Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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73. Jahrgang. Nr. 27. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen ts-preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Redakteur: Gustav Rarxetes. Begründet von Rabbiner D*- Ludwig philixxson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemer Str. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße <*6/$9, z« richten. Verlag von Rudolf Alosse, Berlin. Änterm Mock Berlin, 29. Juni. er Block ist zerbrochen, die konservativ-liberale Ehe geschieden. Und wenn nicht alle Anzeichen trügen, so gehen wir Politischen Kämpfen entgegen, die an Schärfe nichts zu wünschen übriglassen werden. Wir deutschen Juden werden, soweit unsere Eigenschaft als Staatsbürger in Frage' kommt, an diesen Kämpfen gewiß keinen geringeren Anteil nehmen als unsere nichtjüdischen Mitbürger. Aber auch in unserer Eigenschaft, als Angehörige der jüdischen Religionsgemeinschaft, die wir als solche noch besonders den Unbilden des politischen Wetters ausgesetzt sind, die wir unter agrarisch-antisemitischem Regime unserer Religionszugehörigkeit wegen ja Zurücksetzungen und Kränkungen besonderer Art ausgesetzt sind, haben wir Veranlassung, intensive Ausmerksamkeit dem Werdegang unseres innerpolitischen Lebens zuzuwenden. Es kann nicht geleugnet werden, daß die nun definitiv zu Grabe getragene Block-Aera eine gewisse Abflauung des antisemitischen Windes und Straßenlärms herbeigeführt hat. Der rabulistische und tönende Antisemitismus trat weniger hervor als in früheren Zeitläuften; eine gewisse Rücksichtnahme auf die liberalen Blockgenossen zügelte bis zu einem gewissen Grade das antisemitische Temperament. Es war nicht gut möglich, wollte man den häuslichen Frieden in der liberalkonservativ-antisemitischen Ehe wahren, das Begehren nach antisemitischen Leckerbissen gar zu laut zum Ausdruck zu bringen. Anderseits aber sah man auf antisemitischer Seite: „auch unter der Blockära gedieh ihr Weizens. Man übte nach wie vor die Peinliche Vorsicht, nur ja nicht durch eine Aenderung der bisherigen Praxis gegenüber den Staatsbürgern jüdischen Glaubens bei den antisemitischen Konservativen oder bei den konservativen Antisemiten Anstoß zu erregen. Man schloß auch unter der Blockära die „dritte Konfession" von. den ordentlichen Professuren, von den höheren Verwaltungsstellen, von den leitenden juristischen Aemtern, von dem Offizierkorps, dem aktiven wie jenem der Reserve, gänzlich aus, und hielt auch an der alten Tradition, daß der Mangel der Qualifikation durch die Taufe aufgehoben würde, gewissenhaft fest. Der deutschen Judenheit brachte die viel gepriesene Blockära noch nicht den erwarteten Frühling, geschweige denn den Früchte reifenden Sommer. Die männliche Seite der Blockehe, das ostelbische antisemitische Junkertum, prägte der Blockpolitik die Signatur ihres Geistes aus. Zuerst milde, dann herb und scharf, zuletzt herrisch. Von unserem Standpunkte aus hätten wir daher keinen Anlaß, der Zertrümmerung des Blockes etwa heiße Tränen nachzuweinen. Im Gegenteil: Der Liberalismus, dessen Grundprinzip in dem Verfassungssatz der vollen Gleichberechtigung aller Staatsbürger ohne Unterschied des Glaubens und der Abstammung liegt, war durch die enge Verbrüderung mit den reaktionär-antisemitischen Elementen, die die freiheitliche ' Entwicklung unseres Verfassungslebens zu hemmen beflissen sind, in seiner Bewegungsfreiheit vielfach beschränkt. Nicht als ob er nicht auch unseren Klagen und Beschwerden sein Ohr geliehen hätte, nicht als ob er sie nicht auch im Parlament und an den kompetenten i Stellen vorgetragen und Remedur verlangt hätte: aber der erforderliche Nachdruck, den die Durchsetzung unseres Rechtes j verlangte, konnte durch tausendfache Rücksichten nicht voll in Anwendung gebracht werden. Der gedämpfte Liberalismus, zu dem man. nach Lage der Blockverhältnifie genötigt war, J ließ die wünschenswerte Entschiedenheit naturnotwendig vermissen. '.! Jetzt ist der Block zu Grabe getragen. Eine nicht einmal! sonderlich prinzipielle Frage hat ihn gesprengt. Das bißchen ] Erbschaftssteuer ist nur die äußere Ursache, der innere Grund liegt tiefer : in der schließlich doch unnatürlichen Verbindung! zweier entgegengesetzter Weltanschauungen. Die kommende j Entwicklung kann, wenn anders Geschichte und historische Notwendigkeiten nicht trügen, für uns deutsche Juden nur j von guten Folgen begleitet sein. Jetzt entspinnt sich ein Kampf, *; bei dem es sich letzten Endes um die Niederwerfung der Hege- \ mvnie des schwarzen Blocks, nämlich des feudal-antisemitischen . \ Agrariertums, handelt. Es ist der Kampf des industriestaat- -! lichen Prinzips gegen das zwar durch die Entwicklung unseres j Wirtschaftlebens längst überholte, aber politisch noch lange nicht i überwundene agrarstaatliche Prinzip. Den großen Bersammlungen und Kundgebungen aller nichtagrarischen Erwerbsstände und Berufsorganisationen in den letzten Wochen, .. - besonders der gewaltigen eindrucksvollen Protestkundgebung des Handels und der Industrie, der Finanz- und Bankwelt,; ] wie vieler - anderer wirtschaftspolitischer Kräfte im Zirkus i Schumann, werden unsere Kreise, obwohl diesen Vorgängen nur allgemein wirtschaftliche, nicht spezifisch jüdische Interessen '1 irgendwelcher Art zugrunde . lagen, zweifellos doch ihre j besondere Aufmerksamkeit zugewandt haben. j Tiefer betrachtet, haben wir deutsche Juden indessen in der Tat noch ein ganz besonderes Interesse daran, wenn sich den einstweilen, noch souverän schaltenden und waltenden ” reaktionär-antis emitisch-agrarischen Elementen endlich eine geschlossene Phalanx aller übrigen Bevölkerungskreise und; Erwerbsstände gegenüberstellt, um die agrarisch-junkerliche Uebermachtsstellung in unserem ganzen öffentlichen Leben ein- | mal erst auf jenes bescheidenere Maß zprückzuführen, das diesen schwarzen. Block nach seiner wirtschaftlichen, * kulturellen und geistigen Bedeutung von Rechts wegen und nach dem