, Hindernisse, politische und wirtschaftliche Widerstände," fährt Nathan fort,, „werden gegen die innigen Gefühle nicht aufkommen, die die beiden großen lateinischen Schwestern verknüpfen, deren Sendung auch-künftig die Förderung des Fortschritts und der Gesittung sein wird." Es wäre zu wünschen, daß beide Völker ihre Sendung wirklich nur in diesem Sinne ausfassen möchten. Die Ausweisungen der Juden aus den rumänischen Dörfern dauern fort. Im Distrikt Bacau wurden die Juden, aufgesordert, binnen 48 Stunden die Gemeinden zu verlassen. Die Panik unter der dortigen Judenschast ist begreiflich. Es haben bisher acht jüdische Familien aus der Gemeinde Faraoni, vier aus Valea-Seaca und zehn ans Cleja Ausweisungsbefehle erhalten. Die.Aufforderung wurde ihnen Freitag eingehändigt, und schon am Sonntag mußten sie die Gemeinde verlassen. Alle diese Juden sind in den bestehenden Gemeinden geboren, erzogen und haben fast alle beim Militär gedient. Die Vertriebenen haben ein.Telegramm an den Minister des Innern gerichtet, und eine Abordnung nach Bukarest gesandt, um, wenn möglich, ihr trauriges Schicksal zu wenden. Aber es wird ihnen wohl wenig nützen. £ Innerhalb der jüdischen Gemeinden Rußlands war dem hohen Jubel nach Erlaß der Manifeste in den letzten Jahren eine tiefe Depression gefolgt. Jndeß, es scheint, als ob auch diese Periode bereits überwunden wäre. Es regt sich doch wieder auf allen Seiten, um die trostlose Lage der jüdischen Massen zu heben. So wird der „N. I. K." von ihrem Korrespondenten aus Petersburg geschrieben: „Die Resolutionen der jüngst stattgehabten Rabbinerkonferenzen in Warschau, Wilna und einigen anderen Provinzstädten sind dem Ministerium des Innern unterbreitet worden und werden die hier demnächst zusammentretende Nabbinerkominission beschäftigen. Sodann werden jene Resolutionen der Reichsduma zur Beratung und Beschlußfassung eingereicht werden. Da die genannten Rabbinerkonferenzen ohne Hinzuziehung des weiteren jüdischen Publikums stattsanden und ihre Beschlüsse daher nicht als Ausdruck der jüdischen Gesamtmeinung gellen können, haben einige hervorragende jüdische Führer, darunter, auch M. Winawer. den Beschluß gefaßt, eine Konferenz jüdischer Partei- und Gemeindevorsteher in diesem.Sommer einzuberusen. ' Als Ort dieser Konferenz ist Kowno in Aussicht genommen. Auf eine diesbezügliche Anfrage des Ministeriums hat der Kownoer Gouverneur erwidert, daß seiner Meinung nach der Erlaubnis zu einer solchen Konferenz nichts im Wege stände. . Man erwartet daher die Erteilung dieser Erlaubnis seitens der Zentralregierung. Dem Ministeriuni des Innern wurde von den Initiatoren das Konferenzprogramm mitgeteilt, welches folgende Punkte umfaßt: 1. Die Lage der jüdischen Handwerker in Südwest-Rußland. - 2. Die zur Verbesserung ihrer Lage und ihrer Produktionskräste geeigneten Mittel. 3. Die Fleisch- und Lichtsteuer und ihre Verwendung für die Bedürfnisse der jüdischen Gemeinden. 4. Die Reformierung des Lehrplans in den Talmud-Thora- Schulen. 5. Die Regulierung und Organisierung der jüdischen philanthropischen Gesellschaften und Vereine. £ Das türkische Parlament hat den Artikel des Vereinsgesetzes, durch den den fremden Nationalitäten die politische Vereinsbildung verboten werden sollte, trotz des Protestes des Ministers des Innern abgelehnt. Infolge des in der Debatte hervorgetretenen Gegensatzes zur jungtürkischen Majorität wird die Stellung des Ministers als erschüttert angesehen. Dagegen enthält der Gesetzentwurf eine Bestimmung, nach der fortan sämtliche Gesellschaften, also auch die kommerziellen, das Recht jüristischer Personen erhalten und das Recht haben, auf ihren Namen Grund und Boden zu kaufen. Damit ist eine der größten Schwierigkeiten, die sich bisher einer wirksamen wirtschaftlichen Tätigkeit der Juden in der Türkei entgegenstellten, beseitigt. .