Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- Seite 315 (sequence 3)
- Language
- German
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recht wenig freundlichen Gefühlen. Der freiheitlich empfindende Engländer erblickt im Zaren den Repräsentanten eines barbarischen -- Systems der Gewalt und Unterdrückung der Minoritäten und lehnt es mit Entschiedenheit ab, diesem Despoten Gastfreundschaft zu erweisen. Diese Stimmung fand jüngst in einer Sitzung deS Unterhauses erregten Ausdruck in einigen eindeutigen Anfragen an den Premierminister. Insbesondere ist es auch sein Verhältnis zum Verbände-der „Echten Russen", das dem Zaren verübelt wird und auch die Presse zu zahlreichen Protesten veranlaßt hat." In gleichem Sinne schreiben alle liberalen Blätter. „Daily News" erklärt u. a. „Es gibt nur einen Kommentar zu der Ankündigung des Besuches des Zaren in England. Man muß die einfache historische Tatsache wiederholen, daß, während der Periode, in der die „Schwarzen Hundert" das Blutbad unter den Juden öffentlich organisierten, zur Zeit wo ein Protestmeeting in London abgehalten wurde, bei dem Lord Milner sprach und zu dem Mr. Chamberlain einen Brief sandte, der Zar die Anführer der Mord-Liga in Audienz empfing und öffentlich zu dem Fonds beisteuerte, mit dessen Hilfe sie aufreizende Artikel druckten, um den Mob zu ködern, der die Blut» arbeit verrichten sollte." Das Komitee zur Bekämpfung einer geplanten russischen Anleihe in England verteilt in Hunderttausenden von Exemplaren eine Flugschrift, in welcher die Wertlosigkeit der russischen Papiere nachgewiesen und das Publikum aufgefordert wird, die russischen Papiere in jeder Form zu boykottieren. „Die finanzielle Lage des russischen Reiches," heißt es in der Flugschrift, „ist selbst nach Aussagen des Referenten der Finanzkommission Tscherewansky eine anormale. Der Export nimmt jährlich ab, während der Import immer mehr wächst. Auch hatte das Land seit der Hungersnot im Jahre 1892 noch niemals so sehr an Mangel von Lebensmitteln gelitten, wie gerade jetzt. Die Hoffnung der Regierung stützt sich auf die Erhöhung der Steuern und Abgaben, es ist jedoch sehr zweifelhaft, ob selbst dieses Auskunftsmittel das Reich in die Lage versetzen wird, seinen Verpflichtungen nachzukommen." Ueberdies sei es auch moralische Pflicht eines rechtlich denkenden Menschen, die Unterstützung eines Reiches der unglaublichsten Ungerechtigkeiten nnd Unmenschlichkeiten, energisch von sich zu weisen. * Der Korrespondent der „Pol. Korr." in Konstantinopel erhielt von einer hohen und in der Sache kompetenten türkischen Persönlichkeit folgende Angaben über die von zionistischer Seite bei der Pforte getanen Schritte zur Erlangung ihrer Zustimmung zur Errichtung jüdischer Kolonien in Kleinasien oder Mesopotamien. Unter dem früheren Regime wurden der Türkei wiederholt finanziell sehr verlockende Anträge in dieser Richtung gemacht; sie erfuhren aber jedesmalige Ablehnung, da der Verdacht bestand, daß die Kolonisationsvorschläge nur eine Etappe auf dem Wege zu einer späteren Errichtung eines jüdischen Nationalstaates zu bilden bestimmt seien. Auch Kiamil Pascha erklärte zur Zeit seines Großwesirats: Wir haben durch eigene Schuld eine armenische Frage schaffen geholfen und wollen nicht auch zur Schaffung einer jüdischen die Hand bieten. Aus diesem Grunde wurden für den Aufenthalt fremder Juden in Palästina gesetzliche Fristen durch Gesetze bestimmt, deren letztes, das ihn aus sechs Monate erstreckte, noch in Geltung ist. Nach Einführung des neuen Regimes sind die erwähnten Bemühungen allerdings erneuert worden; es dürfte aber die ehemalige Anschauungsweise in dieser Angelegenheit keine Aenderung erfahren und die jüdischen Kolonisationsprojekte in Kleinasien und Mesopotamien haben auch jetzt nicht größere Aussicht auf Annahme seitens der türkischen Regierung als zuvor. Jacob H. Schiff hat einem Interviewer gegenüber sehr treffend bemerkt: „Das wichtigste Prinzip des gegenwärtigen Regimes in der Türkei ist die Stärkung der Integrität des türkischen Reiches. Ich selbst bin kein Nationalist, und ich glaube, daß das Aufrollen der jüdischnationalen Frage früher oder später den Juden in Palästina im besonderen und den Juden der Türkei im allgemeinen großen und dauernden Schaden und Kummer wird zufügen müssen." Ein Zeichen dafür ist schon der neue Entwurf eines Vereinsgesetzes in der türkischen Kammer. In diesem findet sich ein Paragraph, welcher die Bildung von Vereinen verbietet, „soweit sie geeignet sind, Zwiespalt unter der Bevölkerung des Reichs zu säen oder soweit sie auf einem ethnographischen oder nationalen Prinzip beruhen." Man weiß, was das zu sagen hat und wohin diese Bestimmung zielt. * Der jüdische Ingenieur Josef David, der bei den technischen Arbeiten des im Baue begriffenen Panama-Kanals eine hohe Vertrauensstellung einnimmt, veröffentlicht in einem englischen Blatte einen Aufsatz über den Kanalbau, in dem sind die folgenden interessanten Stellen finden: Seitdem diese Riesenarbeit in Angriff genommen wurde, hat die Einwanderung in die Republik Panama sich naturgemäß gesteigert Unter den Eingewanderten befinden sich zahlreiche Juden, die zum Teile über New-Pork direkt nach Panama gehen oder von Argentinien kommen, wohin sie schon vor Jahren eingewandert waren. Aber es gibt in Panama auch viele erb gesessene Juden, es sind das sephardische Juden, die schon seit Jahrhunderten in Panama ansässig sind. Ein Beweis hierfür ist ihr Friedhof, der den Namen „Kescher Israel" führt und, wie aus der über dem Tore angebrachten Aufschrift ersichtlich, im Jahre 1657 errichtet wurde. Ich begegnete in Panama? verschiedenen Juden, die meisten von ihnen sind spanisch-portugiesische Juden, Nachkommen jener Juden, die im Jahre 1492 aus Spanien nach Mexiko flüchteten und später, durch die mexikanische Inquisition vertrieben, nach Panama-flohen, woselbst sie sich ansiedelten. Die übrigen Juden von Panama stammen aus Rußland, Rumänien und einige auch aus Galizien. Deutschen Juden bin ich dort niemals begegnet. Ebenso traf ich auch keinen einzigen ungarischen Juden. Am meisten überraschte mich die Beobachtung, daß die Sephardim mit den Aschkeüafim gar keinen Verkehr halten, als ob die aschkenasischen Juden Abstämmlinge jener Inquisitoren wären, welche die Juden in Spanien verfolgt und hingerichtet haben. Die Sephardim meiden die aschkenasischen Juden nicht nur in der Synagoge, sondern auch im Hause, auf der Straße, im Klub, im Theater, ja selbst auf dem Friedhofe." Ingenieur David versichert schließlich, daß die Juden beim Kanalbau als tüchtige Arbeiter aller Branchen gerne beschäftigt werden, weil sie sich infolge ihrer Nüchternheit und ihres Fleißes stets verläßlich zeigen. Agnes Mmmnkrld. Von Maximilian Friede!. er 28. Juni rief die Erinnerung an die im Jahre 1896 verstorbene Begründerin des Vereins zur Speisung armer Kinder und Notleidender, Frau Agnes Blumenfeld, von neuem wach. An diesem Tage kehrte der Geburtstag dieser auf dem Gebiete sozialer Fürsorge hochverdienten Frau zum 70. Male wieder. Der im Jahre 1875 von der Verstorbenen ins Leben gerufene und bis an ihr Lebensende in mustergültiger Weise geleitete Verein ist für die in Deutschland und im Auslande: bestehenden ähnlichen Einrichtungen vorbildlich gewesen. Während der Verein bis . zum Jahre 1891 seine Tätigkeit darauf beschränkte, arme Kinder und Notleidende i» deren