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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-07-02 · Heft 27 (2.7.1909) · p. Seite 317

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 27 (2.7.1909)
Date
1909-07-02
Page
Seite 317 (sequence 5)
Language
German
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angenehm, über die Profession des Jubilars sich auszusprechen. Aber hier handelt es sich um Alexei Sergejewitsch Suworin... Oder erscheint auch der Beruf Suworins selbst seinen nächsten Kampfesgenossen zu zweifelhaft, um über denselben konkret, ohne jede Allegorie zu sprechen? Aber .. . „wenn Menschen schweigen, werden Steine reden!" Suworins Rolle in der Geschichte der russischen Juden zu Ende des XIX. und Anfang des XX. Jahrhunderts wird klar werden. Ich weiß nicht, ob seit fast dreißig Jahren des Bestehens der „Nowoje Wremja" etwa ein paar hundert Nummern dieser Zeitung da sind, wo nicht Niederträchtigkeiten gegen die Juden Raum fanden. Fünfzig Millionen Zeitungsblätter mit wissentlichen Lügen, Verleumdungen, Insinuationen gegen die Juden und Hetzereien gegen dieselben bei allen dunklen Mächten des Landes — ist dies nicht ein Verdienst vor der Geschichte? Alexei Suworin verstand, aus seiner Zeitung eine Kloake zu machen, in die sich alle schmutzigen antisemitischen Bäche nicht nur vom vaterländischen Territorium, sondern von der ganzen SMt ergossen. Im Archiv der „Nowoje Wremja" kann man alles, — wenn jemand nur den Mut dazu hat —, was nur jemals' Stöcker und Ahlwardt, Lueger und Schneider, Bratianu und Drumont, und die anderen deutschen österreichischen, französischen, ungarischen, rumänischen antisemitischen Berühmtheiten Gemeines und Lügenhaftes sagten und schrieben, hübsch wiederfinden. Suworin schuf selbst Schriftsteller, deren Name schon das Gefühl grenzenlosen Abscheus bei jedem reinlichen Menschen hervorruft — Schriftsteller, die die schöne russische Sprache zu einem Werkzeug des Verrats und des Hasses verwandelten. Viele lobende. Worte wurden bei dem Jubiläum von den „Neumännern" („Nowowremenzy“) gesprochen und von offiziellen Personen über Suworins Nationalismus verkündet. Die Lobpreisenden wünschten bloß nicht (und wären auch nicht imstande, es zu tun) zu bestimmen, worin eigentlich sein Nationalismus bestehe. Der grelle Ausdruck dieses Nationalismus war die eifrige Lobeserhebung der Zertrümmerer (Pogromtschiki), des Auswurfs der Menschheit — der Räuber und Mörder, das Preisen derselben als Ritter der Nationalehre! Suworins Nolle als Nationalist drückte sich darin aus, daß er im Allerheiligsten des Nationalbewußtseins seines volkreichen Auditoriums den Schutzmann, den Gendarm und den Provokateur einführte. Er entzündete in den Völkern, die Rußland bewohnen, die Flammen des Rassenhasses — das allergrößte Uebel, dessen Folgen fatal für das Reich sich gestalten können. ' Bei alledem - ist sein Antisemitismus — ausschließlich Sache der Berechnung, ein Handelsgeschäft und nicht etwa des tiefen Gefühls, wenn auch eines tierischen. Für seine Kinder nahm er, wie seinerzeit berichtet wurde, einen jüdischen Hauslehrer. Und dieser niedrig-krämerische Zug seiner Tätigkeit verdient die allergrößte Verachtung., Der geehrte Jubilar handelt ganz einfach mit jüdischem Blut. - Es gibt eine sehr alte jüdische Erzählung. Der ägyptische Pharao erkrankte an einem ekelhaften Leiden; fein Körper wurde mit Geschwüren bedeckt, aus denen übelriechender Eiter herausfloß. Die Hofärzte fanden, daß - daß einzige Mittel, um Pharao zu. retten, darin bestehe,. täglich Bäder aus Menschenblut zu.gebrauchen. . . . Darauf begann man, jüdische Kinder zu ergreifen und diese für Pharaonische Bäder zu schlachten. In der Legende gibt es keine Weisungen, aber man kann wohl glauben, daß die Notwendigkeit damals die spezielle Profession der „Blut- Lieferanten" geschaffen habe. Einem solchen Lieferanten diente seinerzeit Alexei Sergejewitsch Suworin." Dieser vorzüglichen und wahrhaften Charakteristik des „Biedermanns" durch einen christlichen Schriftsteller haben wir kein Wort des Kommentars hinzuzufügen. Als wir diese biographische Skizze des großen, greisen Antisemitenhäuptlings lasen, stiegen in uns Erinnerungen an seine Tätigkeit während der letzten dreißig Jahre auf. Unter anderen Nichtswürdigkeiten, die er selbst und in Gemeinschaft seiner „würdigen" Mitarbeiter in seiner, leider in allen Schichten der Gesellschaft verbreiteten Zeitung leistete, so fand sich einmal eine telegraphische Mitteilung aus Minsk, oder einer anderen großen jüdischen Stadt folgenden Inhaltes: „Ein Arzt (russisch: Medik) hat einen Mord begangen." Statt Mednik (Kupferschmidt) gebrauchte er absichtlich das Wort Medik. Es war durchaus kein Druckfehler, sondern er tat es mit Fleiß, um seinem großen Leserkreise zu zeigen daß jüdische Aerzte auch fähig seien, Mörder zu sein! — Er war es hauptsächlich, der den Judenhaß allen Klassen mit raffiniertester Bosheit einimpfte und verbreitete. Bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit, auch wo es sich keineswegs um Juden handelte, suchte er diese an den Haaren hevbeizuziehen und in unflätiger Weise zu verunglimpfen. Ja, er hat Schule darin gemacht; dieses Verdienst hat er sich erworben. Nach dem berüchtigten „Golos" von Krajewsky war er es, der die Fahne des Antisemitismus in der russischen Presse entfaltete und den Juden unsäglichen Schaden zufügte.; ' Als großer Judenfeind hat er den Lorbeerkranz redlich verdient! Wenn einst in der Geschichte unserer Zeit die Namen der großen Antisemiten genannt werden, wird der. von Alexei Suworin sicherlich nicht vergessen werden. — Wenden wir uns nun erfreulicheren und amüsanteren Dingen zu! Den Chelmer Juden ist bekanntlich vom Schicksale beschieden, in wenig schmeichelhafter Weise als Helden absurdester Anekdoten zu figurieren. Der jüdische Nationalhumor schuf ganze Sammlungen pikanter Erzählungen in jüdischer, polnischer und es scheint, auch in anderen Sprachen über die Chelmer Juden. Jedoch keine einzige dieser Chelmer Erzählungen stellt die dortige Einwohner in einer solchen tragikomischen, unsinnigen. Lage dar, als jene allerneueste Anekdote, in welcher geschildert wird, wie die russische Regierung es versuchte, den Polen einen „Ersatz" für Rechnung der Privilegien (!) der Chelmer Juden zu geben. Die Sache besteht darin, daß die russische Regierung sich vorbereitet, die. alten ersehnten Wünsche der Potschajewer Mönche, des reaktionären Bischofs Eulogius und ähnlicher Staatsmänner, die die „vierte Teilung Polens" predigen: die Abteilung dieser Provinz vom Königreich Polen, zu erfüllen, Ein Schlag gegen die Polen wird vorbereitet,, welcher von ihnen als Unglücks betrachtet wird, ein unvermeidlicher, der das ganze polnische Volk tief erregt: „Wenn Gott," stöhnte dieser.Tage aus dieser Veranlassung der hochbejahrte Boleslaw Pruß, „wenn Gott uns dermaßen schlügt, daß blutige Tränen aus unseren Augen fließen, so muß dies doch nichb umsonst sein, wahrscheinlich hat Er „andere fernere Zwecke" in Aussicht ..." : Der Ministerrat beschloß also, zur 'Vivisektion des Königreichs Polen zu schreiten und zu jener Maßregel , der „Entpolung" der Chelmer Provinz zu schreiten, welche bereits im Jahre 1902 als unzulässig, schädlich für den Staat, sogar von solchen- „Polophilen.", wie die Minister Sipjagin,. Gras Murawjew, Witte und anderen anerkannt wurde. Das Chelmer Gouvernement wird geschaffen werden, und mit dessen Institutionen wird, ein Kampf der Russifikation mit der polnischen Kultur, der östlich griechisch-katholischen mit der

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