Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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deren Themata zumeist dem Gebiete der jüdischen Geschichte und Literatur wie auch vor allem den jüdischen Tagesfragen entnommen waren, durch den Beitritt zum jüdischen Literaturverein, durch Anteilnahme an dessen Veranstaltungen und Benutzung von dessen reichhaltiger Bibliothek, durch den.Anschluß an den „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" hat der Bund wohl zur Genüge bewiesen, was er innerlich will, nämlich, daß sich die jüdische Jugend mit Feuereifer dem Ideale jüdischen Selbstbewußtseins hingibt und das Interesse für jüdische Fragen in sich weckt, um so dahinzuarbeiten, daß das Judentum auch eine Zukunft haben soll, die sich seiner einstigen ruhmreichen Vergangenheit nicht zu schämen braucht. Der Begründer des Braunschweiger „Jüdischen Jugendbundes" und dessen Leiter ist Herr Referendar Dr. Regensburger. — Hannover im Juni. Der Bericht aus der Israelitischen Erziehungsanstalt Ahlem, teilt mit, daß nn Knabenhaus augenblicklich 45 Lehrlinge, 55 Schüler zusammen 100 Zöglinge, im Mädchenhause augenblicklich 18 Schülerinnen, 14 Haushaltungszöglinge. vier Zöglinge des einjährigen Haushaltungskursus, zusammen 36 Zöglinge, sich befinde». Im Mädchenhause, das wie auch andere derartige Institute, unter der Abneigung jüdischer Eltern leidet, ihre Töchter dem Dienstbotenberufe zuzuführen, sind nunmehr einjährige Haushaltungskurse für Töchter wohlhabender Familien eingerichtet, die alle in Betracht kommenden Praktischen und theoretischen Fächer umschließen. Der zweijährige Kursus zur Ausbildung von Stützen, Köchinnen usw. besteht daneben in alter Weise weiter. Die Schulprüfung in der Anstaltsschule wurde durch unseren Kreisschulinspektor Landrabbiner Dr. Gronemann vorgenommen, und sprach derselbe sich sehr anerkennend über das Geleistete aus. An größeren Spenden sind der Anstalt in den letzten Monaten zugewendet worden: Aus dem Nachlaß von Charles L. Hallgarten, Frankfurt a. M., 2000 Mark; Eduard Cohen, Frankfurt a. M., 1760 Mark; X. £)., Hannover, durch S. Rheinhold 1000 Mark; Siegfried Brünn, Berlin, 1000 Mark; Sartorius und Otto Rheinhold, Hannover 1000 Mark; Rittergutsbesitzer Jul. Schottländer,-Breslau, 1000 Mark; Hugo Meyer. Hannover. 2000 Mark. Der Rechnungsabschluß des Jahres 1908 hat ergeben an Einnahmen 112 000 Mark, an Ausgaben 110 900 Mark. U. Hamburg, 28. Juni. Der „Israelitische humanitäre Frauen verein" hielt im Logenheim seine diesjährige Generalversammlung ab. Mit warmen Worten gedachte die erste Vorsitzende. Fräulein Sidonie Werner, zunächst des kraft- und verdienstvollen Gründers und Führers des Vereins, Herrn Gustav Tuch, der dem Verein leider durch den Tod entrissen wurde. Den Jahresbericht erstattete Frau Dr. Fink, aus dem sich folgendes ergab: Die Vereinsarbeit hat sich befriedigend entfaltet. Nach ihrem Grundprinzip, Hilfsbedürftigen den Weg zur Selbständigkeit zu bahnen, wurde einer Reihe von jungen Frauen die Möglichkeit geboten, sich als Schneiderinnen, Buchhalterinnen, Lehrerinnen usw. auszubilden. Auch jungen Männern galt die Förderung, um der Gärtnerei, Landwirtschaft, dem Handwerk und der kaufmännischen Wirksamkeit zügesührt zu werden. Die neueste Schöpfung des Vereins, das Heim für jüdische junge Mädchen zählt jetzt schon 20 Insassen, nachdem es mit 16 vor wenigen Monaten eröffnet wurde. Die Sparbüchsen haben die Zahl von 1000 erreicht, und aus dem Ertrage wird gegenwärtig eine Ferienkolonie für erholungsbedürftige Kinder in Segeberg eröffnet. Auf dem Spielplatz am Gundelberg werden Jugendspiele abgehalten, wo 100 junge Mädchen sich in frischer Luft und gesunder Bewegung stärken. Der Arbeitsnachweis wird seit dem 5. Januar von einer angestellten Sekretärin geleitet und wurde von 223 Arbeitgebern und 159 Arbeitsuchenden in Anspruch genommen. 75 Gesuche fanden eine befriedigende Erledigung. Die Kinderhorte und Handfertigkeitskurse werden gut besucht, und dank der Subvention des Herrn Dr. Emden, konnte eme Stillprämie eingeführt werden, deren Kontrolle Aerzte übernommen haben. Ueber den Stipendienfonds, der Studierenden, Künstlern, jungen Kaufleuten usw. zugute kam, verbreitete sich Frau Peine. Der Bericht der Unterstützungsarbeit lieb erkennen, daß der Verein sich auch die Hauspflege, die Sorge für Rekonvaleszenten, für die Ausrüstung von Kindern und dergleichen mehr angelegen sein läßt. Der Kassenbericht zeigte einen befriedigenden Abschluß. Durch Akklamation erfolgte die Vorstandswahl, und es wurde noch der besonderen Befriedigung Ausdruck gegeben, daß Fräulein Sidonie Werner, die sich durch starkes soziales 2 -— Empfinden und Sachkenntnis auszeichne, als . erste Vorsitzende die vielverzweigten Vereinsgeschäfte übernommen habe. e. Köln, 24. Juni. Am 22. d. M. wurde in Köln der prächtige Neubau des israelitischen Kinderheims seiner Bestimmung übergeben, dessen Errichtung nicht allein Zeugnis ablegt für den Wohltätigkeitssinn der jüdischen Bewohner unserer Stadt, sondern auch für die Tatkraft und Energie einer Frau, deren Name an diesem Tage mit doppelter Liebe und Beehrung genannt wurde. Vor ungefähr 20 Jahren gründete Frau Rabbiner Dr. Plato mit kleinen Mitteln eine Kinderbewahranstalt. Ihrer unermüdlichen Anstrengung gelang es, die Anstalt allmählich zu. einem Institute zu entwickeln, welches die Anerkennung und die tatkräftige Teilnahme der ganzen jüdischen Gemeinde fand. Sie überbrückte jegliche Spaltung, durch die verschiedenen religiösen Parteien hervorgebracht. Auf dem Altar der Nächstenliebe, den sie errichtete, opferten alle Richtungen, Orgelfreunde und Orgelgegner. Nur so konnte ein Werk zustande kommen, welches in idealem und realem Sinne heute als Zierde unserer Gemeinde gilt. Ein prächtiges Gebäude ist es, welches Lützowstr. 37 erstand. Es dient nicht allein der ursprünglichen Bewahranstalt, sondern umfaßt noch eine Suppenanstalt, eine Haushaltungs- und Kochschule, eine Volksküche, ein Säuglingsheim, einen Kinderhort für Schulkinder, sowie ein Kinderasyl. Diesem überwiesen die Provinzialbehörden Rheinlands und Westfalens die der Fürsorge bedürftigen und landarmen Kinder. So kam es, daß die Einweihungsfeier eine große Zahl Teilnehmer anzog, welche die festlich geschmückten Räume kaum zu fassen vermochte. Der Königliche Baurat Herr Bing, in dessen Hände dhe Ausführung des von dem Architekten Herrn Müller-Grah entworfenen Planes lag, übergab mit einer warmen Ansprache den Schlüssel der Vorsteherin, Frau Dr. Plato. Diese dankte in bewegten Worten. Es folgten die Glückwünsche der Stadt Köln durch einen Beigeordneten der jüdischen Gemeinde durch Herrn Stadtrat Eliel, sämmtlicher jüdischen Wohltätigkeitsanstalten durch Herrn Veilchenfeld, die des Provinzialverbandes der Rheinischen Synagogen-Gemeinden durch Herrn S. R. Dr. Apfel. Die eigentliche Festrede hielt Herr Rabbiner Dr. Rosenthal. Es war eine oratorische Glanzleistung seltener Art, die nicht allein auf die Gemeindemitgieder, sondern auch auf die vielfach Anwesenden der andern Konfession den tiefsten Eindruck machte. Eingeleitet und abgeschlossen wurde die Feier durch weihevolle Gesangvorträge des Schülerchors der Gemeinde. Der Nachmittag des darauf folgenden Tages vereinigte alle Damen, welche sich um das Zustandekommen des Neubaus bemüht hatten, in der Anstalt zu einer Nachfeier. Einem ausgezeichneten Prolog von Frau Rahel Apfel gedichtet und von Frau Bankier Albert Simon zündend vorgetragen, folgten Ansprachen und Gesangsvorträge. Eine solenne Bewirtung bildete den Schluß. Möge es der Leiterin der Anstalt, deren Gatte und Mitarbeiter Rabbiner Dr. Plato, der leider durch Unwohlsein verhindert wurde, dem Feste beizuwohnen, vergönnt sein, sich noch lange Jahre an den Früchten des Baumes zu erfreuen, den sie einstens als zarten Schößling gehegt und gepflegt. wh. Gießen, 24. Juni. In der heutigen Stadtverordnetenversammlung wurde eine interessante Fried Hofs frage verhandelt. Die Baudeputation hatte beantragt, ein Gräberfeld für Erbbegräbnisse christlicher Konsessionsangehöriger von dem den israelitischen Bürgern der Stadt bisher reserviert gehaltenen Teil abzutrennen. Zur Begründung wurde angeführt, daß an solchen Erbbegräbnissen sich Mangel zeige, während der den Israeliten reservierte Teil des Friedhofs bisher nur sehr schwach belegt sei. Oberbürgermeister Mecum sprach sich sehr entschieden gegen den Antrag aus. Es habe schwer gehalten, einen gemeinsamen Friedhof zu schaffen, und es sei anzuerkennen, daß die israelitischen Mitbürger damals ihre religiösen Bedenken zurückgestellt und Entgegenkommen gezeigt hätten. Es würde das gute Einvernehmen stören, wenn an der 1906 den Israeliten gegebenen Zusage gerüttelt würde. Auch der aus gewissen Gründen bisher gescheiterte Plan. des Rabbiners Dr. Hirschfeld, einen Sonderfriedhof für die orthodoxen Juden zu schaffen, würde dadurch neue Nahrung bekommen. Der Oberbürgermeister beantragte, für die'Einbeziehung weiteren städtischen Geländes in den Friedhof die Summe von 12 500 Mark zu bewilligen, die in zwei bis drei Jahren doch aufgewendet werden müßte. Nachdem mehrere Redner in gleichem Sinne gesprochen hatten, wurde der Antrag der Baudeputation abgelehnt und der des Oberbürgermeisters einstimmig angenommen.