Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228879--65659-3277796- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
eine ihrer schönsten Blüten entfaltet. Fräulein Berg versteht.es-ganz besonders, liebevoll, aber auch erzieherisch wohltuend, auf die Kinder einzuwirken, indem sie ihnen Manieren,. Anstandsregeln und gesittetes Benehmen beizubringen suchte Ihr zur Seite' sorgt Frau Rochatz, genannt Tante Lina, für gut nährende und trefflich mundende Kost-, Herr Kaufmann Sperling aus Magdeburg'widmet einen großen Teil seiner freien Zeit der. Fürsorge der Jugend,- steht mit Rat und Tat der Leiterin zur Seite und erfreut die Kleinen durch mannigfache Aufmerksamkeiten und Geschenke. An den Nachmittagen der Feiertage, wie jüngst am zweiten Tage Schebuots, pflegt Herr Dr. Gallandt, Schönebeck, mit den Kindern einen Jugendgottesdienst abzuhalten. Nach dem Abstngen liturgischer Gesänge unter Klavierbegleitung, sucht der Prediger eine kurze erbauliche Ansprache über die Bedeutung des Tages zu halten und zugleich Liebe, Verehrung und Dankbarkeit für die Wohltäter der Anstalt den Kindern ans Herz zu legen, um so den religiösen wie ethischen Sinn der Jugend aufs neue zu beleben und zu fördern. So bietet das Solbad Elmen eine Ruhmesstätte echten, praktischen Judentums, das der Beachtung und Wertschätzung unserer Glaubensgenossen aufs wärmste empfohlen werden kann. — Seefett <*♦ H., 16. Juni. Am 14. d. M. hielt der Herzog- Regent von Braunschweig, Johann Albrecht, seinen feierlichen Einzug in unserer Stadt und -besichtigte außer der Kirche und dem Amtsgerichtsgebäude auch die hiesige Jacobson-Schule. Am Eingänge zum Hauptportal der Anstalt bildeten Schüler der oberen Klassen in ihren schmucken braunschweigischen Turnanzügen Spalier. Hier fuhr der Herzog-Regent vor und wurde von dem Leiter der Schule, Direktor Dr. Friedland, empfangen, der den hohen Herrn die Reihen der stattlichen Schülerschar, welche mit der Schulfahne im reich geschmückten Schulhofe Aufstellung genommen hatte, entlangführte und ihn in das Alumnatsgebäude geleitete. Im Speisssaal, welcher durch seine künstlerische Anlage auch die Bewunderung des Herzogs hervorrief, zeichnete er seinen Namen in das Fremdenbuch ein, ließ sich sodann den Schlafsaal, Waschraum usw. zeigen und erkundigte sich nach der Lebensweise der Zöglinge. Er nahm eine kleine Ausstellung von Arbeiten der Schüler, die am Handfertigkeitsunterricht teilnehmen, in Augenschein, ging n§ch der Turnhalle, wo eine Schulklasse eine kleine turnerische Freiübung vorführte, und betrat dann den nunmehr 100 Jahre alten Tempel, den sogenannten Jacobstempel, wo ihn ein Orgelspiel empfing. Der Herzog erkundigte sich nach der Geschichte der Schule und bekundete ein lebhaftes Interesse für alle Einrichtungen. Er sprach einzelne Schüler und Lehrer an und verließ den Schulhof, nachdem der Direktor in einer kurzen Ansprache seinen Dank für den hohen Besuch aussprach, und die Schüler ausforderte, ein Hoch auf den Herzog auszubringen. Der Herzog-Regent sprach beim Verlassen der Schule und auch wiederholt bei der Frühstückstafel, zu welcher auch Direktor Dr. Friedland befohlen war, seine Befriedigung über den Eindruck, den die Anstalt auf ihn gemacht habe, aus. Es ist ein merkwürdiger Zufall, daß gerade vor 100 Jahren Jerome'Napoleon, der König von Westfalen, wozu auch Braunschweig damals gehörte, die Jacobson-Schule in Begleitung der Königin und feines Hofstaates besuchte und dort sogar die Gastfreundschaft Israel Jacobsons einen Tag und eine Nacht genoß. Ueberhaupt erregte die Anstalt in den ersten Jahren ihres Bestehens ein allgemeines Interesse. In das Fremdenbuch, das von 1804 bis 1831 geführt wurde, haben sich Künstler, Gelehrte, hohe Offiziere, Minister, Mitglieder regierender Fürstenhäuser usw. als Besucher eingezeichnet, z. B. Meherbeer, Spohr, David Friedländer, David Frankel, Preußischer Staatsminister Massow, General- Feldmarschall v. Nollendorf, die beiden Prinzen von Hessen, Emil und Gustav, mit Gefolge und der Erbgroßherzog von Mecklenburg- Schwerin. — Hamburg, 10. Juni. Im Jahre 1902 lag die Frage der Beisetzung von Afchenresten auf einem christlichen Begräbnisplatz in Westfalen dem Reichsgericht zur Entscheidung vor. Auf Grund von 71 an verschiedene Gemeinden gerichteten Anfragen kam der höchste Gerichtshof zu der Ueberzeugung, die allgemeine Volkssitte habe eine Ausdehnung dahin gefunden, daß durch die Gewohnheit, sich verbrennen zu lassen, auch die Friedhöfe zur Beisetzung von Aschenresten bestimmt seien. Im vorliegenden Streitfall handelt es sich um eine Klage gegen die Portugiesisch-jüdische Gemeinde in! Hamburg. Der Kläger besitzt auf dem Friedhofe ein Erbbegräbnis. Die Beklagte weigert sich. dort die Aschenreste der Mutter des Klägers an der vorbestimmten Begräbnisstelle beisetzen zu lassen. Sie berust sich auf jüdische Kultusvorschriften, die der Feuerbestattung entgegen- .ständen. Landgericht und Oberlandesgericht Hamburg gaben jedoch der Klage statt und verurteilten die Gemeinde zur Duldung der Beisetzung der Aschenreste im Erbbegräbnis. Das Oberlandesgericht legte dar, daß aus den jüdischen Kultusvorschriften gegen die Feuerchestattung nichts zu folgern und auch bei dem Vertrage bezüglich des Erbbegräbnisses an die Verbrennung nicht gedacht worden sei. Es sei deshalb davon auszugehen, was nach der Volkssitte als Begräbnisplatz . anzusehen ist. In dieser Beziehung habe aber das Reichsgericht schon früher entschieden, daß die Volkssitte hier eine Erweiterung erfahren habe. Jüdische Ritualvorschriften, nach denen die Feuerbestattung nicht erlaubt sei, habe die Beklagte nicht nachzuweisen vermocht. Gegen das Urteil des Oberlandesgerichts Hamburg legte die Beklagte Revision ein. Der VI. Zivilsenat des Reichsgerichts hat jedoch, entsprechend der früheren höchstrichterlichen Entscheidung, die Revision zurückgewiesen, wodurch das Urteil des Oberlandesgerichts bestätigt wird. 6. Speyer, 19. Juni. In der Angelegenheit der Besetzung der hiesigen Bezirks-Rabbinatsstelle hat die königliche Regierung der Pfalz im Vollzüge eines ministeriellen Entschlusses angeordnet, das; dieselbe nochmals neu zur Ausschreibung zu bringen sei, und zwar deshalb, weil die Gemeindevorstände ohne Spezialvollmacht der vorschlagsberechtigten Kultusgemeinden gehandelt haben. Nach einer Verordnung vom 8. Oktober 1823 sei zur Ausübung der diesbezüglichen Amtshandlungen eine entsprechende Vollmacht erforderlich, welche in ordnungsmäßiger Kultusgemeinde-Versammlung zu erteilen ist. Erst nachdem diese letztere in jeder Gemeinde ihrem Vorstande das Mandat übertragen hat, wird das Ausschreiben neu erfolgen. Wie merkwürdig, daß die Behörde, unter deren Leitung sich die bisherigen Amtshandlungen vollzogen haben, erst nachträglich auf die klugen Gedanken kommt! — In einer Reihe von Zeitungsartikeln in pfälzischen Blättern ist dem Wunsche Ausdruck gegeben, den Sitz des Rabbinats von Dürkheim nach der Kreishauptstadt Speyer zu verlegen. Oesterreich-Ungarn. O Wien, 21. Juni. In der letzten Plenarsitzung des Kultus- Vorstandes machte der Präsident Dr. Alfred Stern eine Mitteilung, die in mancher Beziehung charakteristisch ist. Ein Mäzen der Wissenschaft des Judentums. Herr Salo Cohn, hat nämlich zum Zwecke des Ankaufes eines Teiles der Bibliothek des verstorbenen Rabbiners R. B. Friedmann in Sadagora für die Gemeindebibliothek einen Betrag von 6000 Kronen zur Verfügung gestellt. Der Präsident bemerkthierzu, daß Herr Salo Cohn bereits vor einigen Jahren zum Andenken an seinen verewigten Vater die sehr wertvolle Halber- . stammsche Bibliothek der Kultusgemeinde gewidmet habe. Für Kenner ist diese Zusammenstellung der Bibliotheken von Halberstamm und dem Sadagoraer (llmssiäim-Rabbi nicht ohne humoristischen Beigeschmack. — Anläßlich der Ernennung Dr. H. Friedjungs zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften wird auf Vorgänge in Krukau und Budapest verwiesen, die sehr wertvolle Beiträge zur Zeitgeschichte liefern. Die polnische Akademie der Wissenschaften in Krakau hatte letzthin einen Preis von 3000 Kronen fi'* das beste geschichtliche Werk, das im letzten Jahre von einem p ischen Autor erschien, zu verleihen. Als solches wurde vom P lsrichterkollegium eine zweibändige Arbeit des Professors Dr. S. Askenasy in Lemberg, eines echten polnischen Patrioten, anerkannt. Allein der tüchtige Gelehrte mußte mit leeren Händen ausgehen, weil er auch das Unglück hat. Jude zu sein. Der Stifter des Preises hatte aber angeordnet, daß die Zuwendungen nur an Katholiken erfolgen dürfen. Dagegen kam in Ungarn unlängst eine Stiftung zur Verteilung, die der Budapester Jude Brody gemacht hat. Der in diesem Jahre fällige Betrag wurde nun zufälligerweise dem antisemitisch angehauchten Baron Kaas verliehen. Der jüdische Stifter hat es eben seinerzeit unterlassen, die Zuweisung der Stiftungsgelder an bestimmte konfessionelle oder politische Voraussetzungen zu knüpfen. Das wird die einsichtslosen Antisemiten aber nicht hindern, auch weiterhin von der jüdischen Intoleranz zu reden.