Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1909)
- Date
- 1909-07-09
- Page
- Seite 326 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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326 Wir glauben nicht, daß es notwendig sei, die Schlüsse aus dieser Lebensgeschichte zu ziehen, die sich bei aufmerksamer Betrachtung Mr,-jeden Denkenden ja von selbst, ergeben. Zeiten/, wo der getaufte Jüde in jenen Kreisen, bie 'nian die konservatiben Neünt/ obwohl sie tatsächlich nicht die staatserhaltenden sind, beliebt und verhätschelt wurdet sind längst vorüber. Heute sieht man in dem getauften Juden nur noch den Eindringling, den Streber. Man fürchtet, daß die vielen Täuflinge den eigenen Sprößlingen die besten Bissen aus der Staatsschüssel wegschnappen könnten. Dazu kommt i noch, oft unbewußt, ein Stück Rassenantisemitismus, der I instinktiv jeden Juden, und alles Jüdische haßt und üb'er-! zeugt ist,. daß dieses auch in der zweiten und dritten 1 Generation noch nicht „ausgerottet" ist. . Man könnte aus den letzten Jahren eine ganze Anzahl r von Geschichten sammeln, in denen diese Momente mehr- oder minder unverhüllt zutage treten und oft sogar zu den ergötzlichsten Verwicklungen führten. Daraus sollte, wenn gewisse Kreise überhaupt noch einer Belehrung zugänglich wären, für sie die eindringliche Erkenntnis folgern, daß die erhofften und erträumten Erfolge eines solchen Uebertritts doch meist nur illusorische sind, daß sie aber selbst im günstigsten Falle keineswegs hinreichen, den verhängnisvollen' Schritt zu motivieren, geschweige denn zu empfehlen, daß vielmehr gerade die scheinbaren äußeren Vorteile zur schwereren, ernsten Prüfung auffordern sollten, ob man sich nicht etwa zu ihren Gunsten Selbsttäuschungen hin- . gebe, um ihretwillen sich wohl auch von der Vorzüglichkeit des neuen und von der Verwerflichkeit des bisherigen - Glaubensbekenntnisses überredet oder überreden läßt, und somit das Höchste, das Heilige und Ewige, dem Niederen, Materiellen, dem Vergänglichen und Nichtigen Preis zu geben im Begriffe sei. Man sollte doch meinen, daß gerade solche Erwägungen ernster denkende Menschen in der Stunde des Zweifels und der Prüfung von leichtfertigem Uebertritt abzuhalten vor allem geeignet sein müßten. E Dir Woche. Berlin, 6. Juli. um Nachfolger Dr. Theodor Barths als Vorsitzenden des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus ist durch einmütigen Beschluß der Mitglieder des engeren Vorstandes der Reichstagsabgeordnete Bergrat a. D. Georg Gothein gewählt worden. Eine bessere Wahl für dieses wichtige Amt konnte wohl kaum getroffen werden. Gothein gehört zu den Männern, die jederzeit mit Entschiedenheit für unsere Rechte eingetreten sind. An solchen Männern haben wir leider keinen Ueberfluß, und doch werden wir sie — wenn nicht alle Zeichen trügen — in nächster Zeit gar sehr brauchen. Aber es gibt noch immer Leute, die die alte Vogel- Strauß-Politik „unentwegt" sortsetzen und vom Schwinden des Antisemitismus wie von einer feststehenden Tatsache sprachen. Demgegenüber stellt das Korrespondenzblatt des „Verbandes der deutschen Juden" nach den Berichten seiner Mitarbeiter aus den verschiedenen Landesteilen folgendes fest: „Wenn die offizielle Haltung der Behörden im großen und ganzen eine wenigstens objektive zu nennen war, so gewinnt man doch leider aus unfern Berichten den Eindruck, daß die Beamtenschaft, speziell die preußische, in ihrer privaten Lebensführung als die Hauptstütze, die unversiegliche Quelle antisemitischer Gesinnungen gelten muß. Dies machen u. a. die Berichte aus westrheinischen Gegenden besonders deutlich: Hier wird in vielen Bezirken, deren eingeborene Bevölkerung Antisemitismus kaum kennt, das Feuer der Judenfeindschaft lediglich durch den Zuzug alt-' preußischer Beamten entzündet und erhalten. Daß tatsächlich kleine Gesellschaftstruppen, ja vielleicht sogar einzelne irgendwie prominente Persönlichkeiten es in der Hand haben, das Verhältnis der christlichen und. jüdischen Bevölkerung an einem Orte gut oder schlimm zu gestalten, — das macht uns noch ein anderer Zug in unserer Korrespondenz wahrscheinlich. Während sich nämlich im großen ganzen das Bild von der gesellschaftlichen Lage der Juden nicht, wesentlich gegen die vorjährigen Berichte verändert hat, tritt jetzt, wo die Arbeit der Vertrauensmänner einen schärferen Einblick in die Details ermöglicht, ein Umstand merkwürdig kraß hervor: im Punkte „gesellschaftliches Verhältnis der jüdischen und christlichen Bevölkerung" reichen die Berichte ganz eng benachbarter Gemeinden oft in erstaunlicher Weise von einander ab. Nicht nur innerhalb einer Provinz oder eines Regierungsbezirkes, nein innerhalb ein und desselben Kreises kommt es vor, daß fünf Vertrauensmänner die Lage als recht vortrefflich bezeichnen — und der sechste die Zustände in seiner Gemeinde kaum erträglich nennt. Und umgekehrt findet sich mitten zwischen einem Dutzend als stark antisemitisch beklagter Orte ein Bezirk, dessen Vertrauensmann nur das beste vom Verkehr der Juden und Christen zu melden weiß. Diese auffallenden Unterschiede können doch nicht ganz mit der verschiedenen Sensibilität den abweichenden Ansprüchen der betreffenden Berichterstatter erklärt werden; in manchen Fällen werden doch positive Tatsachen (aus Vereinen, Schulen usw.) angeführt, die die objektive Existenz dieser Situätionsunterschiede verbürgen. Nun aber ist klar, daß ein so abweichendes Verhalten der Bevölkerung in eng benachbarten Gemeinden seinen Grund nicht in Unterschieden der wirtschaftlichen und politischen Lage oder gar in abweichender „Rassedisposition" der betreffenden christlichen Einwohnerschaften haben kann. Keiner der großen Faktoren des Milieus oder des Blutes, die man so gern als alleinige und unausweichliche Ursache des Antisemitismus hinstellt, kann bei Bezirken, die unter so gleichen Bedingungen stehen, variieren; wenn sich doch so andere Resultate im Verhalten der Christen zu ihren jüdischen Mitbürgern finden, so beweist dies, daß keine unentrinnbaren allgemeinen Gesetze dies Verhältnis regeln, vielmehr spielt sicherlich die Erziehung, Bildung und Gesinnung einzelner, in kleineren Gemeinden oft Ausschlag gebender Persönlichkeiten eine große Nolle. Ein einzelner Mann von unduldsamer Gemütsart und vorurteilsvollem Geist kann unter Umstünden inmitten eines sonst friedlichen-Distrikts just seine Gemeinde mit antisemitischer Gesinnung erfüllen; und verkläre und menschenfreundliche Sinn eines einzigen Angesehenen genügt oft ebensogut,' um selbst inmitten eines antisemitischen Gebiets zwischen dem christlichen und jüdischen Bürgern einer Stadt freundlichen Verkehr zu schaffen. — In gleichem Maße wird es natürlich darauf ankommen, ob die Juden der betreffenden Gemeinde ein taktvolles und würdiges Benehmen zeigen oder nicht." * Die von dem Landesverein für israelitische Kultusgemeinden in Bayern im vorigen Jahre eingesetzte Kommission zur Vorbereitung de^ Revision des Judenedikts von 1813 hielt bisher drei Sitzungen ab, am 1. November 1908 und 10. Juni 1909 in Nürnberg, am 27. Juni in Trenchtlingen. Wir erhalten darüber folgende Mitteilungen: Die Kommission bestellte zu Referenten die Herren Justizrat Dr. Frankenburger und Rechtsanwalt Dr. Strauß aus München, die bis zur zweiten Sitzung ihre Arbeiten erledigten, indem Herr Justizrat Dr. Frankenburger einen förmlichen Entwurf, Herr Rechtsanwalt Dr. Straub Grundsätze mit Motivenbericht der Kommission überreichten. Die Kommission kam bei ihren Beratungen einstimmig zu dem Ergebnisse, daß die Anerkennung der jüdischen Religionsgemeinschaft als einer öffentlichen Kirchengesellschast mit Rücksicht auf die praktische