Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- Seite 316 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Wohnungen zu beköstigen, erweiterte er um diese Zeit auf Anregung der Verstorbenen sein Arbeitsgebiet durch Speisung armer Schulkinder. Was der Verein gleich im Anfang auf diesem Gebiete geleistet, ergibt sich aus dem Anhang einer von Agnes Blumenfeld ins Deutsche übertragenen, ' äußerst verdienstvollen Schrift des Pfarrers und Diakons der Schuten von St. Inner, P. Cäsar: „I^es soupes sovlaires" (Verlag von Emil Apolant, Berlin 1892). Reiche Früchte hat die von Agnes Blumenfeld ausgestreute Saat getragen. Bekanntlich sind auch unsere städtischen Behörden den Anregungen dieser Philanthropin gefolgt und haben die zur Speisung aller notleidenden. Berliner Schulkinder, nötigen Geldmittel bereit gestellt. ' \ Agnes Blumenfeld hat sich jedoch mit dieser im Verein zur Speisung armer Kinder und Notleidender entfalteten Tätigkeit keineswegs begnügt; ihr reger Geist hat noch Größeres geschaffen. Neben Virchow, Louis Liebermann und anderen bekannten Persönlichkeiten gehört sie zu den Mitbegründern des/ Kaiser - und Kaiserin Friedrich-Kinderkrankenhauses, bei deffen am 20. Februar 1890 erfolgten Eröffnungsfeier die Verstorbene zu der hochseligen Kaiserin Friedrich befohlen wurde, die ihr: Dank und Anerkennung für ihr verdienstvolles Wirken in herzlichen Worten aussprach. . Agnes Blumenfeld hat unter' Aufopferung ihrer persönlichen Jnteresfen alle Kraft zugunsten jener jungen kleinen Wesen ausgewendet, welche kaum durch die Pforte der Schule in das reale Leben getreten, schon jenes entsetzliche Wort kennen lernen, dessen Namen aus der menschlichen Gesellschaft ausgerottet werden sollte: Das. Elend! — Darum wirb das Andenken an die Verstorbene in ihren beiden Schöpfungen fortleben. . ■ «ML»- . Lrirk aus Luhlsnd. Von Leon A. Trachtenberg. ^^^ie ich Ihnen in meinem letzten Briefe mitteilte, fand am 25. v. 1; im Lokale der jüdischen Schule der „Gese lls chäft zur Verbreitüng der Bildung unter den Juden in Rußland" m Petersburg die Generalversammlung statt, welche dem Andenken des kürzlich dahingeschiedenen Vorsitzenden, dem Baron Horaz v. .Günzburg, gewidmet war. Bor Beginn der Sitzung wurde in der Hauptsynagoge ein. Trauergottesdienst veranstaltet, dem die Mitglieder dieser Gesellschaft, Freunde und Verehrer des Heimgegangenen Philanthropen beiwohnten. . Nach Eröffnung der Sitzung teilte Geheimrat Halpern mit, daß das Komitee das Bild des Verewigten publiziert habe, um den Fonds des dahingegangenen Barons, der seinen Namen trägt, und bei der Gesellschaft besteht, zu vergrößern. Das Komitee beschloß ferner,-, eine Stiftung zu seinem Gedächtnisse ins Leben zu rufen. ... . . ' Sehr warme Reden hielten Geheimrat Halpern, Rechtsanwalt Sliosberg und Dr. Kazenelsohn. Der erstere charakterisierte den .Eritschlasenen' als' Philanthropen und Gemeindevertreter. Die Wohltätigkeit bildete' die eigentliche Melodie seines Lebens. Als Gemeindevertreter bestrebte' sich BaroN Günzburg, die positiven Fragen zu lösen, indem er verschiedene abstrakte Fragen ' beiseite ließ^ Zwei *'Motive''.leitetenihn in seiner , Genremdewirksamkeit: das . Streben nach Verchesserung 'der ' Rechtslage der rüssischett Juden, und die- Berbresiüng^dÄe.- Bildung in den. jüdischen. Volksmassen. - - - - " Baron Günzburg nahm Anteil an verschiedenen Regierungs-: kommissioNen, die die jüdische Frage prüften. Im Jahre 1874 beteiligte er sich an der Kommission zur Ausarbeitung des Statuts der allgemeinen Wehrpflicht. Die Juden wurden damals als gleichberechtigte Bürger im Sinne der Erfüllung dieser Pflicht anerkannt. Im Jahre 1887 beteiligte er sich an der sogenannten Pahlenschen Kommission, in der er die Notwendigkeit der jüdischen Gleichberechtigung vom Gesichtspunkte ^allgemeiner Staatsintereffen bewies. Der zweite Redner, Rechtsanwalt Sliosberg, meinte in seiner Rede, daß das Leben des Barons Günzburg ein besonderes Kapitel in der jüdischen Geschichte einnehmen' wird. Dieses Kapitel wird jedem verständlich sein. Von der verschiedenartigen nützlichen Wirksamkeit des Verewigten legt das von ihm zurückgelassene reiche Archiv Zeugnis ab. Hier befinden sich .interessante Materialien zur Rechtslage der Juden, zur Verbreitung von Landwirtschaft und Bildung unter ihnen usw. Seine Neigung zum Gemeindewirken erbte der Entschlafene von seinem Vater, dem unvergeßlichen Baron Joseph v. Günzburg s. A. Die Gesetze des Jahres 1859 über die jüdischen Kausleute und des Jahres 1862 über die Rechte der Personen, die höhere Lehranstalten beendigten, erscheinen als die Früchte von Memoiren, Denkschriften und persönlichen Verwendungen von Günzburgs Vater. Das Vermächtnis'des Vaters hütete der Verewigte heilig. In seinem Geiste arbeitete er im Lause eines halben Jahrhunderts. Der Redner berührte auch die Beziehungen des Verklärten zur Freiheitsbewegung. Mit spannender Aufmerksamkeit verfolgte der Dahingeschiedene diese Bewegung, da er sich bewußt war, daß nur mit der Befreiung Rußlands man auch an.die Befreiung der Juden werde denken können. Der letzte Redner, Dr. .Kazenelsohn schilderte die Verdienste des Verewigten um Verbreitungder-Bildung unter den jüdischen Frauen. Baron Günzburg war der erste, der die Notwendigkeit von speziellen Mädchenschulen erkannte. Ehre dem: Andenken desedlen Menschen und des wahrhast jüdischen Patrioten! — Es wird mir schwer, von dieser Gedenkfeier zu der Besprechung eines Jubiläums überzugehen, bei dem man mit den alten Juden sagen muß: lehawdil ben tumoh le-tahara. 2$) will daher lieber einem nichtjüdischen Schriftsteller das Wort geben zu dieser Sache: „Wo bleibt der Jude? Du ,liest die. großartige Schilderung des Jubiläums in der eigenen Zeitung des „hochbejahrten" Jubilars und unter den Gratulanten findest Du den Slawen Propper, den einzigen, mit Erlaubnis zu sagen, Vertreter drr „unabhängigen" Presse beim Jubiläum, Du liest endlich die „linken Blättchen", die selbstverständlich sich die Gelegenheit nicht entgehen , ließen, dem Liebling der Behörde eine Masse von. Unannehmlichkeiten zu sagen, aber den Juden findest Du nicht! Suw orins Jubiläum — ohne Juden! Ich kann noch die linken Zeitungen begreifen, warum sie der Juden gedenken. Es ist doch bekannt," daß, wenn' im Leben die Elemente der Wahrheit und der Gerechtigkeit sich verwirklichen werden, sich die jüdische Frage von selbst lösen wird. Ader die „Nowoje Wremja", aber der ganze Suworinsche „Troß", die „Mitarbeiter", die „Masken" *), die Beschützer der Pogromleute, wie konnten diese' an diesem feierlichen Tage denjenigen vergessen, .denen der geehrte Jubilar seinen Ruhm ganz und gar verdankt? Freilich,' wenn etwa dem Besitzer eines Freudenhauses, oder einem jener Gentlemen, .die jemanden zum Hängen bringen/wy- ^fürjeder von ihnen ein Honorar von 25 Rubeln erhält, es' einstele, .sein Jubiläum zu feiern,, so wäre es ganz natürlich nicht sehr '"3 Mitarbeiter unter diesem Pseudonym der berüchtigten „Nowoje Wremja".