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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-07-02 · Heft 27 (2.7.1909) · p. Seite 322

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 27 (2.7.1909)
Date
1909-07-02
Page
Seite 322 (sequence 10)
Language
German
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3U sagen weiß. Gegen diese ist Ihre Freundin (Frohberg) eine Göttin, ein Wunder der Natur usw." Der ganze Briefwechsel ist ohne Frage sehr interessant und charakteristisch für die Personen, die darin die Hauptrolle spielen, wie für die Zeit,, in der sie gelebt haben und nicht zuletzt für die Gemeinschaft, aus der sie hervorgegangen sind — und die sie schmählich verlassen haben. 6. K. ^ggiLLego^ Sie Kompagnons. Roman von Ernst Heilmann. I. <)suf einem ledergepolsterten Reitsessel hockte ein ältlicher, H engbrüstiger Mann und hatte den Oberkörper tief über das Schreibprch gebeugt, auf dem das Hauptbuch der Firma: Ehrike & Comp, aufgeschlagen war. Müde und gleichgültig .durchforschten die Augen des Dasitzenden die langen, korrekt und sauber aufgeführten Zahlenreihen. Er schien weder Freude noch Interesse an dieser Beschäftigung zu finden. Nachdem er auf ein Blatt Papier Summe auf Summe gehäuft hatte, legte er plötzlich unwillig die Feder aus der Hand und . blies in seine steif gewordenen Finger, um sie zu erwärmen.. Dann trat er an den eisernen Ofen, der eine , intensive Glut ausströmte, die aber nicht bis zu den am Fenster stehender Schreibpulten gelangte. ,t „Schöne Wirtschaft," brummte der Mann vor sich hin, „schöne Wirtschaft, auf der einen Seite wird man geröstet, auf, der anderen stirbt man vor Kälte ab. Alles hübsch human und wohlwollend in diesem edlen Hause," — er streckte die Hände der ausströmenden Glut entgegen. „Die Fenster sind noch nicht einmal ab getaut, obwohl es nahe an zehn Uhr sein mag, und kein Mensch läßt sich sehen. — Der eine, der übereifrige, möchte schon in der Nacht anfangen, nachdem er kaum in der Nacht aufgehört hat. — Und der andere, der oberfaule, klettert vor halb elf nicht herauf, obwohl er^s da drinnen doch ganz behaglich hat,"-— er lauschte nach diesem griesgrämigen Selbstgespräch auf den Flur hinaus, und da sich dort nichts regte, trat er in die Tür des Nebenzimmers, über der mit goldenen Lettern das Wort: „Privatkontor" prangte^ Sein Blick streifte durch den kleinen, von einem tüchtigen Kachelofen gleichmäßig und angenehm durchwärmten Raum. — — „Hätte ich die Welt zusammengekleistert, ich hätt's anders gemacht, dann hätten die Reichen arbeiten müssen und wir faullenzen, umgekehrt ist auch gefahren, und. wärs auch dann akkurat dieselbe Leier;" er lachte höhnisch vor sich hin: „Na vielleicht gibt's noch mal nen Ausgleich, so fünfzig Prozent etwa! Es hat ja schone einmal geheißen, meine Tante, deine Tante, und daß sie an die Laternen mußten, ist noch keine Stücker hundert Jahr her!" Wütend warf er das Fell auf die Ottomane; mit hellenu i '■■■ eh» in prächtigem Malachit-Gehäuse befindliche Uhr die zehnte Stunde. „Nu wird man wohl bald erscheinen, eine halbe Stunde vor dem zweiten Frühstück tritt man ja. stets an." In der Tat wurde ein leichter Schritt auf den Treppen hörbar. Der brummende Alte schlich auf seinen Platz zurück, Änd als nach einigen Sekunden der Inhaber der^ Firma: Ehrike L Comp, wirklich in das Kontor trat, verriet nichts, daß der emsig über seine Arbeit Sitzende soeben die Welt verflucht hatte. „Morgen Müller!" Der Angeredete erhob sich, „Guten Morgen, Herr Grosser!" „Nichts Neues Müller, niemand dagewesen?" „Niemand, nur Herr Steinfels hatte einen Mann mitgebracht, den er mir aber nicht vorgestellt hat." „Schon gut und sonst" ... „Sonst nichts!" „Wo ist die Post?" „Ich habe sie in Ihr Privatkontor gelegt, sind nur Privatsachen eingegangen." Grosser machte eine Handbewegung, um anzudeuten, daß das Gespräch beendigt sei. Dann trat er in das Nebengemach, dessen Tür er nur anlehnte, so daß er ungestört war und den Vorgängen draußen trotzdem folgen konnte. Er nahm die Briefschaften auf, die auf dem Schreibtisch lagen, „Ah, von ihr!" Er öffnete das Schreiben, das. nur wenige Zeilen enthielt: „Sehr geehrter . Herr! Vielen Dank für die mir übersandten Noten. Ich hoffe, noch heute Zeit zu gewinnen, sie durchzuspielen und eine taktfeste Begleiterin bei unserem nächsten quätre-raamZ zu sein. -Die kleine Liederkomposition von Ihnen, die ich unter den Noten fand, verrät viel Stimmung und hat mir viel Freude bereitet. Mit hochachtungsvollen Grüßen Agathe Steinfels." „Immer dieselbe. Höflich und liebenswürdig, aber völlig unnahbar, ohne ein Zeichen von Vertraulichkeit! Man wird andere Saiten aufziehen müssen, als diese Tändeleien." Trotz des kühlen und nichtssagenden Inhalts las er aber das Briefchen einige Male durch, bevor er die andern öffnete. Es waren unwichtige Sachen und doch geeignet ihn zu beschäftigen, weil sie sein wöchentliches Vergnügungsprogramm betrafen. „Noch nicht einen Schritt weiter gekommen, trotzdem unsere Geschäftsverbindung schon fast anderthalb Jahre besteht. Immer dieselbe Liebenswürdigkeit, Höflichkeit, ja sogar Herzlichkeit und Vertraulichkeit, aber sonst — nichts, und dabei wird sie immer schöner, reifer, bewußter —-was ist aus der kleinen, schüchternen Frau im Laufe dieser Zeit geworden? Alles rückt vorwärts, nur die Hauptsache nicht, und ich girre und schwärme wie ein blöder Schäfer. Das muß anders werden, ohne Zweifel". —-Er barg den Brief in der inneren Brusttasche seines Rockes und knöpfte diesen fest zu. Dann erhob er sich, warf einen Blick auf die Uhr und hinab durchs Fenster in den Hof und murmelte mit einer aus Ungeduld und Staunen gemischten Miene: „Wo nur das Frühstück bleibt?" In demselben Augenblicke wurde ein weibliches Wesen sichtbar, das vom Hauptgebäude quer über den Hof ging, auf verdeckter Platte etwas tragend. Das Mädchen servierte das Frühstück und verließ mit dem Wunsche: „Wohl bekomm's", das Zimmer. Während Grosser sich anschickte, fein Gabelfrühstück einzunehmen, hatte der Buchhalter nebenan ebenfalls sein Frühstücksbrot vorgenommen. Aus fettigem Zeitungspapier wickelte er zwei Stullen heraus: Seit Stunden in der Rocktasche verborgen, waren sie trocken geworden. Der dünne Belag von ordinärer Wurst und altem Harzerkäse vermochte die mit schlechter Butter bestrichenen Brotstücke nicht schmackhafter zu machen, und das Salz der Unzufriedenheit, der Pfeffer der Bosheiten, mit dem er sie würzte, machten das kärgliche Frühstück auch nicht delikater. „Das schwelgt drin bei Wein und Braten"- murmelte er vor sich hin, „während unsereiner-— na

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