Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1909)
- Date
- 1909-07-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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73. Jahrgang. Nr. 28. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. -Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen ls-Pre.is: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere verlricbsst'Äe«) bezogen vierteljährlich 3 M. Xe&atteur: Gustav Rarxeles. BegrünoEvon Rabbiner Dr. Ludwig j)hilixpson . ■ ■ Verlags-Expedition: Berlin, iernsalemer Str. 46/49. . Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", ' Berlin SW., Jerusalemer Straße ^S/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNysse, Berlin. Die Karriere. Berlin, 6, Juli. ie Meinung, das; durch den Uebertritt zur herrschenden Religion sür jeden sich sofort das Schlaraffenland der glünzenden „Karriere" eröffne, ist leider noch immer eine vielverbreitete. So kommt es, daß die Taufen ohne Ueberzeugung und ausschließlich um äußerer Gründe oder Vorteile willen nicht nur nicht ab-, sondern viel eher noch Zunehmen. Einsichtige Männer innerhalb der protestantischen Gemeinschaft beklagen diesen Uebelstand auch aufs tiefste; sie sehen aber keinen Weg, um demselben abzuhelsen, so lange aus die Taufe selbst moch immer die Prämie der Beförderung im Staatsleben (gesetzt wird. Ein Todesfall, der -vor kurzem die allgemeine Aufmerk- . samkeit erregt hat, bietet die Veranlassung, wieder einmal auf (dies traurige Thema zurückzukommen. Wir wahren dabei natürlich unser festes Prinziv, Personalien nicht oder doch nur dann zu behandeln, wenn sie ein öffentliches Jntereffe voraussetzen und nur so, daß das persönlicheMoment trotzdem völlig ausscheidet. Wir nennen deshalb auch den Namen des Mannes gar nicht, um den es sich in diesem Falle Handels Für uns ist ja nur die Sache wichtig, die Person aber durchaus gleichgültig. Ein junger, sehr begabter Gelehrter aus wohlhabender, religiöser Familie, dessen wissenschaftliche Arbeiten auf verschiedenen Gebieten Interesse erregt haben, der aber als Privatdozent an der Universität keine Aussicht auf Beförderung hat, tritt zum Christentum über. Es wird sich niemand vermessen, entscheiden zu wollen, ob aus innerer Ueberzeugung oder bloß der Karriere wegen. Denn wir sind nicht so fanatisch, um einfach zu bestreiten, daß ein Uebertritt aus religiösen Gründen unter den gegenwärtigen Verhältnissen ausgeschlossen sei, wie viele behaupten. Adolf. Harnack hat ja vielen durch seine Darstellung vom Wesen des Christentums den Uebertritt wesentlich erleichtert oder plausibel' gemacht. Aber es steht jedenfalls fest, daß von diesem Augenblick an auch wirklich die -große Karriere des jungen Mannes beginnt, dem dieser Schritt übrigens gewiß nicht leicht geworden, da er ihn mit (seinen alten Eltern und einem großen Teil seiner streng religiösen Familie völlig entzweit hat. Schon nach zwei Jahren wurde er außerordentlicher Professor. Dann verheiratete er sich mit der Tochter eines, angesehenen Generals. Bald darauf würde er in ein Reichsamt berufen. Und dort fiel ihm die große Aufgabe zu, wichtige Vorlagen auszuarbeiten, die demnächst an den Reichs-' tag gelangen sollten. Von Natur aus ehrgeizig, spannte er 'tzÜe Kraft an, um die großen Erwartungen zu rechtfertigen,■/ die man in ihn setzte. Dies gelang ihm auch. Nachdem seine -Arbeit vollendet, würde er in ein anderes Reichsamt als Hilfsarbeiter berufen, um auch da bei der Inangriffnahme cknes großen Reformwerks mit seiner Begabung und seinem Eifer zu wirken. Soweit war ja nun alles in schönster Ordnung, und der Etern des Glückes leuchtete dem jungen Gelehrten auf seinem/ Wege zu hohen Zielen. Aber das schien nur so — tatsächlich lagen die Verhältnisse Ianz anders. Man kann sagen, daß von dem Tage an, wo sich ihm eine so glänzende Karriere eröffnete, auch die systematische und planmäßige Verfolgung des jungen Gelehrten begonnen hat. Und wer waren seine Verfolger? Konservative sind Antisemiten oder Bureaukraten, die ihn als eine Art ^Eindringling" betrachteten — ein Eindringling, der ihre Arbeit besorgte und ihre starken geistigen Lücken zudeckte! - Zunächst wurde ihm von antisemitischer Seite vorgewörfen, rer führe seinen Namen und Adelstitel mit Unrecht; er mußte nunmehr sein Recht auf diesen Namen in einem Prozeß erweisen. Die Feindschaft der Rechten hat ihm aber -weiter und bis in seine letzten Lebenstage verfolgt. Nachdem er gelegentlich der Beratung jener obenerwähnten Vorlage durch seinen Eifer und sein Geschick allgemein bekannt wurde, begann die Verfolgung. Man erhob unberechtigte Klagen, daß er die Presse zu beeinflussen versucht habe; man beschuldigte ihn, der Anstifter einer Agitation zu sein, die die Beamten seines Ressorts wegen Vertagung der Gehaltsverbesserungen entfalteten. Man behauptete, sein Auftreten in der Kommission habe Anstoß erregt, und so weiter. Schließlich Heß ihn der Staatssekretär, der, nebenbei bemerkt, froh war, Hwas Ballast auswerfen zu können, auch fallen. 4 Zwar suchte man ihm die bittere Pille zu verzuckern und Hktärte offiziös, daß er die ihm gestellte Aufgabe erfüllt habe; Han erkannte auch offen sein Verdienst um die Denkschrift über Inen Reformplan an;'man bewilligte ihm sogar eine Ehrenpension, aber im Grunde genommen war man froh, den ge- Auften Juden los zu sein. -JJ Wie schwer dieser aber das ihm zugefügte Unrecht empfünden hat, läßt sich denken. Er lehnte die Ehrenpension Mnkend ab und zog sich ins Privatleben zurück. Bald daraus Herfiel er in schwere Krankheit; er mußte sein Haus, seine Gattin und seine Kinder verlaßen und in ein Sanatorium Hbersiedeln, und dort hat ihn, ungefähr vierzig Jahre alt, der Tod ereilt. Das ist das Ende einer Karriere, die so verheißungsvoll gönnen und so glänzend sich zu entwickeln schien! Was folgt daraus?