Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- Seite 320 (sequence 8)
- Language
- German
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Baronin v. Grotthuß und der Freiin v. Eybenberg verlebte. Ueber das schicksals- und wechselreiche Leben der,Schwestern sind wir eingehend unterrichtet. Sie stammten aus einem reichen, jüdischen, streng orthodoxen Berliner Kaufmannshäuse. Sara und Marianne Meyer verlebten eine glückliche Jugend in großem Reichtum und glänzender Uetztzigkeit, mit allem erdenklichen Aufwande vornehmer Erziehung und bildenden Unterrichts. Die Früchte der Berliner Aufklärung pflückten beide mit leichter Hand, aber ihr früher Uebertritt zum Christentum setzte sie zu ihrer Familie in starken Gegensatz. Marianne ist bekanntlich in jungen Jahren zum Christentum übergetreten und dann einer Erbschaft wegen wieder zum Judentum zurückgekehrt. Später wurde sie abermals Christin. Ihre blendende Schönheit, ihre fesselnde Koketterie, ihr lebhafter Geist und ihre rasche Auffassungsgabe verschafften den Schwestern bald zahllose Bewunderer und Verehrer. Sara,, die älterehörte in ihrer Jugend Schmeicheleien von' Lessing, in späterer Zeit.von Herder, dann standen Frau v. Genlis, der Fürst v. Ligne und Goethe mit ihr im freundschaftlichen Verkehr. 21 Briefe, die Goethe von 1797 bis 1815 an sie richtete, hat Varnhagen . v. Ense veröffentlicht. Die spätere Sara v. Grotthuß wird uns geschildert als eine wohlgefällige, abenteuerliche, närrischeitle Person, die, wie Rahel sich ausdrückt, 30 Jahre Schmeichelvisiten bei sich ablegte, voll ekelhafter Süßigkeiten gegen sich selbst, eine offenbare Närrin, von der sich Freunde und Bekannte allmählich zurückzogen. Sie starb 1828 als Witwe zu Oranienburg, wo ihr Mann, der durch Unglücksfälle sein Vermögen eingebüßt, in seinen letzten Jahren das Postamt verwaltet hatte. Marianne, die schönere und anziehendere der Schwestern) deren Augen Otto v. Manteuffel als die schönsten beschreibt, die jemals am Himmel oder auf der Erde geleuchtet haben, war weniger gutmütig und närrisch als die Schwester, dafür aber egoistischer und leichtsinniger. Von dem Grafen Geßler, dem sächsischen Gesandten am preußischen Hofe angeschwärmt, von dem Grafen Christian Bernstorff, dem späteren preußischen Minister innig geliebt und zum Weibe begehrt, wartete sie nicht ab, bis der entschiedene Widerspruch ihres frommen Vaters überwunden war, sondern vermählte sich heimlich mit dem Fürsten Neuß, österreichischen Gesandten am preußischen Hofe, einem älteren und sehr häßlichen Manne. Nach seinem Tode entsagte sie jedem Titel gegen bestimmte Vorteile und ließ sich von Kaiser Franz den Namen Frau v. Ehbenberg verleihen Goethe lernte sie 1795 in Karlsbad kennen; ein inniges, freundschaftliches Verhältnis verband beide; die reiche Korrespondenz, die Prof. Geiger veröffentlichte und neuerdings Prof. Sauer vervollständigte, gibt Uns einen tiefen Einblick in diesen Freundschaftsbund, der die beiden bis zu Mariannens Tode (Juli 1812) zusammenhielt. Goethes lebhaftes Interesse und seine tiefe Neigung bezeugt seine AeußerUng an Schiller: „Auch ist die berühmte Marianne Meyer Hier; es ist schade, daß sie Nicht einige Tage früher kam; ich hätte doch gewünscht, daß Sie dieses sonderbare Wesen hätten kennen lernen" und nach ihrem Tode bekennt er offen in einem Briefe an Frau v. Grotthuß: „Sie kennen meine Liebe und Verehrung für Ihre unvergeßliche Schwester." Zur Zeit des Teplitzer Aufenthaltes scheint, nach gelegentlichen Tagebuchauszeichnungen Goethes zu urteilen, eine gewisse Abkühlung zwischen beiden eingetreten zu sein — indessen dem Zauber ihres Wesens hat sich Goethe nie ganz entziehen könnendes gab auch damals.. Stunden heiteren Uebermuts und froher Gemütlichkeit, und wie Professor Sauer schreibt, so stark zog das Schillernde) Wechselnde, vielleicht Zweideutige ihrer Erscheinung— sie war nach dem uns erhaltenen Urteil ihres Arztes eine starke Hysteriker — Goethe in ihren Bann, daß sie ihm zu einer Reihe von Aphorismen über das Weib die Anregung gab. Die Frauen ihres Kreises haben meist nicht günstig über sie geurteilt. Bemerkenswert dürften die folgenden Ausführungen Pfuels sein, mit denen er sein Schreiben an die Cousine schließt: „Was die genialen Frauen anbelangt, die ich in Teplitz kennengelernt habe, und über die Du Auskunft begehrst, so fange ich damit an, Dir zu sagen, daß ich nichts Geniales än ihnen wahrgenommen habe; mehr oder weniger geistreich, yoilä tout, aber auch in Hinsicht des Geistes ist Mutter Natur mit Oekonomie zu Werke gegangen; doch ich will sie Dir sämtlich wie im Schattenspiele an der Wand vorführen, und wenn Du ihnen einmal in Berlin begegnen solltest, so untersuche, ob ich recht gesehen habe. Frau v. Grotthuß als die älteste beginnt den Zug; einige vierzig Jahre stehen auf ihrem Gesichte in mancherlei Richtungen zu lesen; daß sie sich indes aus diesem schönen, erfahrungsreichen Alter nichts mache, ja sich vielmehr gern rückwärts gegen die Vergangenheit wende, beweist ein Miniatur- Gemälde, das sie diesen Sommer von sich hat anfertigen lassen, worin sie jugendlich und mit der längst entflohenen Grazie ausgerüstet erscheint, und dem der Maler einen gewissen bittenden Zug gegeben hat, gleichsam als Einladung an gutmütige Menschen, eine Aehnlichkeit mit dem Original zu finden. Judentum und Christentum haben in der Grotthuß ritterlich gekämpft, nachdem Christus den Moses rühmlichst überwunden hatte,. war er durch den verschmitzten Hebräer in einem neuen Kampf niedergeworfen, und die Grotthuß war zum zweiten Male Jüdin, endlich aber hat der Heiland doch gesiegt, und sie ist nun wieder Christin; die Grotthuß hat das Talent, beständig von sich und niemals voN anderen Leuten zu reden; dafür aber steht sie auch nicht im Rufe zu medisieren, denn da sie nur von sich spricht, so sagt sie nichts als liebes und gutes. Sie hat allerdings Geist, aber eine unerträgliche Sucht, ihn zu zeigen, und da sie es obenein nicht mit einer gewissen Geschicklichkeit tut, fo hat sie es bei mir dahin gebracht, die Stupidität für etwas Wünschenswertes zu halten. Was und. wie sie über sich denkt, was sie anderen über sich gesagt hat, was ihr andere über sie gesagt haben, was andere zu anderen über sie geäußert haben, das muß man täglich hören und wieder hören; man bekommt in der Tat das Wörtchen ich en vorreur, und seit ihrer Bekanntschaft bin ich ein entschiedener Anhänger vom Nicht ich. Das erste Mal als ich bei ihr war, flimmerte es mir ordentlich vor Augen und Ohren, es war mir als ob .ich beichten hörte, und dann wieder als ob mich der Alp drückte; ich machte mir indes bald raison über sie, ich betrachtete sie wie eine Erscheinung, die nun einmal nicht anders sein kann als sie geworden ist und ging fast täglich zu ihr, um, da sie vielerlei gesehen und erlebt hat, interessante Notizen zu sammeln. Einmal als sie sich mit der Eibenberg (ihrer Schwester) verglich Und einige leise Blasen des Neides in ihrer Brust ausstiegen über den Vorzug, den Goethe der Schwester gäbe, sagte sie mit etwas gehobenen Nasenflügeln, wodurch sie etwas unbeschreiblich Alttestamentarisches bekam: ich will Ihnen sagen, die Eibenberg hat vielleicht mehr Leichtigkeit als ich, dafür habe ich aber weit mehr Büste. Wie findest Du das? Die Grotthuß hat viel gelesen und auch gedacht, und da sie wirklich nicht ohne Gutmütigkeit ist, so ist ihr Umgang nicht ohne Interesse, mir sind indes ihre rläieuls bei weitem das Interessanteste an ihr; es ist aber auch wahr, ich kenne wenig Lächerlichkeiten, die mit so dezidiertem Charakter in der Gesellschaft austreten, als das süße Wohlgefallen, das die Grotthuß zu sich selbst trägt. Die Eibenberg, auch nicht ohne Geist und auch nicht ohne rläieuls, ist einige Jahre jünger als die Grotthuß; so wie ihr Körper subtiler als der der Schwester ist, so ist es auch ihr Geist; vielleicht innerlich nicht weniger mit sich beschäftigt, was denn auch häufig durchbricht, so gleitet sie doch über das ich bei weitem leichter und geschickter hin als die Grotthuß. Ihr Paradepferd, das sie unablässig tummelt, ist Italien; im Bewußtsein ihres Umgangs mit Goethe und in der Erinnerung ihrer niedergelegten prinzlichen Würde blickt sie mit stiller Ueberlegenheit auf ihre Schwester herab und beneidet ihr ihre Büste nicht. Sie liebt, in ihren Reden große vornehme Namen aufführen zu können, und die Prinzen, Grafen und Gelehrten ihrer