Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- Seite 323 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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wartet nur, es kommt schon ein Zahltag — es ist ^ne Hundeschande. Die verfluchten Juden verstehen jetzt gut zu leben .. Er lauschte nach dem Nachbarzimmer, „jetzt trinkt man und jetzt schluckt man — — und jetzt, heidi, wie schön glatt das in den Magen gleitet, das weiche saftige Fleisch — und ich würge hier das trockene Brot mit der Hundewurst und dem Harzer..." „Sagten Sie etwas, Müller?" ertönte es von nebenan. „Nee/ Herr Grosser, ich rechne nur ab-" er machte eine wütende Gebärde nach der Tür, zog eine Platte Touristenflasche aus der Tasche und tat einen herzhaften Schluck. Einige Minuten vergingen. Das leise Geräusch anklirrenden Glases und klappernden Eßzeugs, sowie das behagliche Räuspern des Frühstückenden waren die einzigen Laute, die die Stille unterbrachen. Müller hatte aufgehört, vor sich hinzusprechen und suchte mit großen Bissen der Käsestulle ein Ende zu bereiten. „Müller, Sie frühstücken wohl Käse? Ich habe Sie doch schon einmal ersucht, lieber etwas weniger Geruchloses zum Frühstück mitzubringen..." dabei war der Chef in die Tür getreten, die Serviette in der einen Hand, während die andere das erst halb geleerte Glas an die Lippen führte. Er trank den Rest und fügte hinzu: „Es riecht hier ganz abscheulich. Dieser Käsegeruch ist zu penetrant-Käse darf man nur zum Nachtisch höchstens einen Bissen essen, das ist keine Mahlzeit. Das ganze Kontoir ist verpestet — öffnen Sie doch das Fenster..." Er war in sein Zimmer zurückgetreten und hatte die Tür desselben fest eingeklinkt. „Verpestet! Daß Dich die Pest . .. also zum Nachtisch soll ich Käse essen, und was vorher? Austern, . Champagner, Poularden, Rehfilet und Kartoffelpuffer? Man weiß auch, was fein schmeckt. Dazu braucht man nicht in Krojanke geboren zu sein ..." Er hatte einen Fensterflügel aufgemacht. „Und bei der Kälte noch lüften und hinterher weiter schreiben, wo man ohnehin aus^m Klappern nicht rauskommt. Me herrliche Weltordnung! Hier keine Gleichheit, dort keine-es gibt nur ein Mittel: Selbsthilfe, und was ein rechter Mann ist, der denkt hundert Jahre zurück." Es klopfte schüchtern an die Tür. „Eintreten, ohne anzuklopfen," donnerte der in seinem Selbstgespräch unterbrochene Buchhalter .dem behutsam Oeffnenden entgegen, „können Sie nicht lesen?" „Ich wollte nur, ich fürchtete... ich dachte, daß ich vielleicht störe." „Sie haben nicht zu denken, sondern sich an das zu halten, was Sie draußen lesen, oder können Sie nicht lesen?" Er hatte, nachdem er das Fenster geschlossen, sich auf den Bock geschwungen und winkte mit herrischer Gebärde den ängstlich an der Tür Verharrenden näher an das Holzgitter heran. Auf dieses Holzgitter stützte sich jetzt der alte Mann, der eingetreten war und sich von dem Schreck dieser rauhen Anrede noch nicht erholt zu haben schien. — Müller sah prüfend auf die Gestalt vor sich. Das kümmerliche Gesicht des Alten, das fadenscheinige Röckchen, das trotz der Kälte die mageren, zitternden Glieder umhüllte, das spärliche, weiße Haar, das hinter den Ohren herabhing, der zerdrückte Hut, den er mit bebenden, frosterstarrten Händen demütig vor die eingesunkene Brust preßte, machten einen so kläglichen Eindruck, daß der Buchhalter sich dem. gedrückten, eingeschüchterten Menschen gegenüber sofort als der Bedeutendere fühlte. Das Abfertigen solcher Persönlichkeiten war seine Spezialität. Den ganzen Ingrimm, der ihn gegen die Reichen erfüllte, ließ er gegen die Armen aus, die er in Vertretung seines Chefs empfing. Jetzt war er der Herr. „Was gibt's?" herrschte er den alten Mann an. ' „Ich wollte nur — — — ich möchte Herrn Grosser sprechen..." „Herr Grosser ist nicht für jedermann zu sprechen — Sagen Sie mir, was Sie wollen..." „Ich würde doch lieber bitten, Herrn Grosser persönlich... ich bin aus seiner Heimat..." „Das glaube ich," höhnte Müller, „das würde Ihnen so passen, direkt los auf Herrn Grosser, da schlägt sich vielleicht mehr raus, nicht wahr?" „Ach, ich bitte ..." stammelte der alte Mann mit so kläglichem, herzzerreißendem Ton, daß es einen Stein hätte erbarmen können. „Es ist nicht deswegen, aber ich meinte nur, weil ich seine Eltern so gut gekannt habe und ihn selbst, als er noch ein Jüngel war. und wenn man so aus einem Orte ... ." „Es ist doch wunderbar," fiel der hochmütig zu dem Alten Herüberblickende ihm ins Wort, „wie viele Leute immer dieselbe Heimat mit reichen Leuten haben! Jeden Tag melden sich welche, die mit Herrn Grosser aus der Schulbank gesessen und die seinen Vater und seine Mutter gekannt haben ... ." „Wirklich?" fragte ganz bestürzt und erstaunt der alte Mann, indem er das Gitter fest umklammerte, „wirklich?" „Ja wirklich, da gibt es immer hundert und tausend Vorwände, von denen die meisten erlogen sind, um sich an die reichen Leute ran zu drängen..." Verlegen und demütig schaute der so rauh Angeredete vor sich nieder. Eine grenzenlose Hilflosigkeit überkam ihn. Wie viel schweres Leid mußte schon über seinem Haupte hingezogen sein, wie viel Elend und Pein seine Seele schon erduldet, wie viel Not und Qual der sieche Leib schon gelitten haben, wenn er wehrlos und angstvoll diese schnöden Worte des Mitleidslosen hinnahm! Er wagte keinen Laut der Erwiderung. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt, die dürren Finger bebten vor Kälte, während Scham und Angst ihm eine flackernde Hitze in die Wangen trieb. „Wir haben deshalb im Prinzip beschlossen," fuhr der edle Stellvertreter des Hauses Grosser fort, „niemanden direkt an meinen Chef heranzulassen. — Ich bin beauftragt, alle solche Dinge zu erledigen. Es steht mir eine für solche Zwecke bestimmte Kasse zu Gebote, und wenn Sie mir Ihr Anliegen auseinandergesetzt' haben werden', und ich Sie für würdig befinde, so bin ich gern erbötig. Ihnen eine Unterstützung angedeihen zu lassen." Bei diesen Worten klimperte er mit einigen Geldstücken, die in einer kleinen, aus Rohr geflochtenen Schwinge lagen. Er nahm ein Zweimarkstück heraus und spielte damit vor den Augen des Mannes. Dieser vermochte sich noch immer nicht zu fassen. Mit schüchternen Blicken sah er zu Müller hinüber, der eine grausame Befriedigung daran zu finden schien, diese abscheuliche Szene zu verlängern. „Nun. wird^s bald? Ich habe zu tun. Was bedrückt Sie?" Da flog ein Strahl so unsäglichen Jammers, so trostloser Verzweiflung aus den trüben Augen zu ihm hinüber; die Antwort, obwohl wortlos erteilt, enthielt so viel Trübsal, so viel Erdennot und Hilflosigkeit, daß selbst das starre Herz des Buchhalters erbebte. Er nahm, ohne weiteres zu sprechen, zu dem einen Geldstück noch eine zweite Münze, erhob sich von seinem Platze und trat an das Gitter, um dem Unglücklichen das Geld zu reichen. Doch dieser sagte: „Ich danke, mein Herr, ich danke! Ich bin kein Bettler, wUM ich auch nur ein sehr armer Jude bin. Wenn ich Herrn