Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- Seite 318 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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westlich römisch-katholischen Kirche mit einer solchen Kraft geführt werden, daß ... die Chelmer Juden wie die Kühe brüllen werden überwiese für sie, dem ersten Anschein nach, fremde „Angelegenheit". Aber warum gerade, fragen Sie, die Juden? Es erweist sich nämlich, daß die Schöpfer des Chelmer Gesetz- Projekts nicht nur verurteilen, sondern auch begnadigen, daß dieselben nicht nur wegnehmen, sondern auch geben, nämlich Vergütungen für die Polen. Es wurde beschlossen, daß man für den Verlust des Gouvernements den Polen Genugtuung geben müsse, aber ... welche eigentlich? Autonomie? Die Zemstwo (Landstand)? Rechte für die polnische Schulen? Polnische Lehrstühle an der Warschauer Universität? Die Zulassung der Polen zu Gerichtsämtern? Durchaus nicht. Nach der Meinung der Minister ist zur Beruhigung der aufgeregten Polen das beste, das Privilegium der ChelmerJud en wegzunehmen! Dies wird bei den Polen nicht das Gefühl des Schmerzes heben, sondern außerdem noch , das unedle Gefühl des Neides auf das „privilegierte" Volk der Juden erwecken!... „Der Ministerrat — so lesen , wir im „Rjetsch" — lenkte die Aufmerksamkeit darauf, daß die Beschränkungsbestimmungen für die Juden der westlichen Gouvernements, die viel strenger sind, als die Beschränkungen in den polnischen Gouvernements, aus die Juden des Chelmer Gouvernements nicht ausgedehnt seien. Der Ministerrat fand, daß eine solche Bestimmung die jüdische Bevölkerung des neugeschassenen Gouvernements in viel günstigere Bedingungen stellen würde als die polnische, die die Beschränkungen, die hinsichtlich der Polen in den westlichen Gouvernements bestehen, zu ertragen habe. Der Ministerrat fand, das es zur Schaffung „einer solchen privilegierten Lage" für die Juden keinen Grund gebe. Außerdem befürchtet der Ministerrat, daß eine derartige Maßregel den Gegnern der projektierten Reform einen überflüssigen Grund geben würde zunr Kampfe gegen die Anwendung der bewußten Beschränkungen auf die Polen. In Anbetracht dieser Erwägungen wurde beschlossen, in das Gesetzprojekt eine Bestimmung auszunehmen, daß die in den westlichen Gouvernements bestehenden Beschränkungen hinsichtlich der Rechte der Juden, und ganz besonders der Rechte in bezug der Nutznießung des Bodens im Ansiedlungsrahon auch aus die Chelmer Juden auszudehnen seien." Im Namen der Gleichstellung der Nationalitäten werden also die Juden ihre Rolle als Statisten im Kampfe des Rechtsglaubens (Prawoslawije) mit dem Katholizismus, der russifizierenden Politik mit der Kolonisation teu!er bezahlen. So spiegelt sich die Idee der „Kompensation", die Idee der „Gleichstellung" der Völker in russischen Köpfen. — Zum Schluß noch eine kleine Erinnerung an den kürzlich Heimgegangenen Meister Adolf Sonnenthal. Ueber Sonnen-' thals Aufenthalt in Rußland erzählt man folgendes: Erhalte einen charakteristischen Zusammenstoß mit dem berühmten Wlasowskh. i) Im Jahre 1880 war dieser Polizeimeister in Riga. Das Rigaer Stadttheater lud Sonnenthal ein, dort zu gastieren. Er kam, stieg im „Hotel de Rome" ab, schrieb sich ins Fremdenbuch als Adolf Ritter v. Sonnenthal ein, und begann, sich zu den Vorstellungen vorzubereiten. Der Portier meldete „der Ordnung nach" über seine Ankunft dem Polizeibezirk. Dies wurde Wlasowskh mitgeteilt. Vor allem interessierte es den Polizeimeister zu wissen, ob Sonnenthal es schon dazu gebracht habe, das Christentum anzunehmen. Es erwies sich, daß dies nicht der Fall war. Sodann befahl ihm Wlasowskh, binnen 24 Stunden die Stadt zu verlassen. Derselbe war später der gefürchtete Polizeimeister der alten Krönungsstadt Moskau unter dem Großfürsten Sergius. Er war bekanntlich ein wütender Antisemit. Es entstand ein Skandal. Sonnenthal erklärte sich bereit, sofort abzureisen. Aber der lokale deutsche Adel überredete ihn, an den österreichisch-ungarischen Botschafter in Petersburg, den Grafen Kalnoky, dringend zu telegraphieren, indem er zugleich ein eigenes Telegramm absandte. Drei Stunden darauf erhielt Wlasowskh ein dringendes Telegramm aus Petersburg. Der Inhalt desselben war so abgefaßt, daß Wlasowskh sich zu Sonnenthal begab, um sich wegen „Mißverständnis" zu entschuldigen. Bei dieser Gelegenheit erinnern wir uns, daß wir vor vielen Jahren das Glück hatten, den berühmten Tragöden in einer seiner besten Rollen, als „Nathan der Weise", in Odessa zu sehen und zu bewundern. . Während unseres langjährigen Aufenthaltes in Deutschland, hatten wir oft Gelegenheit, bedeutende Künstler, wie Bogumil Davison, Ludwig Barnay, Possart, die Fanny Janauschek, Clara Ziegler und viele andere Größen, zu sehen. Kein einziger von denselben hat aber auf uns einen so mächtigen, und nachhaltigen Eindruck gemacht, wie der verewigte Sonnenthal. Noch sehen und hören wir den Künstler auf der Szene, wie er in meisterhafter Weise den „Nathan" spielte. Wir glauben noch den Ton seiner eindringlichen Stimme zu vernehmen. Einen solchen tiefen Eindruck brachte er auf uns hervor, daß wir heute noch, nach einer langen Reihe von Jahren, seiner in Dankbarkeit gedenken. ' Daß der Heimgegangene ein guter Jude war und warmes Interesse für seine Glaubensgenossen hatte, ist hinlänglich bekannt, und braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden. Der Tod des großen Künstlers erinnert uns an den Ausspruch eines Wiener Bekannten während unseres letzten Aufenthaltes in der einst so gemütlichen und sehr angenehmen Kaiserstadt an den Usern der blauen oder vielmehr grauen Donau, der wie folgt lautete: „Wer nicht Jellinek predigen, Sulzer singen gehört, und Sonnenthal auf der Szene gesehen hat, der hat nie was Schönes und Großartiges gehört und gesehen!" Und wahrlich, der Mann hatte vollkommen recht. Lu der von Ludwig Khilipplon beabsichtigten Gründung einer jüdilchtheologilchrn /skullst." Von M. Zuckermann-Hannover. ekanntlich hatte Ludwig Philippson in der von ihm begründeten „Allgemeinen Zeitung des Judentums" (Jahrgang 1837, Nummer 88) eine „Aufforderung zur Subskription, um eine jüdisch-theologische Fakultät und ein jüdisches Seminar für Deutschland zu begründen" erlassen und dieselbe auch privatim an angesehene Juden in Deutschland verschickt. Eine derartige Aufforderung kam auch nach Stade und die dortige Landdrostei sah sich daraufhin veranlaßt, bei dem Königlichen Ministerium des Innern in Hannover mit folgendem Schreiben vorstellig zu werden: Ein gewisser Dr. Philippson, israelitischer Prediger in Magdeburg und Redacteur der allgemeinen Zeitung des Judenthums, hat die mit Anlage abschriftlich angeschlossene gedruckte Aufforderung an einen angesehenen Israeliten in hiesiger Stadt und vermutlich auch an andere Glaubensgenoßen im Königreiche ergehen lassen, und ist es *) Die mitgeteilten Dokumente befinden sich im hiesigen Königlichen Staatsarchiv.