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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-07-02 · Heft 27 (2.7.1909) · p. Seite 314

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 27 (2.7.1909)
Date
1909-07-02
Page
Seite 314 (sequence 2)
Language
German
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historischen Entwicklungsgänge Deutschlands zur industriellen Welthandels-Großmacht zukommt. Allein daran hätten wir deutsche Juden, obwohl einer großen Anzahl unserer Glaubensgenossen auch aus wirtschaftlichen Gründen dieser Emanzipationskampf des Handels uyd der Industrie von der agrarischen Bevormundung und Reglementierung von erheblicher Bedeutung sein muß, noch kein größeres besonderes Interesse, als etwa alle anderen Staatsbürger nichtjüdischen Glaubens. Wohl aber haben wir an den Politischen Konsequenzen, bie / sich aus einer solchen Konstellation und deren erfolgreicher Wirksamkeit ergeben müssen, ein durchaus erhebliches Interesse. Wir sind nun einmal unlösbar verknüpft mit dem Schicksal der Kultur, des Fortschritts, der Freiheit, des Rechts und der Gerechtigkeit. Und der Weg, den die deutsche innerpolitische Entwicklung von dem offenen Grabe des Blocks, nach den in diesen Tagen hervorgetretenen Symptomen zu urteilen, einzuschlagen scheint, kann nur nach den Gefilden dieser unserer historischen Schicksalsgenossen, des Fortschritts und des Lichtes, führen. Nicht eben und glatt; nein durch harte, zähe Kämpfe und langsam, aber siegreich und sicher, wenn die temporäre Flamme der Empörung und allgemeinen Entrüstung gegen die agrarantisemitische Hybris, den unerträglichen Uebermut der Reaktion, anhält und nicht erlischt. Wir deutschen Juden haben danach den Zusammenbruch des immer brüchig gewesenen Blocks um so weniger zu beklagen wenn jetzt, wie es den Anschein hat, an die Stelle des liberal-konservativen Blocks, ein zunächst vielleicht nur noch wrrtschastspolitischer Block aller antiagrarischen Bevölkerungsschichten tritt. Der Wandel, den ein solcher Block im Lause der Zeit auf den Kurs unserer innerdeutschen Politik herbeiführen wird und herbeisühren muß, kann nur in der Richtung liberaler Weltanschauung liegen, in einer Richtungvon de« wir deutschen Juden die endliche volle praktische und tatsächliche Durchführung unserer uneingeschränkten yerfassungsmäßigen Gleichberechtigung in staatsrechtlicher Hinsicht, auf allen Gebieten der Verwaltung, und auch im gesellschaftlichen Leben erwarten dürfen. Der Hauptteil der Arbeit zu diesem Ziele wird freilich immer von uns selbst zu verrichten sein. Und dabei müssen wir und dürfen wir keine Gelegenheit verpassen oder vorübergehen lassen! Unsere Hoffnung und unser Interesse geht zwar vom alten Block auf den neuen, werdenden, antiagrarischen über, unsere eigenen Bemühungen aber dürfen nicht an Intensität abnehmen, wie es leider unter dem nun „verewigten, sanft entschlafenen" konservativ-liberalen Block doch hie und da wohl geschehen ist. Die Mache. s Berlin, 29. Juni, s zeigt sich in der Politischen Krise, die jetzt hereingebrochen, wieder einmal recht deutlich, aus welcher Seite der wahre Patriotismus ist. Auf der Seite unserer geschworenen Gegner wahrhaftig nicht. Es bleibt unumstößlich richtig, was der frühere Reichskanzler Fürst Hohenlohe von den Rittern und Heiligen einmal gesagt hat: „Alle diese Herren pfeifen aus das Reich und würden es lieber heute als morgen aufgeben." So sehen die patentierten „Patrioten" von der Rechten aus, die nach dem bitteren Wort des Präsidenten von Gerlach, des Begründers der konservativen Partei, „mit der Front nach dem Mist, mit dem Rücken nach dem Staat" Politik treiben und die dem „jüdischen Liberalismus" fortwährend „Vaterlandslosigkeit" und andere freundliche Schimpfworte zuwersen. Es ist gut, daß der Gegensatz in ernster Stunde auch einmal in so eklatanter Weise zum Ausdruck gelangt, daß auch die Blödesten erkennen müssen, auf welcher Seite die rechte Liebe zum Vaterlande und auf welcher der nackte Egoismus sich befindet. Hier ist man bereit, die schwersten Opfer zu bringen, dort kann man sich nicht entschließen, auch das kleinste Vorrecht im Interesse des Ganzen preiszugeben, ja, man verlangt immer neue Vorrechte und Liebesgaben. Wäre die Situation '.nicht so ernst, so könnten wir eine aufrichtige Genugtuung darüber empfinden, daß unsere Gegner auch diesmal wieder gezeigt haben, wie wenig sie dazu berufen sind, den Juden irgendwelche Vorwürfe zu machen. Diese werden sich aber natürlich durch solche unberechtigte Vorwürfe auch weiter nicht davon abhalten lassen, die Politik allein zu fördern, die vor allem dem Wohl des Ganzen dient. £ Die französischen Royalisten haben in letzter Zeit wiederholt Gelegenheit gehabt, ihren Eifer zu zeigen, namentlich die „camelots äu roi". Einmal haben sie bei den Festen zu Ehren der seligen Jungfrau von Orleans gewaltsam die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, sodann jährte sich der Tag (4. Juni), an dem die Leiche Zolas nach dem Pantheon gebracht und Kapitän Dreyfus verwundet worden war, hieraus erinnerte bei dem Mordprozesfe Renard-Courtois einer der Redakteure des „Journal" — Jaques Chur — gelegentlich seiner Vernehmung daran, daß das Berufungsgesetz nur gemacht worden sei, um den jüdischen Millionär Dreyfus von der Teuselsinsel zurückzuholen und endlich — das ist das wichtigste — hatte „L’Action Franqaise" ein royalistisches Blatt, den Vizepräsidenten Worms und den Richter Rosenfeld nicht anerkennen wollen, weil beide Israeliten seien. Das genannte Blatt ist wegen Verleumdung verklagt, die Strafkammer in Versailles, der beide Richter angehören, hat entschieden, „daß jeder Richter nach seinem Gewissen und nach dem Gesetze zu urteilen habe, und daß die Religion dabei nicht in Betracht käme". Die Antragsteller wurden abgewiesen und für jedes Gesuch der Ablehnung in eine Strafe von 200 Franken genommen. Es sei übrigens ausdrücklich festgestellt, daß das oben erwähnte Blatt „Le Journal" nichtroyalistisch oder antisemitisch ist. * Von zwei jüdischen Ministern haben wir heute zu berichten. Der eine ist in England, der andere in der Türkei zu diesem hohen Amte berufen. Der neuernannte Kanzler des Herzogtums Lancaster, Herbert Samuel, ist das erste jüdische Mitglied des Kabinetts in der englischen Geschichte. Er war bisher Unterstaatssekretär im Ministerium des Innern (Home Office), ist erst 39 Jahre alt und gilt als einer der fähigsten liberalen Politiker. Der zweite jüdische Minister ist der jungtürkische Abgeordnete von Saloniki und Berichterstatter der Budgetkommission Dschavid-Bey, der von seiner Partei ermächtigt wurde, das Finanzporteseuille zu übernehmen. Seine Ernennung wurde vom Sultan auch bereits bestätigt, da der gegenwärtige Finanzminister auf seiner Demission besteht. Beide Herren haben auch ein reges Interesse für jüdische Angelegenheiten betätigt. Ueber den Besuch des russischen Zaren in England wird der „N. I. K." von ihrem Londoner Korrespondenten geschrieben: „Der für die erste Hälfte des August geplante Besuch des russischen Kaisers in Cowes begegnet in der hiesigen Bevölkerung

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