Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- Seite 321 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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321; Bekannschaftt werden hinlänglich strapaziert. Beide Schwestern sind kinderlos; eine Matrone, der die Haltung und Grazie einer Mutter abgeht, entbehrt viel, mehr als sich durch Italien, Goethe und Wohlgefallen an sich ersetzen läßt." Das Bild, welches hier die ironische und etwas spitze Feder Pfuels von den beiden Schwestern entwirft, entspricht ungefähr der Vorstellung, die wir uns nach den übrigen Quellen von den beiden intimen Freundinnen Goethes bilden konnten. Besonders interessant ist die Auffassung des romantischen Junkers von dem Uebertritt der Schwestern zum Christentum. Die Fortsetzung des Briefes belehrt uns-darüber, daß auch zwei andere Schwestern, deren Namen nur gelegentlich in Goethes Tagebuch Erwähnung findet, zu dem vertrauten Umgang des Dichters während seines Badeaufenthaltes in Teplitz gehörten: Regina Frohberg und Marianne Saaling. Auch sie entstammten beide einem frommen Berliner jüdischen Hause, welchem auch die Mutter des Dichters Paul Heyse und die des orthodoxen Baron Willy v. Rothschild s. A. angehörten. Sie waren Töchter des Königlichen Hofjuweliers Jacob Salomon und dessen Gattin Cheile, geborene Meyer Benjamin Eger aus Halberstadt; also eine sehr gute Familie. Das Bild, welches Pfuel von ihnen zeichnet, ist so treffend und eingehend, daß es. sich erübrigt, über die als fruchtbare aber seichte Romanschriftstellerin bekannte Regina oder über die als Schönheit noch zwanzig Jahre später von Ludwig Börne gefeierte Marianne etwas hinzuzufügen. Lassen wir also den Briefschreiber ohne weiteres sein Schattenspiel vorführen: „Die Frohberg ist eine kleine kuriose Person, es fehlt.ihr nicht an Geist, aber die kleine ungenügsame will auch noch Genie haben; die ärmste martert sich, es dahin zu bringen, und es ist recht schlecht von der Natur, daß sie solche Anstrengungen unbelohnt läßt. Sie sagt mir. sie sei außerordentlich mit' der Levin liiert, und da meine ich denn, daß die Genialität dieser sie ein bischen verdrießlich gemacht hat und in ihr das Verlangen entzündet hat, auf ebenso glanzvollen Bahnen zu wandeln. Mein Gott, wem einmal die Sprungfedern fehlen, der muß mit Hühnern fliegen, aber nicht mit Adlern. Hühnchen Frohberg schlägt die kurzen Flügel nach besten Kräften, aber was hilft es, die Mauer um den Hühnerhof ist und bleibt ihr zu hoch. Sie befleißigt sich keiner selbständiger Manieren und tritt mit der Keckheit eines kleinen verwegenen Kerls vor einen hin; daß dabei die weibliche Zartheit ein bischen in die Brüche geht, va sans dire. Sie geht nicht anders als im Ueberrock, führt ein kleines spanisches Rohr und eine Doppellorgnete; ist ein erklärter Feind aller Sentimentalität, wirft in ergrimmter Hast die echte und unechte in einen Topf und tut jsich was auf derbe Ansichten zugute. Auf ihrem kleinen Tabaksdosen-Gesicht, das nicht ohne Anmut ist, ruht eine possierliche Melancholie, die sie gern als äußeres Feuer, in Kurs bringen möchte, das seinen verlorenen Glanz betrauert; ich habe mir als ihr Freund auch Mühe gegeben, es dafür zu halten, doch umsonst, das ganze Gesichtchen hat nun einmal für mich etwas so unbeschreiblich Spaßvogelartiges, daß die trüben gehaltvollen Blicke auf Zukunft und Vergangenheit darin, bei mir Perlen vor die Säue sind. Wenn sie spricht, so bricht auch bei den unbedeutendsten Dingen eine gewisse Hitze durch, die ihre Worte unvermerkt in eine palästinische Kadenze bringt. Sie hat zwei Romane geschrieben, noch einen dritten im Pulte und noch ein halbes Dutzend, fürchte ich, im Tintenfasse. Man sieht ihrem kleinen kecken Aplomb das süße Bewußtsein an, sich gedruckt zu wissen. Der Roman, den ich von ihr gelesen habe, heißt: Schmerz der Liebe; er fängt mit einem langweiligen Teegeschlabber an, wo eine gewisse Lustigkeit der Konversation geltendgemacht werden soll, geht dann bei einer ziemlichen Gewandtheit des Ausdrucks auf gut Glück fort; hält es mit der Breite mehr als Mit der Tiefe und überliefert sich der Vergessenheit nach einigen desparaten Situationen, worunter vorzüglich die gehört, daß der Held des Stückes (ein übrigens vollkommen junger Mann) einer jungen in Schmerz versunkenen Künstlerin, die er, um sich malen zu lassen, zum erstenmal besucht, Trost einspricht, sich ihre Leiden erzählen läßt, und sie darauf, als sie durch die lebhafte Erinnerung, ihrer Leiden Ohnmächtig ins Sopha zurückfällt und dabei einige Reize enthüllt, sogleich mir nichts dir nichts auf gut russisch entweiht; die Aermste erwacht, aber an Unglück gewöhnt, schilt sie weiter nicht, sondern weint nur sanfte Tränen über den angerichteten Schaden, und als der reuige Edelmütige ihr darauf zum Schadenersatz die Ehe verspricht, schließt sie ihn sogar dankbar in die Arme; ungefähr so wie jemand, dem ein anderer auf den Fuß getreten hätte und nun teilnehmend fragte: mon dieu vous airjä/ait mal, antworten würde:. a.ucontraire, monsieur. Die Saaling endlich beschließt den Zug, sie ist die Schwester der Frohberg, und war für mich dreimal interessanter als die übrigen, drei dreimal genommen, das will soviel sagen/ als ich habe mich ein bischen in sie verli ebt; wenn mail weiter nichts zu tun hat, kann ein. kleiner Zeitvertreib nichts schaden. Tie letzten Tage in Teplitz waren schon rauh und kalt, man mußte sich nach etwas Wärmendem umtun. und da habe ich dann versucht, mich an einer Judenseele zu erwärmen; Feuer ist Feuer, es schüre es ein Christ oder ein Jude. Die Saaling hat einen Verstand, der mir behagt, schnell und. gewandt spielt sie einem den Ball in demselben Takt zurück, wie man ihn ihr zuwarf. Ich liebe die Leute, mit denen man ein Wort sprechen kann, wo der Scherz sich frei und ungezwungen bewegen darf, und die den Scherz überall auswittern und herbeirufen; so heilig mir der Ernst bei gewisser Gelegenheit ist, so wenig kann ich pathetische Stimmung leiden. Die Frohberg sah immer aus wie eine inkorrekte Elegie; wie ich eigentlich mit der Saaling daran., gewesen bin, weiß ich nicht; mir kommt es so vor, als hätten wir uns gegenseitig überlisten und überpfiffen wollen; obgleich noch ziemlich jung, hat sie doch gewiß schon auf den Feldern der Liebe Schätze von Erfahrung gesammelt, und somit kann sie mich leicht wie ein neues Experiment betrachtet haben; das ist mir aber schon recht, denn ich habe es gerade ebenso mit ihr gemacht; mit dem ' Sein ist es bei einem ephemeren Badeumgang ein langweiliges Ding, da halte ich es mit dem Scheinen. Die Menschen sind alle kriegerisch gegeneinander gestellt, wer ein wenig über sich und andere nachdenkt, kommt bald zu dieser Ueberzeugung, und wollten sich alle in jedem Augenblick zeigen wie sie sind, so rissen alle gesellschaftlichen Bande in tausend Stücke. Darum lebe das Scheinen. Die Aufgabe, die man im gesellschaftlichen Umgänge zu lösen hat, heißt: mit Grazie anführen und mit Grazie sich anführen lassen. Einer hält den anderen bei der Nase, und so muß es sein; wer da glaubt, feine Nase gehe leer aus, der ist ein Tor, darum reiche ich lieber meine Nase gutwillig hin und beobachte, wie ich hübsch daran herumgeführt werde. Doch, wem sage ich dies alles?, einer erfahrenen Kriegsgenossin, die das alles besser weiß als ich, und darunr basta. „Da hast Du also meine vier Jüdinnen, zwei getaufte und zwei ungetaufte. Wie gefallen sie Dir? — In die Saaling war ein gewisser Graf Apponyi entsetzlich verliebt. Apponyi ist ein Mann nahe an 60, ein reicher, kleiner, dicker ungarischer Magnat mit einem außerordentlichen Streben nach deutscher Bildung und einem leisen Gram über seine mongolische Abkunft." Wie Ludwig Geiger in seiner Ausgabe der „Berliner Briese Börnes" sagt,- hat Pfuel die Abweisung, die er damals von Marianne Saaling erfuhr, viele Jahre später durch Verunglimpfung bezahlt. Marianne ist übrigens erst' 18.18, und zwar aus. Rücksicht auf ihren Verlobten, den spanischen Gesandten in Wien, Marialva, zum Katholizismus übergetreten. In ihren letzten Lebensjahren wetteiferte sie mit Dorothea Mendelssohn in katholischem Pietismus! - Weit schroffer und abweisender als Pfuel hat Friedrich v. Gentz, der begeisterte Verehrer der Rahel, ihre Freundin Frohberg und das Verhältnis Goethes zur Frau v. Eybenberg beurteilt. Von Teplitz aus schreibt er am 21. September 1810' an die Rahel: „Die Frohberg ist so, wie Sie sagen; mit wenigen Worten haben , Sie sie himmlisch charakterisiert. Wie konnte Ihnen aber je ein» fallen, daß ich mir bei ihr über Sie Rats erholen werde? Sie kann ja nicht einmal über Sie sprechen, ja kaum lallen.--Er (Goethe) ist auch eigentlich mit niemandem aufrichtig gern, als mit Mariane ^Eybenberg. Dies ist das schrecklichste, was ich über, einen Menschen '.